Am Samstag beginnt in Oberstdorf die Vierschanzentournee. Die deutschen Springer haben so gute Siegchancen wie schon lange nicht mehr. Auch wenn Severin Freund die Favoritenrolle weit von sich weist.

Oberstdorf - Nein, Severin Freund mag es gar nicht, dieses schlimme F-Wort. Favorit? Er? Igitt! Auf gar keinen Fall will er in die Sonderrolle des Skispringers gehoben werden, der vor Beginn der Vierschanzentournee am Samstag in Oberstdorf mit diesem fiesen F-Wort versehen wird. Dass er bis zum letzten Springen vor dem Großereignis noch das Gelbe Trikot des Weltcup-Gesamtführenden trug und nun knapp Zweiter hinter dem Österreicher Gregor Schlierenzauer ist – das zählt nicht für ihn. Dass er in dieser Saison bereits zwei Wettkämpfe gewonnen hat und in sieben Springen nur einmal schlechter als Platz sechs war – das zählt nicht für ihn.

„Für mich zählen nur meine Sprünge“, sagt der 24-jährige Bayer. Über seine Chancen auf einen Gesamtsieg will Freund gar nicht erst reden. Was seine Ziele angeht, gibt er sich ziemlich zurückhaltend dafür, dass er derzeit so stark ist wie noch nie in seiner Karriere: „Mal ein Podestplatz, vielleicht ein Tageserfolg.“

Nicht nur Freund ist in Topform

Weil Freund ja nicht nur sportlich in der deutschen Mannschaft den Ton angibt, folgen seine Teamkollegen ihm auch bei den Voraussagen für die Tournee. Richard Freitag nimmt zwar das F-Wort in den Mund, betont jedoch: „Die Favoritenstellung wird eh überbewertet.“ Offensiv nach vorne prescht also keiner der Athleten des Deutschen Ski-Verbands (DSV). Dabei hätten sie wirklich allen Grund dazu, nicht nur Freund ist in herausragender Verfassung.

Andreas Wellinger hat sich in seiner ersten Saison bereits sensationell in die Weltelite katapultiert. Zuletzt in Engelberg wurde der 17-Jährige Zweiter, in der Gesamtwertung steht er auf Platz vier. Freitag ist in dieser Rangliste Siebter und hat sich bisher kontinuierlich gesteigert. Auch Michael Neumayer und Andreas Wank springen regelmäßig unter die besten 15. Die Deutschen zeigen sich als Team auf so einem hohen Niveau, dass ein erfahrener Athlet wie Martin Schmitt heute und morgen beim zweitklassigen COC-Cup in Engelberg noch darum kämpfen muss, einen Platz im zwölfköpfigen Aufgebot zu ergattern. Zudem liegen die DSV-Springer in der Nationenwertung ganz knapp hinter den sonst so dominierenden Österreichern.

Der Bundestrainer stapelt tief

Wie sehr sie den Platzhirschen, die die vergangenen vier Tourneen gewonnen haben, auf die Pelle gerückt sind, lässt sich am besten an deren Reaktionen erkennen. Denn der österreichische Cheftrainer Alexander Pointner stichelt bereits gegen den Rivalen. „Der Wissenstransfer ist angekommen“, sagt der 41-Jährige. „Sie haben es geschafft, einige Jahre sehr tief zu stapeln. Nach den bisherigen Ergebnissen können sie aber nicht mehr erzählen, sie seien im Aufbau. Sie spielen im Konzert der Großen mit.“ Pointner kommt das heikle F-Wort im Zusammenhang mit den Nachbarn leicht über die Lippen: „Das sind wirkliche Favoriten.“ Nur um dann selbstsicher zu betonen: „Ob sie der Belastung standhalten, wird sich weisen.“

Sein Kollege Werner Schuster hat die Nervosität zufrieden registriert, antwortet auf solche Spitzen aber nur mit noch mehr Bescheidenheit. Der Bundestrainer findet immer wieder neue Wege, um tiefzustapeln. Er bezeichnet die aktuelle Situation als schöne „Momentaufnahme“. Einen Sieg im Nationencup erachtet er als unmöglich: „Dafür haben wir nicht die Substanz.“

Und dann wählt Schuster noch zwei Gleichnisse, um darzustellen, wie wichtig es ist, bloß nicht übermütig zu werden. „Wir sind einen Schritt weiter als im Vorjahr. Aber wir werden die Leiter nicht künstlich erhöhen und zwei Schritte auf einmal machen, nur um dann ins Leere zu treten.“ Beim zweiten schlägt er die Brücke zum Fußball. „Borussia Dortmund sagt ja auch nicht zum FC Barcelona: Die hauen wir weg!“ Und so betont der Österreicher, es sei unseriös, die Ziele nach oben zu setzen.

Einheitliche technische Linie

Dass sich der von Pointner angesprochene Wissenstransfer in Deutschland positiv auswirkt, streitet Schuster dagegen nicht ab: „Wir haben Qualität.“ Er kann auch genau aufzählen, woran das liegt. Es ist die einheitliche technische Linie, nach der alle Athleten mittlerweile trainieren. Es ist die gemeinsame Arbeit der A-, B- und C-Kader, die den internen Konkurrenzkampf fördert. Es ist der konsequente Umgang mit Materialneuerungen – wie die frühe Umstellung auf den engen Anzug, bei der Bindung sieht Schuster sogar einen „Vorsprung“. Und es ist die besondere Stimmung innerhalb der Mannschaft. „Das Team funktioniert“, sagt der Bundestrainer. „Wir haben eine gute Mischung und somit ein angenehmes Ambiente, um Leistung zu bringen. Das muss Fügung sein.“

Vor allem den ausgeprägten Mannschaftsgeist heben die Athleten hervor. Auch abseits der Schanze verbringen sie viel Zeit miteinander, meist beim Schafkopfspielen. „Ich hatte nie das Gefühl, der Neue zu sein“, erzählt Andreas Wellinger. Severin Freund betont: „Es wäre nicht authentisch, wenn die Jungen unsere Taschen tragen müssten.“ Und schließlich findet er sogar eine Formulierung mit diesem vermaledeiten F-Wort. „Ich empfinde es als große Ehre, Mitfavorit zu sein“, sagt er. Zu mehr lässt sich Freund nicht hinreißen. Dafür gefällt es ihm und dem DSV-Team in der derzeitigen Lauerstellung viel zu gut.