Skandal in Altenpflege Etappensieg für Augustinum nach dubiosen Geschäften

Senioren vor einem Altenheim der Augustinum-Gruppe. Foto: dpa
Senioren vor einem Altenheim der Augustinum-Gruppe. Foto: dpa

Vor Jahren verkaufte der Sozialkonzern Augustinum fast ein Dutzend Immobilien an eine dubiose Firma, um seine Bilanz aufzuhübschen. Das Geschäft ging daneben. Mit den juristischen folgen kämpft der Altenheim-Betreiber noch heute.

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München - Es ist ein Wirtschaftskrimi, wie er im Buche steht. Schon die Zutaten haben es in sich – evangelische Kirche und luxuriöse Seniorenstifte, Korruptionsverdacht und ein verstorbener Aufsichtsratschef. Seit fast zwei Jahren schlägt sich der kirchennahe Sozialkonzern Augustinum in München mit dieser Gemengelage herum. Nun bekommt er langsam wieder das in seine Verfügungsgewalt zurück, was teilweise fahrlässig mutmaßlichen Betrügern übereignet wurde – die Mehrzahl seiner bundesweit 23 Altenheime.

„Wir sind froh, dass wir die ersten drei Häuser wieder zurück haben, für unsere Bewohnerinnen und Bewohner ist das eine gute Nachricht“, sagt Augustinum-Sprecher Matthias Steiner. Sonst könne er leider nichts sagen und die Geschäftsführung schon gar nicht – wegen laufender Verfahren. Weil sich auch die wegen Betrug und Bestechung ermittelnde Münchner Staatsanwaltschaft in Schweigen hüllt, ist der Fall nicht leicht zu erklären. Final geklärt ist noch wenig außer dem Schicksal der drei erwähnten Häuser. Das sind die Seniorenstifte Bad Soden bei Frankfurt, Heidelberg und München-Nord, die nun wieder offiziell dem Augustinum gehören. Elf weitere Häuser von Hamburg über Bonn bis Stuttgart sind von der Staatsanwaltschaft im Zuge einer Rückgewinnungshilfe für das Augustinum beschlagnahmt.

Um das zu verstehen, muss man in der Geschichte zurück in die Jahre 2011 bis 2013 und auch Markus Rückert kennen. Der 64-jährige Theologe und Betriebswirt gilt in ökonomischer Hinsicht als eine Art protestantischer Vorzeigepfarrer. Sein Vater Georg hatte 1954 das Augustinum gegründet, aus dem über die Jahre Deutschlands führender Anbieter luxuriöser Altenheime mit 7400 dort lebenden Senioren entstanden ist. Sohn Markus hat das Erbe fortgeführt und gezeigt, dass auch Glaubensmänner weltlich erfolgreich wirtschaften können. Bis dann der Sündenfall kam. Vor einigen Jahren kam Rückert nämlich auf die Idee, elf Augustinum-Stifte an die unbekannte Firma Nordic Kontor (NK) aus Schleswig-Holstein zu verkaufen. Eigentlich wurde ihm die Idee eingeflüstert, heißt es in Rückerts Umfeld und zwar vom früheren Augustinum-Mitgeschäftsführer Kurt Wilkin und dem 2014 verstorbenen Aufsichtsratschef Artur Maccari, einem Anwalt aus Schwaben. Geld hatte NK aber keines, weshalb das Augustinum (Jahresumsatz 340 Millionen Euro) dem Käufer die nötigen 728 Millionen Euro kurzerhand lieh. An diesem Punkt kann man stutzig werden. Rückert wurde es zunächst nicht. Erst im Sommer 2014 hat der wie ein Familienunternehmen geführte Sozialkonzern Strafanzeige wegen Betrugs gestellt gegen Wilkin, zwei NK-Manager und einen Mittelsmann. Die Betroffenen bestreiten jede Schuld. Knapp zwei Jahre und zweieinhalb Dutzend Gerichtsverfahren später zeichnet sich Folgendes ab. Das Augustinum, das die Häuser nach dem Verkauf zurückgemietet hat, wollte mit dieser Aktion die eigene Bilanz von potenziellen Risiken befreien und aufhübschen. Die Verträge mit NK waren aber in Wahrheit so gestrickt, dass alle Vorteile beim Käufer und alle Nachteile beim Verkäufer lagen.

Auch der Vorwurf von Schmiergeld steht im Raum

Richtig kriminell wird es beim Vorwurf, die Häuser hätten den Besitzer deutlich unter Marktwert gewechselt, wobei zudem Schmiergelder abgezweigt worden sein sollen. Von 36 Millionen Euro ist die Rede. Wilkin saß über Monate in Untersuchungshaft. Das Augustinum kämpft nun um eine Rückabwicklung aller Verkäufe, um Schadenersatz in zweistelliger Millionenhöhe und versucht bei NK zu holen, was noch zu holen ist. Selbst wenn die Münchner ihre Seniorenimmobilien am Ende komplett zurückbekommen, droht ein Schaden in der Dimension von 70 Millionen Euro. In der Augustinum-Bilanz 2014 hat entsprechende Vorsorge für 33 Millionen Euro Verlust gesorgt. Der Abschluss für 2015 liegt noch nicht vor. Er weist aber dem Vernehmen nach wieder Gewinne aus.

Die Zivilprozesse zum Schicksal der elf noch beschlagnahmten Seniorenstifte ruhen derzeit. Die Zivilgerichte warten, ob Staatsanwälte gegen Wilkin, die beiden NK-Manager und ihren Helfer Anklage erheben, was nach den bisherigen Erkenntnissen in Zivilprozesses recht wahrscheinlich ist. Auch gegen Rückert wird ermittelt wegen mutmaßlicher Verletzung von Kontrollpflichten. Allzu gutgläubig soll er die Immobilienverträge unterzeichnet haben, wie eine Richterin in einem der Zivilprozesse jüngst moniert hat. Maccari und Wilkin seien eben absolute Vertrauenspersonen gewesen, heißt es in Rückerts Umfeld. Was solle man schon machen, wenn ein Oberaufseher mit einem Geschäftsführer gemeinsame Sache macht?

Für das Augustinum sei das alles natürlich nicht gut, aber die Existenz sei zu keiner Zeit bedroht gewesen und die Heimbewohner könnten auch ruhig schlafen. Im übrigen ist das Augustinum zuversichtlich, auch die übrigen elf Stifte mit Hilfe irdischer Gerichte bald wieder unter Kontrolle zu bekommen.

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