Sohn mit Down-Syndrom Eine Klasse für sich

Janete Almeida und Bruno Kiesel sind stolz auf ihren Sohn. Foto: Achim Zweygarth
Janete Almeida und Bruno Kiesel sind stolz auf ihren Sohn. Foto: Achim Zweygarth

Daniel ist ein zwölfjähriger Junge mit Down-Syndrom. Seine Mutter möchte ihn auf eine normale Schule schicken. Doch die Behörden wollen ihr diesen Wunsch nicht erfüllen.

Region: Verena Mayer (ena)
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Rastatt - Daniels Stundenplan gilt nicht mehr. Er sollte jetzt Musik haben und danach Englisch. Doch Daniel sitzt zu Hause und isst ein Würstchen. Neben ihm weint seine Mutter. Vor zehn Tagen musste ihr Sohn die Schule verlassen. Es war die dritte innerhalb eines Jahres, die Daniel nicht behalten wollte. „Manchmal sieht es so aus, als ob wir niedergebügelt werden“, sagt Janete Almeida. Seit zwei Jahren sucht sie eine Schule für Daniel – eine normale Schule für den Zwölfjährigen mit Down-Syndrom. Er soll mit seinen Freunden lernen, und er soll besser gefördert werden als in einer Sonderschule. Für Daniel sei das der richtige Weg, ist die Mutter überzeugt. Und er habe das Recht darauf, diesen Weg zu gehen.

Daniel spielt Fußball, er kann Nudeln mit Tomatensoße kochen, macht kleine Einkäufe, schreibt Mails und lernt Klavier. Er will Tierarzt werden oder Polizist. „Ich bin intelligent“, sagt Daniel, der die ersten Jahre auf einer Förderschule in München war. Im Herbst 2010 sollte er auf eine bayrische Grundschule wechseln.

Dazu kommt es nicht, weil Janete Almeida im Sommer 2010 ins badische Bühl zieht. Auch dort soll der Junge auf eine normale Grundschule gehen. „Wir möchten, dass Daniel von Anfang an in Bühl lernt, sich in der Gesellschaft von Menschen ohne Behinderung zurechtzufinden“, schreibt seine Mutter an das Schulamt. Es ist der erste Brief von vielen. Inzwischen gibt es auf beiden Seiten dicke Ordner voller Forderungen und Erklärungen. Einfacher wurde die Situation nicht. Inzwischen droht Janete Almeida sogar das Sorgerecht für Daniel zu verlieren. „Mein Sohn wird so verletzt!“ sagt sie. „Es läuft immer dann gut, wenn alle an einem Strang ziehen“, sagt Anja Bauer, die Direktorin des Staatlichen Schulamts in Rastatt.

Ein einzigartiger Fall

Hört man Janete Almeida zu, handelt es sich bei diesem Schulamt um eine Behörde, die sich gegen Neuerungen sperrt und die Mutter mürbe machen will. Hört man der Direktorin Anja Bauer zu, handelt es sich bei Janete Almeida um eine Mutter, die das Beste für ihren Sohn will – dabei aber aus dem Blick verliert, was gut für ihn ist. Herausgekommen ist ein in Baden-Württemberg einzigartiger Fall, der zeigt, dass die Hoffnung auf Gleichbehandlung auf tragische Weise enttäuscht werden kann. Denn in den vergangenen zwei Jahren war Daniel zwar auf drei Schulen, aber nur wenige Monate im Unterricht.

Seit März 2009 erkennt Deutschland offiziell die Behindertenkonvention der Vereinten Nationen an. Sie setzt auf gleiche Chancen für alle Menschen. Inklusion, so der pädagogische Fachbegriff, bedeutet, dass man die Vielfalt in der Bildung schätzt. Inklusion bedeutet somit auch, dass Kinder, die früher einer Sonderschule zugewiesen wurden, nun grundsätzlich in sogenannte Regelschulen gehen dürfen. Daniel nutzt das nichts. Doch seine Mutter kämpft.

Es dauert mehrere Monate, bis sich in Bühl eine Grundschule findet, die den Jungen aufnimmt. Im Mai 2011 kommt Daniel in eine dritte Klasse mit 13 Mitschülern. Die Lehrer und Eltern sind aufgeschlossen, finden die Idee der Inklusion gut. Auch Janete Almeida ist zufrieden. Sie freut sich, dass die Lehrer für Daniel die Arbeitsblätter vergrößern, damit er sie besser lesen kann. Er darf sich auch mehr Zeit für die Aufgaben nehmen. Zu Hause berichtet Daniel, dass er laut vorgelesen habe. Die Mutter hat den Eindruck, dass sich ihr Sohn wohlfühlt.

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