Skandal-Rede von Sibylle Lewitscharoff Eine Autorin entzaubert sich

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Die Büchnerpreisträgerin Sibylle Lewitscharoff hat in einer skandalösen Rede Kindern, die auf dem Weg der künstlichen Befruchtung erzeugt wurden, die Würde abgesprochen. Damit hat sie sich jenseits der Grenzen des Tolerierbaren begeben.

Sibylle Lewitscharoff sorgt mit ihrer Schicksalspredigt für Empörung. Inzwischen hat die Autorin eine ihrer Aussagen zurückgenommen. Foto: dpa
Sibylle Lewitscharoff sorgt mit ihrer Schicksalspredigt für Empörung. Inzwischen hat die Autorin eine ihrer Aussagen zurückgenommen. Foto: dpa

Stuttgart - Das Wort von Schriftstellern gilt viel. Nicht nur das zwischen reale oder virtuelle Buchdeckel gepresste, dem sie ihren literarischen Rang verdanken, sondern auch darüber hinaus. Wenn es in der Ukraine brodelt, wenn die Schweizer fremdeln und die Ungarn politisch regredieren, dann sind Schriftsteller gefragte Gesprächspartner. In der Wertschätzung ihres Urteils überlebt in säkularisierter Form ein archaischer Weisheitsvorbehalt, der sie über die Froschperspektive konkurrierender Experten und anderer Einschätzungsspezialisten erhebt. Es gibt gute Gründe, ihnen kraft ihrer literarischen Weltschöpfungspotenz einen Blick aufs Ganze zuzubilligen, der produktiv von dem abweicht, über was alltäglich Konsens zu bestehen scheint. Aber es gibt ebenso in trauriger Regelmäßigkeit erschütternde Fälle, in denen der sehende, mahnende, eifernde Dichter sich als falscher Priester erweist und auf dem Feld des Politischen und Gesellschaftlichen gänzlich verspielt, was er sich auf dem des Ästhetischen errungen hat.

Das jüngste Beispiel dieser Art hat die gebürtige Stuttgarterin und Büchnerpreisträgerin Sibylle Lewitscharoff mit schockierenden Sätzen über künstliche Befruchtung und die daraus hervorgegangenen Kinder am letzten Sonntag in einer Veranstaltungsreihe des Dresdner Schauspiels geliefert. Diese seien nicht ganz echt, „sondern zweifelhafte Geschöpfe, halb Mensch, halb künstliches Weißnichtwas“. Lewitscharoff preist sich glücklich, ihre Existenz nicht solchen Maßnahmen zu verdanken, bekennt sich zum biblischen Onanieverbot und wütet gegen lesbische Paare, die sich eben mal „ein Kind besorgen“, indem ein Spender herangezogen werde, sein Sperma abzuliefern. Dies alles sei Teufelswerk, eine Hybris wider die Schöpfung. Es erinnert die Autorin, die in diesem Fall eher einer Hasspredigerin gleicht, an die Züchtungspraktiken der Nazis.

Mehr als provokant-schrulliges Geschwäbel

An deren Ausschließungs- und Ent­artungshysterie wiederum knüpft ihre eigene Rede mit Vokabeln wie „widerwärtig“, „abscheulich“, „Halbwesen“ an, wie der Chefdramaturg des Dresdner Schauspiels, Robert Koall, in einem Offenen Brief feststellt, in dem er sich von dem Auftritt Lewitscharoffs distanziert: „Man muss sehr viel Selbstbeherrschung aufbringen“, so Koall, „um sich vom Sprachduktus nicht an Zeiten erinnert zu fühlen, in denen eine solche Wortwahl dazu diente, die Würde von Menschen antastbar zu machen.“

