Skoliose Teenie-Alltag im Korsett

Sophia (links) trägt seit vier Jahren ein Korsett, um ihre krankhaft verdrehte Wirbelsäule aufzurichten. Ihre Schwester Laura (rechts) hat ebenfalls Skoliose. Foto: Gottfried Stoppel/s

Verformungen an Rücken, Beinen und Hüften sind auch bei Kindern gar nicht mal so selten. Das zeigt die Geschichte der Schwestern Sophia und Laura aus Eislingen. Nur werden sie oft spät entdeckt. Das soll sich ändern – mit einem kostenlosen Vorsorge-Check.

Gesundheit für Menschen in Stuttgart: Regine Warth (wa)

„Das Mädchen mit dem Buckel“ – vor Hänseleien wie dieser hat sich Sophia schon ein bisschen gefürchtet, damals vor vier Jahren, als sie zum ersten Mal mit einem Korsett ihre Schule betrat. Ein großer Schritt für eine 13-Jährige, die man sonst oft in Bewegung sah – beim Handballspielen oder beim Schwimmtraining. Nun war ihr Oberkörper stillgelegt, eingepackt in eine Schale aus Kunststoff, die auf Schulterhöhe immer seltsam abstand, wenn Sophia sich setzte.

 

Die Wirbelsäule des Mädchens hatte sich mit der Zeit verdreht. Der Kinderarzt bemerkte die beginnende Skoliose bei einer Routineuntersuchung. Auf den Röntgenbildern zeigte sich dann, wie stark sich das Rückgrat schon verbogen hatte: Es sah aus, als würde es eine u-förmige Umfahrung vornehmen. „Mich hat es geschockt“, sagt Sophia. „Ich habe immer Sport gemacht, und trotzdem macht mein Körper so etwas.“

Körper öfter überprüfen

Fehlentwicklungen des Stütz- und Bewegungsapparates im Kindes- und Jugendalter sind gar nicht mal so selten, weshalb Kinderorthopäden Eltern raten, die Körper ihrer Kinder stets prüfend im Blick zu haben. So haben nach Angaben der Vereinigung für Kinderorthopädie, einem Fachverband für Orthopäden mit spezieller Zusatzausbildung, 40 Prozent der Kinder- und Jugendlichen mindestens einmal ein orthopädisches Problem: etwa Beinachsenfehlstellungen, Fußdeformationen, Haltungsschäden oder eine Skoliose.

Eine besonders kritische Phase ist dabei die Vorpubertät, weil es im Alter zwischen zehn und zwölf Jahren zu einem starken Wachstumsschub kommt. Wichtig sei dann, schnell zu handeln, um schwerwiegendere Probleme zu begrenzen oder gar zu verhindern, mahnen die Fachärzte.

Übergewicht ist ein Problem

Zwar umfassen die vorgeschriebenen Voruntersuchungen beim Kinder- und Jugendarzt auch den Check des Bewegungs- und Halteapparats. Doch das reiche nicht aus, sagt der Berufsverbands für Orthopädie und Unfallchirurgie in Baden-Württemberg. Sorgen bereite ihnen auch die steigende Zahl übergewichtiger Kinder, denn zu viele Kilos begünstigen orthopädische Fehlstellungen.

Die Ärzte wollen daher zusammen mit der Kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg (KVBW) eine orthopädische Zusatzuntersuchung für 10- bis 14-Jährige in ganz Deutschland etablieren. Seit dem Jahr 2021 wird daher schon mit Hilfe eines Screenings von rund 20 000 Kindern und Jugendlichen die Wirksamkeit dieser Untersuchung im Rahmen einer wissenschaftlichen Studie namens Orthokids geprüft.

Mehr als 300 Orthopäden im Land bieten diese kostenlose Voruntersuchung schon an, neu hinzugekommen ist nun eine überregionale Sprechstunde am Klinikum Stuttgart. So wird versucht, bis Dezember 2023 „noch möglichst viele Kinder- und Jugendliche für diesen Check-up zu gewinnen“, so der KVBW-Vorstandsvorsitzende Karsten Braun.

Krankengymnastik kann helfen

Oft ist es so, dass solche Fehlstellungen gar nicht mal von den Eltern erkannt werden, sondern im Sportverein, beim Duschen in der Schule oder von Freunden am Strand. Auf einmal heißt es: Die eine Schulter steht hier deutlich höher, als die andere. Oder: Das Becken steht ja schief, erklärt Michael Boutsakis, Leiter des Medizinischen Versorgungszentrums Orthopädie und Unfallchirurgie im Klinikum Stuttgart. Er leitet die Orthokids-Sprechstunde am Krankenhaus Bad Cannstatt, das zum Klinikum Stuttgart gehört.

Im Anfangsstadium lässt sich vieles mit physiotherapeutischen Übungen zum Muskelaufbau verbessern. In manchen Fällen, wie bei Sophia und ihrer mittelschweren Skoliose, braucht es intensivere Maßnahmen: Bei der Jugendlichen hatte sich das Rückgrat so stark verkrümmt, dass Krankengymnastik allein nicht reicht, um ihre Wirbelsäule aufzurichten. Die Ärzte rieten ihr, ein Korsett zu tragen – 23 Stunden am Tag.

