Skispringen Severin Freund wagt einen letzten Kraftakt

Er will es noch einmal wissen: Severin Freund Foto: dpa/Urs Flueeler
Er will es noch einmal wissen: Severin Freund Foto: dpa/Urs Flueeler

Nach einer irren Verletzungsserie und mit immerhin auch schon 32 Jahren hätte sich der Skispringer nach Jahren des Leidens auch sagen können: Die Corona-Krise ist der richtige Moment, um die Karriere zu beenden. Macht er aber nicht!

Sport: Dominik Ignée (doi)

Stuttgart - Severin Freund ist in den sozialen Medien aktiv und postet hier und da lustige Fotos. Mal beißt er im Auto von einem Riegel ab, mal lümmelt er mit seinen Teamkollegen im Hotelzimmer herum, natürlich tragen die Burschen ihre Masken. Dann wieder posiert Freund neben einer Schaufensterpuppe in Skimontur. Seine Fans kommentieren die Bilder rege, und manchmal mischt sich unter die Beiträge ein emotionaler Ausbruch, der mit den Fotos überhaupt nichts zu tun hat. „Wir wollen dich wieder springen sehen!!!“, schreibt eine Facebook-Freundin und offenbar glühende Verehrerin des Skispringers.

Sie werden Severin Freund wieder springen sehen, an diesem Wochenende beim Saisonauftakt im polnischen Wisla, aber diese Nachricht grenzt schon an ein kleines Wunder. Nach einer irren Verletzungsserie und mit immerhin auch schon 32 Jahren hätte sich der Springer nach Jahren des Leidens auch sagen können: Die Corona-Krise ist der richtige Moment, um einen Schnitt zu machen. Die Skirennläuferin Viktoria Rebensburg und andere Wintersportler haben es so gehalten und sich verabschiedet. Doch der im tiefsten Bayerischen Wald geborene Freund wagt einen letzten Kraftakt. Er will es noch einmal wissen, sich noch einmal herantasten an das Niveau seiner Kollegen.

Das Feuer ist noch nicht aus

Rücktritt? „Daran würde ich denken, wenn ich mir sage: Das Feuer ist aus“, sagt Severin Freund. Auch wenn er körperlich nicht mehr in der Lage sei und die Leistung nicht mehr stimmen würde, könnte er sich ein Karriereende vorstellen. Aber so ist es nicht, noch nicht. Kürzlich bei den deutschen Meisterschaften wurde er Fünfter, das war ein sehr ordentliches Ergebnis. Sein Auftritt zeigte zwar, dass ihm noch etwas fehlt auf Kollegen wie den deutschen Meister Markus Eisenbichler und andere. Aber aus der Welt ist Severin Freund noch nicht.

Der Bayer ist hochdekoriert mit Auszeichnungen. Er ist Team-Olympiasieger, zweifacher Weltmeister, Skiflugchampion, 2015 siegte er sogar im Gesamtweltcup. Im November 2016 gewann er seinen letzten von 22 Einzel-Weltcups – danach ist in seiner bis dahin beispiellosen Karriere der Faden abgerissen. Er musste sich an der Hüfte operieren lassen, erlitt zwei Kreuzbandrisse, wurde am Meniskus operiert und verpasste durch sein Verletzungspech zwei Nordische Ski-Weltmeisterschaften und die Winterspiele 2018 in Südkorea. Nach Rückenproblemen stieg er erst Ende Februar 2020 zu den Springen in Rașnov in die Saison 2019/20 ein. Vier Jahre befand sich Freund also im Tief – da kann man den guten Glauben an sein Sportlerdasein schon mal verlieren.

Es hat sich viel verändert

Severin Freund hat aber nicht aufgegeben – sondern gekämpft. „Nach vorne ist noch Luft“, sagte er nach seinem fünften Platz bei den nationalen Meisterschaften. Er muss sich auch noch daran gewöhnen, dass sich der Sport entwickelt hat – ohne ihn. Die Anlaufgeschwindigkeiten sind höher geworden, der Übergang von der Absprung- in die Flugphase muss noch schneller erfolgen als vor vier Jahren. Freund sollte da erst noch den Dreh herausfinden. „Der ganze Sport hat sich verändert, auch körperlich hat sich was getan. Mit meiner Form von früher komme ich da nicht mehr vorne rein“, sagt der Bayer, der begeistert ist von den Vorstellungen des Japaners Ryoyu Kobayashi. „Er hat in den vergangenen zwei Jahren der Welt gezeigt: So kann man auch springen.“

An solche Kaliber möchte Freund noch einmal herankommen. Am Verletzungspech zu verzweifeln und aufzugeben – so will er sich nicht verabschieden. Dass die Stimmung im Team inspirierend und Freund kraft seines positiven Charakters ein wichtiger Baustein im Mannschaftsgefüge ist, auch das hat dazu geführt, dass er weitermacht. Er will die Jungs noch nicht alleinelassen. Er braucht das Team – und das Team braucht seinen ehemaligen Leader. Außerdem geht er daheim in München zwar in seiner Vaterrolle auf, doch wenn er weg ist, muss er sich keine Sorgen machen. „Ich kann mich glücklich schätzen, dass ich so eine tolle Ehefrau habe, die mich unterstützt und zu Hause alles managt“, sagt Freund.

Einen Versuch wird er sich wohl noch mal geben. Geht er schief, bleibt Vati zu Hause. Aber was ist, wenn er gut geht? Dann wird man den hochveranlagten Skispringer Severin Freund noch ein paar Mal springen sehen. Seine Fans wünschen sich das. Und er sich auch.

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