Bei den Dresdner Reden werden Persönlichkeiten aus Kunst, Politik und Wissenschaft eingeladen, um in die Zeit zu blicken und das Theater zu einem Ort der lebendigen, kritischen Auseinandersetzung zu machen. Vor Lewitscharoff haben hier etwa Heribert Prantl über die Grundrechte, Roger Willemsen über die Kultur des Engagements und Jürgen Trittin über die Renaissance des Nationalen nachgedacht. „Von der Machbarkeit – Die wissenschaftliche Bestimmung über Geburt und Tod“ war Lewitscharoffs Vortrag betitelt. Vor allem was den Tod angeht, hätte jeder mit dem Werk einigermaßen Vertraute ihr eine profunde Kennerschaft durchaus zugebilligt. Das aber, was die Autorin dann ihren Zu­hörern zugemutet hat, dürfte selbst die glühendsten Verehrer zutiefst erschreckt und überrascht haben. Umso mehr als Lewitscharoff in ihrem sonst als provokant-schrullig und liebenswert empfundenen Geschwäbel gleich harsch verkündet, für keine Scherze zu haben zu sein. Diesmal sei es ihr Ernst, was noch die letzte Hoffnung vereitelt, es vielleicht doch nur mit einem besonders maliziösen Fall jener flutenden Ironie zu tun zu haben, die die Autorin für gewöhnlich pflegt.

Lewitscharoff begeht moralischen Suizid

Es geht um das gute Sterben, für das sie in ihrer Biografie mit der gottesfürchtigen und verehrten Großmutter ebenso ein Beispiel findet, wie für dessen Gegenteil in dem für die Heranwachsende grausamen Suizid ihres Vaters. Als Gynäkologe erscheint er zudem wie der heimliche Adressat dieser Invektive gegen die frankensteinhaften Medizinmänner, die es an Demut gegenüber dem gottgewollten Schicksal fehlen ließen.

Doch so, wie sich das Kind einmal vom eigenen Vater hintergangen gefühlt haben muss, ergeht es Lewitscharoffs Leser angesichts des moralischen Suizids, den sie hier verübt. Unter dem Banner mutiger Querdenkerei restauriert sie eine dumpfe Orthodoxie, als wäre dies nicht der abgeschmackteste Winkelzug all derer, die den finstersten Kollektiv-Affekten nach dem Mund reden, um sich dann als Märtyrer des Tugendterrors feiern zu lassen. Die gesunde Empfindung, aus der die zum rechten Glauben bekehrte einstige Trotzkistin ihren Abscheu destilliert, war schon immer der Pfuhl, aus dem die übelsten Verfehlungen krochen. Denn die wahren Chimären sind nicht die Kinder der Reproduktionsmedizin, es sind die Ausgeburten aus falscher Frömmelei, reaktionärer Zivilisationskritik und sinistrem Biologismus.

Die Autorin distanziert sich von einer Aussage

Es ist zu befürchten, dass die eifernde Schicksalsapologetin durch ihre Predigt ebenso viele Verteidiger hinzugewinnen wird, wie Leser von ihr abfallen. Sie, die einmal aufgebrochen ist, die intellektuelle Lufthoheit alter Herren vom Schlage Günter Grass’ zu brechen, tritt nun in die ab­wegigsten Fußstapfen.

„Das Glück ist eh ein flüchtiges Bürschle im Flatterhemd, welches schneller flieht, als dass man es festhalten könnte“, heißt es gegen Ende ihrer Rede. Die Freude an solchen Sätzen ist einem gründlich vergangen. Und wie einsam erscheint mit einem Mal die wahnsinnsschräge Figur jenes Pong, mit dem die Autorin ­Lewitscharoff einst ins Leben getreten ist und der sich doch eindeutig einer intellektuellen Invitro-Fertilisation verdankt.

Inzwischen hat sich die Autorin von einem Teil Ihrer Aussagen distanziert. Am Freitag sagte sie im ZDF-“Morgenmagazin“, dass es ihr leidtue, den Begriff „Halbwesen“ verwendet zu haben. „Ich würde niemals ein Kind, das auf diese Weise zur Welt kam, als fragwürdigen Menschen bezeichnen“, sagte die Schriftstellerin im Interview. Sie fügte hinzu: „Den Kindern werfe ich überhaupt nichts vor, sie können nichts dafür, wie sie auf die Welt kamen. Ich bin aber skeptisch gegenüber den modernen medizinischen Methoden.“ Es verursache ihr Unbehagen, dass auf der einen Seite Millionen Kinder in ärmlichen Regionen ein entsetzliches Leben führten, Eltern in reichen Regionen dagegen versuchten, auf künstlichem Wege Kinder zu zeugen.