Impfung von Fünf- bis Elfjährigen Elf Fragen zum Impfen von Kindern

Für Kinder gibt es bisher nur den zugelassenen Impfstoff von Biontech. Foto: dpa/Robert Michael

Ein Expertenteam hat auf Initiative des Sozialministeriums Donnerstagabend 3000 Eltern online beraten: Sollen wir Kinder impfen lassen? Die Antworten fielen eindeutig aus.

Stuttgart - Am Donnerstagabend haben zwei Ärzte, eine Kinderschützerin sowie ein Regierungsbeamter und Impfexperte des Sozialministeriums eine Stunde lang online auf Fragen von Eltern geantwortet: Sollen wir unsere Fünf- bis Elfjährigen impfen lassen? Was sind Risiken und Vorteile? Im folgenden elf Fragen und elf Antworten.

 

Wie viele Kinder müssen wegen Corona in die Klinik?

Von den fünf Millionen Fünf- bis Elfjährigen bundesweit sind derzeit rund 500.000 bis 600.000 infiziert, sagt Hans-Georg Kräusslich, Leiter der Virologie am Uni-Klinikum Heidelberg. Rund 0,2 bis 0,5 Prozent von ihnen müssten ins Krankenhaus. Zur Zeit liege die Sieben-Tages-Inzidenz in dieser Altersgruppe bei 600 bis 700. Jede Woche müssten 100 bis 200 Kinder wegen Corona ins Krankenhaus. Der Kinderarzt Stephan Illing sagt, man rechne wegen der leicht übertragbaren Omikron-Variante damit, „dass wir viele kranke Kinder haben werden“. Das heiße aber nicht, dass sie schwer erkrankten. „Aber die Summe macht’s.“

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Was hat es mit dem PIMS-Syndrom auf sich?

Das ist eine Spätfolge einer Infektion. Sie kann selbst dann auftreten, wenn es nicht zu einer Erkrankung kam, meist einige Wochen nach der Ansteckung. Das Kürzel PIMS steht für „Pediatric Inflammatory Multisystem Syndrom“ – ein Entzündungssyndrom das in dieser Altersgruppe verschiedene Körperteile angreifen kann. Es kann zu Fieber, Magen-Darm-Problemen wie Erbrechen und Durchfall sowie zu Herz-Kreislaufproblemen mit Ohnmachtsanfällen führen, sagt der Virologe Kräusslich. Aber es ist selten. 549 Fälle in Deutschland seien bekannt, aber kein Todesopfer. In den USA soll es 4000 PIMS-Fälle sowie 36 Todesfälle gegeben haben.

Können Kinder das Müdigkeitsyndrom Long-Covid bekommen?

Hierzu gibt es kaum aussagekräftige Studien, da in den bisherigen Untersuchungen die Kontrollgruppen fehlen, sagt Professor Kräusslich und ergänzt: „Aus meiner Sicht gibt es kein ernsthaftes Problem von Long-Covid bei Kindern.“ Der Arzt Illing sieht das etwas anders, er sagt, ganz auszuschließen sei es nicht, dass eine Infektion „Mini-Macken“ auch bei Kindern hinterlasse. Das wisse man aber erst nach einigen Jahren: „Wir lernen ja auch dazu.“

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Was empfiehlt eigentlich die Ständige Impfkommission?

Wenn fünf- bis elfjährige Kinder Vorerkrankungen haben, also beispielsweise Tumorkrankheiten, starkes Übergewicht oder Herz-Kreislauf-Krankheiten, dann rät die Stiko zur Impfung. Das gleiche gilt für Kinder, die mit Angehörigen in einem Haushalt leben, die Risikopersonen sind, also Eltern oder Großeltern beispielsweise mit Tumorerkrankungen. Unabhängig davon: „Wer der Auffassung ist, er möchte sein Kind impfen lassen, der kann es auch tun“, sagt Kräusslich. Das sei „ins Ermessen der Eltern gestellt“, es gebe aber keine grundsätzliche Empfehlung der Stiko zum Kinderimpfen „für alle“. Die Stiko sei im Übrigen „nicht der Heilige Gral“, es gebe einen zugelassenen Impfstoff für Kinder und in den USA seien schon zehn Millionen Kinder damit geimpft.

Müssen geimpfte Kinder geboostert werden?

Ja, wohl spätestens im Herbst, und dann wird man für den Kinder-Booster wohl schon einen auf Omikron gezielten Impfstoff haben. Erst einmal müssen sechs Monate nach der Zweitimpfung verstrichen sein. Und erst einmal sind Erwachsene und Jugendliche mit Boostern dran.

Sollen die Kinder bei der Impfentscheidung mitreden?

