Genusstage in Stuttgart Der Sommerfest-Nachfolger muss noch wachsen

Zeitweise herrschte reges Treiben rund um die Markthalle. Foto: Lichtgut/Julian Rettig

Als Nachfolger des legendären Sommerfests am Eckensee wurde drei Tage lang Kulinarik rund um die Markthalle geboten. Die Bilanz der Gäste fällt sehr gemischt aus – und das liegt nicht allein am wechselhaften Wetter.

Einen Unterschied machen die „Genusstage“ durchaus im Dorotheenquartier und rund um die Markthalle. Wo sonst abends um acht „die Gehsteige“ hochgeklappt werden, herrscht zum Finaltag nochmals eine Art Vollversammlung. Mit regem Betrieb am Sporerplatz wie auch auf der Süd- und Westflanke der Markthalle. Kein Vergleich aber zum Vorgängerfest, dem „Sommerfest“ an Schlossplatz und Eckensee! Vor genau 30 Jahren zur längst legendären Leichtathletik-WM aus der Taufe gehoben, hatte das Event gleich „voll durchgeschlagen“, wie das Quartett an der Ecke Stiftskirche berichtet, das den Abend bei einem „schönen Weißwein“ ausklingen lässt.

 

Den Vorgänger vermissen sie zur Premiere der „Genusstage“, die in.Stuttgart nun als Nachfolger des Sommerfestes rund um die Markthalle etablieren will, aber nicht im Geringsten. „Das Sommerfest hat eine gewisse Lockerheit nach Stuttgart gebracht“, erinnert Ralf Obenaus, „davor durfte man am Schlossplatz ja nicht auf den Rasen“. Mit der Zeit aber sei das Fest „überkandidelt und zu exklusiv geworden, nichts mehr für normale Leute“, findet Achim Fallmann. „Mit viel zu viel Gedränge“, ergänzt Regina Fröscher. Die Genusstage seien eine „angenehme Alternative“, auch wenn man die Markthalle „noch mehr integrieren müsste, aber das kann sich ja entwickeln“, sagt sie.

Likörkreation war stark nachgefragt

Darauf setzen auch die Männer von „Kappes Tafelhaus“ aus Bietigheim, wo die letzten Spätzle aus dem Käselaib gekratzt werden. Gut gelaufen sei die Sache an der Ecke zum Schillerplatz nur am späten Samstagnachmittag. Gleichwohl wollen sie wiederkommen, „wenn es das im nächsten Jahr wieder gibt“. Entschieden dafür sind Veronika und Constantin Ebert vom Botnanger Startup Lavabelle. Am exponierten Breuninger-Eck hatten sie den perfekten Überblick über das Treiben an den drei Tagen. „Da war immer was los,“ sagt Constantin, und drei Stunden vor Torschluss freut er sich, dass ihre Likörkreation Lav’a Belle für prickelnde Spritz-Kombinationen „fast bis auf die letzte Flasche“ in die Kelche ging. Seine Frau aber vermisst ein wenig das alte Sommerfest. „Ich habe das geliebt, da war mehr Party!“ Vor allem vermisst sie Livemusik. Für Stuttgart seien die Genusstage nun „ein cooler, kleiner Ersatz, den man aber etwas pimpen sollte.“

Vom Regenschauer draußen hat das Trio in der Markthalle nichts mitbekommen, sie hatten „rechtzeitig zum Himmel geschaut“, wundern sich aber auch, dass sie an ihrem Stehtisch von heruntergelassenen Rollos und zugezogenen Ständen umgeben sind. Die Besucherin aus München findet das „etwas gruselig“, ihre langjährige Stuttgarter Freundin „echt armselig“. Zwar konnten sie sich noch eine mediterrane Tapas-Platte und ein Flasche Wein ergattern, sind aber doch ein wenig ratlos angesichts der tristen Atmosphäre, während die Dritte im Bunde sich auf die Suche nach Weingläsern macht, mit dem Ratschlag: „Frag mal beim Spanier!“

Am Konzept kann man noch arbeiten, finden viele Besucher

Gemütlich findet es eine Gruppe aus Cannstatt, die bei Breuninger Schutz vor dem Regen gefunden hat. „Aber zu essen haben wir immer noch nichts!“, stellt Biggy Schmitt fest, weshalb ihr Mann den Titel „Genusstage“ infrage stellt: „Der ist einfach falsch. Genuss, das ist Essen und Trinken. Und Speisen sind hier Mangelware.“ Er will aber „nicht negativ klingen und betont: „Für Stuttgart ist es gut, dass es das gibt. Am Konzept kann man ja noch arbeiten.“ Seine Frau hat inzwischen einen Wrap aufgetrieben.

Komplett frustriert sind Eleonora und Alessandro Fattizzo an ihrem Puszta-Shop in der Markthalle schon lange, von geschlossenen Nachbarläden umgeben. Seit 17 Uhr sei hier „tote Hose“. So könne man „die Sache knicken“. So ein Event funktioniere nur, „wenn alle mitmachen“. So sieht es schräg gegenüber auch Anita Salm von Feinkost Böhm: „Das ist die totale Katastrophe, ich stehe hier völlig umsonst.“ Sinn mache das nur „mit allen zusammen, und mit Musik wie bei der Langen Nacht“. Noch ein bisschen was los ist in den Arkaden. Doch plötzlich wird das Licht ausgeknipst, exakt eine Stunde vor Schluss. Die Gäste im weißen Pavillon sitzen im Dunkeln und können es nicht glauben. Und doch ist für sie jetzt Schicht im Schacht.

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