Skispringen Die filmreife Rückkehr von Daniel-André Tande

Daniel-André Tande überrascht am Holmenkollen auch sich selbst. Foto: imago/Damian Klamka

Dieser Sieg rührt zu Tränen: Ein Jahr nach seinem Horrorsturz gewinnt der norwegische Skispringer in Oslo. Und die Geschichte von Daniel-André Tande ist noch längst nicht zu Ende erzählt.

Sport: Jochen Klingovsky (jok)

Stuttgart - Es ist beileibe nicht so, dass Karl Geiger ein Problem damit hätte, seinen Kollegen einen Erfolg zu gönnen. Dieser Post allerdings war dem Skispringer aus Oberstdorf ein ganz besonderes Bedürfnis. Denn es ging um Daniel-André Tande, den Norweger, mit dem er sich ziemlich gut versteht. „Du hast die Schanze gerockt!“, schrieb Karl Geiger also in den sozialen Medien, und das war nicht nur die Gratulation zum Sieg am legendären Holmenkollen in Oslo, sondern vor allem ein Ausdruck ehrlicher Freude. Denn es ist noch nicht lange her, da war alles andere als sicher, ob Daniel-André Tande jemals wieder bei der Musik sein kann. Jetzt steht fest: Er kann!

 

Grausame Bilder, schlimme Verletzungen

Knapp ein Jahr liegt der Horrorsturz nun zurück, der die Karriere des Norwegers hätte beenden können. Und auch das Leben, das er liebt. Im Probedurchgang fürs Skifliegen im slowenischen Planica hatte Tande in der Luft die Kontrolle über seine Skier verloren. Er knallte aus acht Meter Höhe auf den harten Aufsprunghügel, überschlug sich, rutschte regungslos fast den gesamten Hang hinunter. Es waren grausame Bilder, und es waren schlimme Verletzungen.

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Der Olympiasieger und Skiflug-Weltmeister erlitt eine Lungenverletzung, musste intubiert und mechanisch beatmet werden, er brach sich das Schlüsselbein, im Gehirn bildeten sich mehrere Blutgerinnsel. Tande wurde vier Tage lang in ein künstliches Koma verletzt, es ist vor allem für seine Familie eine harte Zeit gewesen. „Ihre größte Sorge war, dass ich nicht mehr ich selbst bin, sondern ein anderer Mensch“, sagt der Norweger, dem es enorm hilft, sich an nichts mehr erinnern zu können: „Der Kopf macht das schon richtig. Ich weiß von dem Ganzen einfach nichts.“

Das erleichterte auch die Rückkehr auf die Schanze.

Schon kurz nach dem Aufwachen war für Tande klar, dass er zurückwill in die Spur, sich nicht von einem Trauma besiegen lassen möchte, selbst entscheiden wird, wann seine Karriere zu Ende ist. Und dann ging sogar alles viel schneller als erhofft.

Nach dem Sieg fließen die Tränen

Bereits im Sommer ist Tande (28) wieder gesprungen, er kehrte flugs in den Weltcup zurück. Mitte Dezember stand er als Zweiter in Klingenthal erstmals auf dem Podium, es gab aber auch immer wieder Rückschläge. Erst bei der Vierschanzentournee, dann wegen einer Corona-Infektion auch bei den Olympischen Spielen. Doch Tande sprach nicht nur davon, mental stark zu sein, er hat es gezeigt. Immer wieder – und nun erst recht in Oslo, bei seinem ersten Weltcup-Erfolg nach mehr als zwei Jahren. Anschließend gab es kein Halten mehr.

Der Sieger weinte an der Schulter seiner Mutter Trude, er war total aufgelöst. „Das ist krank, völlig krank, das ergibt keinen Sinn“, sagte Tande beim unmöglichen Versuch, seine Emotionen in Worte zu fassen. „Zu Hause in Oslo zu gewinnen – besser wird es nicht.“ Am Holmenkollen hatte er nicht nur seine Familie und seine Freunde überrascht, sondern auch sich selbst. „Ich glaube“, meinte er, „das hat niemand erwartet.“

Jetzt geht es zum Skifliegen nach Vikersund

Alexander Stöckl, der österreichische Cheftrainer der Norweger, dessen schockierter Gesichtsausdruck nach dem Sturz von Tande in Planica für immer im Gedächtnis bleiben wird, sprach von einem der „großen Augenblicke im Kreis der Skisprung-Familie“. Und der norwegische Sportdirektor Clas Brede Braathen sagte: „Daraus kann man nicht mal einen Film machen – das wäre zu dämlich, zu schön.“ Und die Geschichte ist auch noch lange nicht zu Ende erzählt.

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Denn nun reist ausgerechnet Daniel-André Tande als Sieger weiter nach Vikersund. Dort beginnt an diesem Donnerstag die Weltmeisterschaft im Skifliegen, auf einer Schanze, die „Monsterbakken“ genannt wird. Und auf der ein Norweger, der keine Erinnerung an seinen letzten Auftritt (und Absturz) als Skiflieger hat, auf jeden Fall an den Start gehen will. „Ich verspreche“, sagte er nach seinem Sieg in Oslo, „dass ich es auf jeden Fall versuchen werde.“

Karl Geiger kann den nächsten Post über Daniel-André Tande schon mal vorbereiten.

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