Ja, Kinder hätten ein Recht auf Beteiligung, man müsse sie mit einbeziehen, sagt Julia Wahnschaffe, die Geschäftsführerin des Kinderschutzbundes in Baden-Württemberg. „Aber natürlich tragen die Eltern letztlich die Verantwortung, sie können die Entscheidung nicht einem Achtjährigen überlassen.“ Kinderarzt Illing berichtet, dass er es einmal abgelehnt habe, einen Elfjährigen gegen seinen Willen zu impfen. Auf der anderen Seite kenne er einen Neunjährigen, der sich in seinem Impfwunsch gegen die Eltern (beide geimpft) durchgesetzt habe.

Soll man auf einen Totimpfstoff warten?

Für die Fünf- bis Elfjährigen ist nur ein Impfstoff zugelassen, der mRNA-Impfstoff von Biontech, den auch Erwachsene erhalten und der für Kinder in einer niedrigen Dosierung gespritzt wird. Totimpfstoffe wie bei der Tetanus-Impfung enthalten abgetötete Viren, der mRNA-Impfstoff enthält nur den genetischen Baustein für die Viren. Sollte man warten, bis Totimpfstoffe auf dem Markt sind, um die eigenen Kinder zu impfen? Das Nein von Kinderarzt Illing ist eindeutig: Die Wirkung von Totimpfstoffen aus Indien und China sei „nicht ermutigend“. Und wenn es einen neuen Totimpfstoff eventuell ab Februar auf dem deutschen Markt gebe, werde der erst einmal für Erwachsene zugelassen: „Bis den die Kinder bekommen, das dauert noch ein Weile.“ Sicherlich bis zum Herbst.

Reaktionen auf die Impfung? Was gibt es da?

„Kopfschmerzen und der Arm tut weh“, mit dem Statement schaltete sich die Moderatorin Margit Aufterbeck mit einer aktuellen Erkenntnis von der Impfung ihres 14-Jährigen Sohnes in die Debatte ein. Die Impfreaktionen bei Kindern seien „deutlich weniger“ als bei Jugendlichen, sagen die Ärzte. Es sei aber okay, für ein paar Tage keinen Leistungssport zu machen.

Was sind Nebenwirkungen und Spätfolgen?

Die an der Veranstaltung beteiligten Ärzte halten die Nebenwirkung für wesentlich geringer als die Folgen einer Infektion und Corona-Erkrankung. Bei den zehn Millionen geimpften Kindern in den USA habe es als Nebenwirkung lediglich zwölf Fälle von Herzmuskelerkrankungen gegeben, acht davon seien schon vollständig genesen. Spätfolgen seien im Übrigen eigentlich „spät erkannte Folgen“, sagt Professor Kräusslich. Und das sei früher oft vorgekommen. Wenn man beispielsweise nur 5000 Geimpfte bei einem neuen Impfstoff gehabt habe, und es gebe das Risiko einer schweren Nebenwirkung bei eins zu 50 000 Impfungen – dann sei das einfach schwer erkennbar. „Die Besonderheit jetzt besteht darin, dass wir bei Corona eine riesige Anzahl von Menschen haben, die zeitgleich geimpft worden sind – rund zehn Milliarden.“ Die erkennbaren Nebenwirkungen seien aber selten. Im Übrigen sei eine Herzmuskelentzündung – hervorgerufen durch eine Corona-Infektion – viel wahrscheinlicher als die Auslösung durch eine Impfung.

Sollen wir auf ein Omikron angepasstes Vakzin warten?

Nein, sagen die Experten. Den wolle Biontech ja vielleicht schon im März herausgeben, aber der werde dann erst für Erwachsene zugelassen. Eine Dritt-Impfung im Herbst – auch für Kinder – werde ja auf jeden Fall dann „omikron-angepasst“ sein.

Wo gibt es eigentlich eine Kinderimpfung?

Der Kinderarzt sei der erste Ansprechpartner, sagt Sebastian Altemüller vom Sozialministerium in Stuttgart. Aber auch der Hausarzt komme infrage. Und es gebe auch spezielle Angebote auf der Website www.dranbleiben.bw. Altemüller ist gefragt worden, wie es um die Quarantäneregeln für geimpfte Kinder stehe, und er selbst musste einräumen, das sich da die Regeln ständig änderten und er erst nachschauen müsse: Vollständig geimpfte Kinder müssten – wenn sie Kontaktpersonen seien – nicht in die Quarantäne. Bei der Impfung von Kindern, so Altemüller, sei übrigens die Einverständniserklärung von beiden Erziehungsberechtigten notwendig. Laut Kinderarzt Illing gebe es da keine Probleme, bei der zweiten Impfung halte er die Unterschriftensammelei auch nicht mehr für notwendig.

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