Korsett ist eine Herausforderung

Korsetts sind dabei nicht nur eine passive Stütze: „Sie werden passgenau angefertigt und verfügen über Polster, die die Träger geradezu dazu zwingen, sich aus der Krümmung und aus der Rotation der Wirbelsäule aktiv herauszubewegen. Damit werden genau die Muskelpartien angesprochen, die der Krümmung entgegenwirken“, sagt Boutsakis. Mithilfe eines solchen Skoliose-Korsetts lässt sich eine Operation in vielen Fällen verhindern. Das gelingt aber nur, wenn das Korsett von Anfang an passgenau ist, eine gute Korrektur ermöglicht und regelmäßig getragen wird, heißt es von Fachärzten. Um das zu gewährleisten, ist eine regelmäßige Kontrolle bei einem Orthopädietechniker und Orthopäden notwendig.

Eingezwängt in eineinhalb Kilo Kunststoff – das ist nicht nur körperlich eine Herausforderung. Wie mit einem Stock im Rücken laufe man herum, schildert Sophia ihre Erfahrungen. „Sich nach vorne beugen, um einen Stift aufzuheben, funktioniert nicht.“ Schlafen geht nur in Rückenlage – und das erfordert eine gewisse Gewöhnungsphase: „In den ersten paar Wochen habe ich fast kein Auge zubekommen“. Und dann die ewige Luftnot, weil die Kunststoffhülle auch den Lungen wenig Spielraum lässt. „Im Sommer kommt noch das viele Schwitzen hinzu.“ Bis zu sechsmal täglich habe sie ihr T-Shirt wechseln müssen.

Mädchen stärker betroffen

Die Ursachen für die Erkrankung sind noch immer nicht genau geklärt. Wahrscheinlich entsteht die verdrehte Verbiegung, weil die Vorderseite der Wirbelsäule etwas schneller wächst als die Rückseite. „Aber warum dieses ungleichmäßige Wachstum auftritt, weiß man nicht“, sagt Boutsakis. Lediglich, dass Mädchen mehr davon betroffen sind als Jungs, ist inzwischen erwiesen. Und es gibt Hinweise auf eine familiäre Veranlagung: So wurde bei Sophias jüngerer Schwester Laura vor ein paar Jahren ebenfalls Skoliose festgestellt. Auch die 14-Jährige hat ein Jahr lang täglich ein Korsett getragen. Inzwischen ist es nur noch nachts um ihren Oberkörper geschnallt.

Therapie bestimmt den Alltag

Gerade für junge Menschen in der Pubertät, die ohnehin mit den Veränderungen ihres Körpers klarkommen müssen, ist das nicht einfach. Manche Eltern kämpfen regelrecht mit ihren Kindern, die aus Scham das Korsett nicht tragen wollen oder sogar heimlich ausziehen. „Es ist ein Prozess, der auch von Fachärzten sehr sensibel begleitet werden muss“, sagt der Orthopäde. Oft bleibe ein Untersuchungsmarathon nicht aus. Noch heute sind Sophias und Lauras Wochen durchgetaktet mit Schule, Physiotherapie, Sport und Facharztterminen. „Richtig freie Zeit haben wir nicht“, sagt Laura.

Statt genervt zu sein, nehmen die Jugendlichen ihre Erkrankung inzwischen gelassen hin. Selbst das Tragen eines Korsetts ist für sie längst kein Beschwernis mehr. Eigentlich, so sagt Sophia, sei sie ganz froh, um die Erfahrung ihrer Krankheit: „Durch das Tragen eines Korsetts habe ich mehr Selbstbewusstsein entwickelt.“ Geholfen habe dabei auch ihr Umfeld – so sind die gefürchteten Hänseleien in der Schule ausgeblieben. „Das hat mich echt überrascht“, sagt die 17-Jährige. „Alle waren immer total hilfsbereit.“

Wo finden Eltern

Projekt
Das Projekt Orthokids wird von der Kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg (KVBW) geleitet. Neben der Orthopädie im Olgahospital des Klinikums Stuttgart sind auch das Fraunhofer-Institut für Offene Kommunikationssysteme FOKUS und das Institut für Gesundheitsökonomie und Klinische Epidemiologie der Universität Köln beteiligt. Kooperationspartner sind der Berufsverband für Orthopädie und Unfallchirurgie (BVOU), die AOK Baden-Württemberg, die Techniker Krankenkasse (TK), das Landesgesundheitsamt sowie diverse Sportverbände.

App
Für das Projekt wurde eine Gesundheits-App (https://www.ortho-kids.de) entwickelt. Diese beinhaltet persönliche Angaben wie Gewicht, Geschlecht und Alter des Kindes und erfasst dessen sportliche Aktivitäten. Diese Daten kann der Arzt oder die Ärztin auswerten und mit einer individuellen Beratung auf das Verhalten des Kindes und der Eltern positiv einwirken. Unterstützt wird dies mit den Ergebnissen der erweiterten Vorsorgeuntersuchung. Mit Erinnerungen, Therapieplänen, Tipps und Wissensvermittlung bietet die App weitere Funktionen an, die das Bewusstsein und die aktive Handlung unterstützen.

Sprechstunde
Interessierte Eltern aus Baden-Württemberg können direkt im MVZ des Klinikums Stuttgart telefonisch oder per E-Mail einen Termin für ihr Kind

vereinbaren oder sich an eine teilnehmende Praxis in ihrer Nähe wenden. Die Adressen der Praxen und weitere Informationen sind unter ortho-kids.de zu finden.

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