„Sisters & Brothers“ in der Kunsthalle Tübingen Geschwister zwischen Liebe und Hass

Wie du und ich: „Jenny und Robert“ (1968, Ausschnitt) von Helga Paris Foto: Kicken/Helga Paris

Beim Thema Bruder und Schwester kann jeder irgendwie mitreden. Trotzdem kann man in der Tübinger Ausstellung „Sisters & Brothers“ bei Geschwisterbildern aus fünf Jahrhunderten erstaunlich viel Neues entdecken.

Kultur: Adrienne Braun (adr)

Er hat ihn erschlagen. Er hat so lange mit dem Stein auf den Kopf des Bruders gehämmert, bis dieser mausetot war. So geht die biblisch überlieferte Geschichte der Brüder Kain und Abel aus. In zivilisierten Zeiten bekommt man seine Geschwister nicht so einfach los. Ob man sie liebt oder hasst, sich ihnen über- oder unterlegen fühlt, Geschwister begleiten die meisten Menschen meist ein Leben lang. Und manch einer muss sehr alt werden, um zu erkennen: Das ist auch gut so.

 

Hinter den Szenen erahnt man Schicksale

In der Kunsthalle Tübingen kann man sie nun treffen, Geschwister, die sich friedlich oder feindlich gesonnen sind, sich streiten, versöhnen oder verbünden. „Sisters & Brothers“ nennt sich die neue Sonderausstellung, die „500 Jahre Geschwister in der Kunst“ Revue passieren lässt und einen schon nach wenigen Schritten in ihren Bann zieht. Das liegt auch daran, dass die Werke so exquisit beleuchtet werden und wie magisch strahlen. So wird der Blick direkt hineingezogen in Szenen, die Lebensschicksale erahnen lassen.

Jede Zeit hat einen anderen Blick auf die Kindheit

Bloß: Kann die Kunst überhaupt etwas beisteuern zu einem Thema, bei dem doch jeder selbst Experte ist? Die Ausstellung streift zwar all die Emotionen, die Brüderchen und Schwesterchen umtreiben können, Konkurrenz und Neid, Bewunderung und Verbundenheit. Doch ob es die Kinder von Otto Dix sind, die auf dem Teppich toben, oder die kickenden Kids aus der DDR – die Fotos und Gemälde, Videos und Skulpturen verraten auch sehr viel über das, was zu verschiedenen Zeiten in Kindern gesehen wurde.

Töchter ohne besondere Merkmale

Denn wenn bei Hofe Porträts der Nachkommen angefertigt wurden, so nur deshalb, weil man die Kinder bestmöglich auf dem Heiratsmarkt anpreisen wollte. Die „Drei Winterthurerinnen“, die David Sulzer 1822 gemalt hat, wirken nachgerade wie Trophäen. Die jungen Frauen tragen identische Kleider, die sich nur in der Farbe unterscheiden. Eine individuelle Persönlichkeit wollte man den Mädchen offenbar nicht zugestehen.

Die Jungen müssen tapfere Männer werden

Auch der Maler Leopold Kupelwieser wird sehr genau instruiert worden sein, wie er die Söhne des reichen Bankiers von Neuwall zu malen hat: Albert, Moritz und Leopold wirken wie kleine Erwachsene, kontrolliert, aber auch entschieden. Sie halten Schild und Speer in den Händen, was ihre spätere Karriere als aufrechte, furchtlose Männer erahnen lassen soll. Die Buben stehen auf dem Gemälde im Freien, Elisabeth und Maja wurden 1873 dagegen von Anton Romaki im Innenraum gemalt. Sie halten Blümchen in den Händen, tragen nette Schürzchen – kein Zweifel, welches Rollenbild sie zu erfüllen hatten.

Kinder können also Statussymbole sein oder auch Objekt der Begierde – wie die Prinzessinnen Luise und Friederike von Preußen, auf die der Bildhauer Claude Gounaut offenbar auch begehrliche Blicke geworfen hat. Die kleine Magdalena und ihr Brüderchen Jan sind dagegen fürstlich ausstaffiert mit feinen Spitzenkragen, Schürzen, Schlaufen und Krönchen auf dem Kopf, damit auch jeder sehen kann, dass es der Papa zu etwas gebracht hat. Es sind die Kinder des Malers Cornelis de Vos, der auf dem Bild von 1621/22 aber doch nicht nur seinen Status zur Schau stellt. So, wie die Kinder zum Vater schauen, spricht auch sehr viel Nähe und Liebe aus dem Bild.

Der Bruder ist Kapitalist geworden

Wie nebenbei lassen sich an diesen Geschwisterbildern aus fünf Jahrhunderten gesellschaftliche Werte und Konzepte ablesen. Declan Clarke hat ein Video über sich und seinen Bruder gedreht. Der hat mit Immobilien viel Geld gemacht. Clarke staunt, wie man gleich aufwachsen und sich doch so unterschiedlich entwickeln kann. Der Bruder ist zum gut geölten Rädchen im Kapitalismus geworden, er selbst scheint das Gefühl zu haben, als Künstler und Lebenskünstler außerhalb des Systems zu stehen.

Der Maler gibt mit seinen Kindern an

Manche Bilder in der Ausstellung berühren ganz unmittelbar – etwa dort, wo die Schwester auf dem Totenbett liegt. Aber es wird auch viel darüber erzählt, wie die Kunst tickt, was Künstler oder auch ihre Auftraggeber interessierte. Als Jan Harmensz Muller seinen Kupferstich zu Kain und Abel anfertigte, ging es ihm keineswegs um Moral und Gottesfürchtigkeit. Ihn faszinierte allein die Figurenkonstellation. Die zwei nackten Brüder sind mit dicken Muskeln bepackt, die der Künstler sorgfältig mit feinen Schraffuren modelliert hat. Vor allem die Perspektive seines ringenden Duos ist bemerkenswert: Der Blick ist genau zwischen die gespreizten Beine des armen Abels gerichtet, direkt aufs Geschlecht.

Ausstellung „Sisters & Brothers“
, Kunsthalle Tübingen, bis 16. April 2023, täglich geöffnet, Montag bis Sonntag 11 bis 18 Uhr, Donnerstag 11 bis 19 Uhr, https://kunsthalle-tuebingen.de/

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