Sommerferienaktion Der Markt der vielen Milliarden

Von Jürgen Löhle 

Aktien kennt fast jeder. Aber wie der Handel damit funktioniert oder ein Kurs gebildet wird ist eine Wissenschaft für sich. Eine Gruppe StZ-Leser besucht die Stuttgarter Börse, die zweitgrößte in Deutschland.

Alles so schön ruhig hier – die StZ-Feriengruppe blickt von der Galerie   der Börse in den Handelssaal. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski
Alles so schön ruhig hier – die StZ-Feriengruppe blickt von der Galerie der Börse in den Handelssaal. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Stuttgart - Die Spannung steigt. Noch ist die Tür in der Glaswand geschlossen, dahinter liegt die Empore des Handelssaals der Stuttgarter Börse. Die meisten kennen Säale wie diesen nur aus Filmen. Für diese Menschen ist das Herz der Börse ein geheimnisvoller Ort, an dem viele hemdsärmelige Männer wild gestikulieren und unverständliche Dinge schreien, Papiere in die Luft werfen oder wütend zerreißen und damit andere Menschen und sich selbst in wenigen Sekunden steinreich oder bettelarm machen können. Kurzum: ein nebulöser Ort wohligen Grauens.

Aber das reale Leben ist eben kein Film, und als die 30 Teilnehmer der StZ-Sommerferienaktion die Empore des Stuttgarter Handelssaals betreten, platzt die Illusion einer hollywoodreifen Parkettshow in Sekunden. „Die Ruhe im Saal war schon überraschend“, beschreibt Martin Sülberg seinen ersten Eindruck aus dem Handelssaal. Der Blick von oben fällt auf Reihen von Arbeitsplätzen, auf denen sich bis zu sechs Monitore vor den Börsenhändlern aufbauen. Auf den meisten flimmern sich ständig ändernde Kurse oder Indizes, auf einigen läuft aber auch das Wichtigste im Weltgeschehen live – in dem Fall war es das Springreiten bei den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro.

Ein ruhiger Tag im Handelssaal

Es sei heute aber auch ein besonders ruhiger Tag, erklärt Peter Sos von der Kundenbetreuung der Börse. Auf jeden Fall ist von Hektik nichts zu spüren. Die Händler unten im Saal schauen auf ihre Schirme, manche telefonieren, andere machen sich Notizen. Keiner brüllt. Was auch kein Wunder ist, wie Peter Sos der StZ-Lesergruppe erklärt. Die Filmszenen stammen aus der Zeit des Zurufhandels, heute laufen etwa 95 Prozent der Geschäfte über ein computergestütztes elektronisches Ordersystem. Wenn ein Anleger bei seiner Bank zum Beispiel eine Order mit einer normalen Stückzahl für einen Dax-Wert für den Börsenplatz Stuttgart aufgibt, läuft das völlig automatisch ab. Die Händler im Saal werden bei den komplizierten Geschäften aktiv – und da auch ohne Gebrüll. Der tiefen, lärmschluckenden Teppichböden hätte es also gar nicht unbedingt bedurft.

Doch auch leise wird an der Börse Stuttgart ordentlich Geld bewegt. Etwa 350 Millionen Umsatz am Tag macht die Stuttgarter Börse, das sind in einem normalen Jahr etwa 80 Milliarden Euro, 2009 waren es sogar 100 Milliarden. Der Börse bleiben davon laut Peter Sos lediglich Transaktionsgelder, die ganz unterschiedlich sind. Bei einer Fonds-Order über 100 000 Euro bleiben bei der Börse zum Beispiel exakt 12,18 Euro hängen. „Und eines ist auch klar: Bei uns im Haus lagern weder Aktien noch Geld“, erklärt der Experte Sos.

Die Börse ist tatsächlich auch nur der Markt, auf dem Angebot und Nachfrage zusammengeführt werden. Die Stuttgarter Börse ist eine von acht in Deutschland und gilt nach Frankfurt als zweitwichtigster Handelsplatz in der Republik. Bei Anleihen ist Stuttgart sogar Deutschlands wichtig­ster und größter Handelsplatz.

„The trend ist your friend“

Und dieser Handel ist für Laien ein Buch mit ganz vielen Siegeln. Für die Feriengruppe kam dann aber doch ziemlich viel Licht ins Börsendunkel. Besonders, was die Frage betrifft, wie es zu einem aktuellen Kurswert kommt. Im Prinzip ist das einfach: Sobald auf der Käufer- und Verkäuferseite zu einem bestimmten Preis ebenso viele Aktien angeboten wie nachgefragt werden, hat man einen aktuellen Kurs. Das Ganze ist aber eine ständige Rechnerei, täglich zwischen 8 und 22 Uhr und bei regem Handel auch mit ständig sich ändernden Kursen. Wobei für die Börse selbst steigende oder fallende Kurse im Prinzip egal sind. Sie partizipiert am Handel, der deshalb im Interesse der Börse rege sein sollte.

Den Handel kann man im Übrigen auch zu Hause vor dem Rechner risikofrei üben. Auf der Internetseite der Stuttgarter Börse kann sich jeder ein eigenes Depot anlegen und spielerisch schauen, ob er ein Händchen für den erfolgreichen Handel mit Wertpapieren hätte. Passieren kann da nichts – eventuelle Verluste sind nur fiktiv, Gewinne freilich auch.

Die Gruppe hat jedenfalls vieles gelernt, auch, „dass das Geld hier fast ausschließlich in Männerhand ist“, wie Sylvia Schrode angesichts nur sechs weiblicher Händler an der Stuttgarter Börse bemerkt, und dass ausgenommen vom Wetter wohl nichts so schnell wechseln kann wie die Stimmung an der Börse.

Das Fazit: „Für einen Sparbuchtypen wie mich war das schon sehr interessant“, erklärt Sylvia Schrode. Ob daraus auch ein Engagement in Wertpapieren wird, wer weiß, denn eines ist nach dem Besuch auch klar: Einen sicheren Weg zum Reichtum gibt es nicht. Was heute noch gilt, ist morgen schon alt, oder wie es in der Börsensprache heißt: „The trend is your friend – until it ends.“ Frei übersetzt auf Schwäbisch: „So isch’s no au wieder.“

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