Skispringer Stoch triumphiert in Bischofshofen König Kamil beherrscht die Tournee

Auf den Schultern der polnischen Kollegen: Skispringer Kamil Stoch nach seinem Sieg bei der Vierschanzentournee. Foto: AFP/Georg Hochmuth
Auf den Schultern der polnischen Kollegen: Skispringer Kamil Stoch nach seinem Sieg bei der Vierschanzentournee. Foto: AFP/Georg Hochmuth

Überflieger Stoch gewinnt den goldenen Adler – und die Konkurrenz erkennt die Vormachtstellung des Polen an: „Er ist der perfekte Skispringer!“

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Bischofshofen/Stuttgart - Der letzte Absprung, die letzte Landung, der Rest war: Jubel. Erst ballte Kamil Stoch (33) die Faust, dann küsste er das Kamera-Objektiv, ehe ihn seine Kollegen hochleben ließen. Der Pole hat am Mittwoch durch einen überlegenen Sieg in Bischofshofen die Vierschanzentournee 2021 nicht nur gewonnen – König Kamil beherrschte die Konkurrenz nach Belieben.

Schon vor dem Finale waren sich alle einig gewesen: Athleten wie der am Ende zweitplatzierte Karl Geiger („Macht er einen gescheiten Wettkampf, holt ihn keiner mehr“), Trainer wie Stefan Horngacher („Es müsste schon ein Wunder geschehen“), Experten wie Sven Hannawald („Das lässt er sich nicht nehmen“), dazu sein Sportdirektor Adam Malysz („Der Vorsprung ist groß genug“) – keiner glaubte an einen Absturz von Stoch. Und alle behielten recht. Der Pole triumphierte mit der Souveränität eines Superstars, über die nicht nur Olympiasieger und TV-Kommentator Martin Schmitt staunte: „Er ist auf einem Wahnsinns-Niveau gesprungen. Das war überragend.“

Horngacher: „Stoch ist ein absoluter Profi“

Und ist nicht unbedingt zu erwarten gewesen, schließlich hatte es Stoch vor Weihnachten in den sieben Weltcup-Springen nur einmal aufs Podest geschafft (als Zweiter in Engelberg) und war auch bei der Skiflug-WM leer ausgegangen. Allerdings gibt es bei Stoch immer auch die zweite Seite der Medaille zu beachten: Kaum einer versteht es wie er, voll auf der Höhe zu sein, wenn es zählt. „Er fordert sich selbst brutal“, sagte Stefan Horngacher, „wenn er nicht gewinnt, geht er extrem hart mit sich ins Gericht.“

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Horngacher weiß, wovon er spricht. Bevor er 2019 Bundestrainer wurde, war er drei Jahre lang Coach des polnischen Teams. In dieser Zeit fügte Stoch seinen beiden Einzel-Olympiasiegen von Sotschi in Pyeongchang (2018) ein weiteres Einzel-Gold von der Großschanze hinzu, zudem gewann er erneut den Gesamtweltcup (2018) und gleich zweimal die Vierschanzentournee – 2017/18 sogar als Zweiter nach Hannawald mit Siegen in allen vier Springen. „Er ist ein absoluter Profi, der alles dem Sport unterordnet, auch sein Privatleben. Er gibt alles für den Erfolg, das ist eine außergewöhnliche Fähigkeit“, erklärte Stefan Horngacher, „zudem ist er ein unglaublich talentierter Sportler, der alles kann – Absprung, Flug, Landung. Dazu kommt, dass sein Körper zu 100 Prozent gebaut ist für diesen Sport.“ Kurzum: „Kamil Stoch ist der perfekte Skispringer!“

Bei dem auch der Kopf mitspielt.

Als dem polnischen Team nach dem positiven Corona-Test von Klemens Muranka vor dem Auftakt in Oberstdorf der Ausschluss drohte, war die Aufregung groß – bis in die höchsten Kreise der Politik, schließlich ist Skispringen in Polen Nationalsport. Am Ende reichten ein paar negative Tests, um doch die Startfreigabe zu erhalten. Von Stoch, Fan des FC Liverpool und in der Heimat so populär wie Weltfußballer Robert Lewandowski, war während des ganzen Tohuwabohus wenig zu hören. „Mein Weg ist, nicht zu viel nachzudenken“, sagte er, nachdem er in Innsbruck durch eine herausragende Leistung die Führung in der Gesamtwertung übernommen hatte, „Oberstdorf ist Geschichte, das haben wir längst abgehakt. In unserem Sport muss man am Boden bleiben und nicht mehr tun, als man tun kann.“

Überragendes polnisches Teamergebnis

Den Polen ist das ganz gut gelungen. Titelverteidiger Dawid Kubacki wurde Gesamt-Dritter, auch Piotr Zyla (5.) und Andrzej Stekala (6.) landeten ganz weit vorne. Was auch zeigte, dass der vorübergehende Ausschluss in Oberstdorf das Team noch einmal angestachelt hatte. „Skispringen als Heilmittel gegen alles Böse“, kommentierte der polnische Boulevard den vierten polnischen Sieg innerhalb der letzten fünf Jahre. Und auch Kubacki fühlte sich nicht wie ein Geschlagener. „Es spielt keine Rolle, wer von uns die Tournee gewinnt“, meinte er. „Wichtig ist nur, dass ein polnischer Springer vorne ist.“ Was vor allem einem richtig zusetzte.

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Halvor Egner Granerud galt als großer Favorit, die fünf Weltcup-Erfolge in Serie vor Weihnachten hatten ihn dermaßen beflügelt, dass der Norweger überzeugt war, sich den goldenen Adler holen zu können. Doch ein schwacher Sprung in Innsbruck kostete ihn alle Chancen. Danach stichelte er im Frust gegen die Polen. „Ich habe das Gefühl, dass die Bedingungen die ganze Tournee für sie günstig waren. Es war furchtbar nervig, den siegreichen Kamil Stoch zu sehen. Eigentlich ist er so instabil.“ Kurz darauf hat sich Granerud in den sozialen Medien zwar entschuldigt („Die Emotionen sind hochgekocht“) und zugleich erklärt, Stoch sei sein Vorbild und einer der ganz Großen, dem er nachzueifern versuche. Ernst nehmen die Polen ihren Konkurrenten seither trotzdem nicht mehr. „Er hat nur viel Glück“, antwortete Kubacki in Bischofshofen auf die Frage, was seinen Teamkollegen Kamil Stoch auszeichne. Und der Überflieger meinte mit einem Lächeln: „Ich weiß, ich habe immer nur Glück. Aber was soll ich machen?“

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