Socialcache: Spurensuche mit dem GPS-Gerät Prostitution und Menschenhandel auf der Spur

Von Michael Schoberth 

Der erste Stuttgarter Socialcache wartete mit ungewöhnlichen Stationen auf. Das GPS-Gerät führte die Teilnehmer der Spurensuche an Orte, die im Zusammenhang mit Prostitution und Menschenhandel in Stuttgart stehen. Dort kamen sie mit Experten ins Gespräch.

Die Teilnehmer des Geocache besuchten auch einen Treffpunkt für Prostituierte. Foto: dapd
Die Teilnehmer des Geocache besuchten auch einen Treffpunkt für Prostituierte. Foto: dapd

Stuttgart - N4846201/E00910491. Die Koordinaten markieren auf der digitalen Stadtkarte einen Ort, an den es nur wenige Stuttgarter verschlägt. Die Teilnehmer des ersten Stuttgarter Socialcache haben ihn am Samstagnachmittag jedoch ausgekundschaftet. Mit einem GPS-Gerät, das mit Hilfe eines Satelliten den Standpunkt des Nutzers ermittelt, fanden sie den Weg ins La Strada. Was sich nach einem italienischen Restaurant anhört, ist allerdings ein Treffpunkt der Caritas für Prostituierte. Ungewöhnlich zwar, aber genau darum ging es bei der digitalen Schnitzeljagd: Orte zu finden, die im Zusammenhang mit Prostitution und Menschenhandel in Stuttgart stehen, und mit den Leuten, die dort arbeiten, ins Gespräch zu kommen.

Das La Strada liegt ein wenig versteckt zwischen Table-Dance-Bars und Bordellen mitten im Leonhardsviertel. „Wir sind eine Anlaufstelle für Prostituierte und sozial schwach gestellte Frauen“, erklärte Annika Hanselmann, die sich seit drei Jahren hier ehrenamtlich engagiert. Täglich schauen bis zu 40 Frauen vorbei. Sie bekommen zu essen und zu trinken, es gibt eine Kleiderkammer, und einmal in der Woche kommt ein Arzt zur Sprechstunde. Auf einem Tisch steht eine große Schüssel mit Kondomen. „Wir sind Ansprechpartner für alle Probleme“, sagte Annika Hanselmann.

Für das Thema Menschenhandel sensibilisieren

Die Teilnehmerinnen Tina und Lisa vom Team The Cure hörten aufmerksam zu. Denn beim Socialcache geht es nicht nur darum, wer als Erster alle vier Stationen ausgesucht hat, sondern es gibt auch für erworbenes Wissen Punkte. Zusammen mit Annika Hanselmann lösten sie 15 Fragen rund um das Thema Prostitution. Die Antworten ergaben wiederum eine neue Koordinate für den nächsten Ort. Die Idee für den Socialcache hatte Ralf Müller zusammen mit Freunden. Das ist eine Mischung aus dem bekannten Geocache und einem sozialen, gesellschaftlichen Thema, erklärte er. „Die Teilnehmer suchen die gleichen Stationen und Orte wie die Opfer auf. Dort bekommen sie Informationen aus erster Hand.“ Ziel sei, eine jüngere Zielgruppe anzusprechen und sie für das Thema Menschenhandel zu sensibilisieren. In Stuttgart bekommt man von der Szene nur wenig mit, sagte Ralf Müller. „Viele Leute wollen das Problem nicht sehen.“

Marie und ihre Freundin Tine vom Team Nimm 2 studieren Soziale Arbeit an der Hochschule in Ludwigsburg. Sie hat noch nie bei einem Geocache mitgemacht, sagte die 23-jährige Marie. „Doch das ist eine gute Möglichkeit, auch mal andere Ecken von Stuttgart kennenzulernen.“ An jeder Station erhielten sie einen Auszug aus dem Tagebuch von Oxana, einer Zwangsprostituierten. „Das Tagebuch basiert auf einem realen Fallbeispiel. Nur der Name der Frau ist geändert“, so Ralf Müller. Neben dem Fraueninformationszentrum und dem Landgericht war auch die Bahnhofsmission auf der Karte verzeichnet.

Familien werden um alles betrogen

Der kleine Posten zwischen Gleis 3 und Gleis 4 am Hauptbahnhof wird von den meisten Reisenden kaum wahrgenommen. Es sei denn, sie suchen nach Hilfe, weil sie ihren Geldbeutel verloren haben, sie frieren oder einfach nur Hunger haben. „Wir sind für alle Menschen da, die unsere Unterstützung brauchen“, sagte der Mitarbeiter der Bahnhofsmission, Heiko Nowak. „Und eben auch für Menschen, die hier am Bahnhof stranden.“ Er und seine Kollegen kommen immer wieder in Kontakt mit Opfern von Menschenhändlern. Wie mit dem Vater von zwei Söhnen aus Osteuropa, der mit dem guten Glauben auf einen Job in der Landwirtschaft nach Stuttgart gekommen ist. Dem Vermittler hatte er 1000 Euro dafür bezahlt. „Aber es war ein Betrug“, erzählte Heiko Nowak. „Die Familie stand plötzlich ohne alles da.“




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