Sommerhitze in Nürtingen Experten fordern Klimaschutz und Entsiegelung
Die Nürtinger Innenstadt wird wegen ihrer dichten Bebauung als klimatisch problematisch eingestuft.
Die Nürtinger Innenstadt wird wegen ihrer dichten Bebauung als klimatisch problematisch eingestuft.
Es wird immer heißer und die Gefahren für die menschliche Gesundheit steigen. Im Winterhalbjahr ist dieses Phänomen weniger deutlich zu spüren als im Sommer. Aber der Rückblick zeigt, dass wegen höherer Temperaturen und Hitzewellen das zu Ende gehende Jahr das heißeste seit Beginn der Wetteraufzeichnungen ist.
Wie sich die Hitze im städtischen Raum entwickelt, damit hat sich der 34. Nürtinger Umwelttag unter anderem beschäftigt, zu dem der Masterstudiengang Umweltschutz der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt (HfWU) Nürtingen-Geislingen eingeladen hatte. Mitveranstalter des Umwelttags sind die Hochschule für Technik Stuttgart, die Hochschule Reutlingen und die Hochschule Esslingen.
Schon Anfang Juni 2022 ließen Temperaturmessungen in der Nürtinger Innenstadt aufhorchen. Damals zeigte das Thermometer den Spitzenwert von 63,9 Grad Celsius in der Sonne an – gemessen am Boden mit wenigen Zentimetern Abstand zum Kunststoffbelag am Spielplatz zwischen Kreuzkirche und Stadthalle auf dem Jorderyplatz. Je nach Belag variierten die Ergebnisse, so wurden über dem Holzschnitzelbelag 55 Grad und über dem Sand am Klettergerüst 54 Grad angezeigt. Nahe dem Ochsenbrunnen auf dem weiträumig versiegelten Schillerplatz haben die damaligen Messungen von Stadtrat Pit Lohse (NT 14) 47,8 Grad in der Sonne ergeben, ein deutlich geringerer Wert, den Lohse auf die Verdunstungskälte durch den Wasserstrahl des Brunnens zurückführte.
Dass die Folgen des Klimawandels vor allem in den Städten mit einer Zunahme der Hitze einhergehen, erklären Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler mit dem sogenannten „Städtische Wärmeinseleffekt“. Dieser Effekt wird laut HfWU durch den Klimawandel noch verstärkt und führe zudem zu einer zunehmenden, temporären Trockenheit. Aber nicht nur Hitze und Trockenheit sind Folgen des Klimawandels, typisch für die klimatischen Verwerfungen sind auch Starkregenereignisse und Überschwemmungen.
Bei dem besagten Umwelttag unter der Überschrift „Klimagerechte Stadt“ haben nun Expertinnen und Experten Strategien zur Temperaturminderung und zur Wasserbewirtschaftung in urbanen Siedlungen aufgezeigt und diskutiert, also mögliche Schritte der Klimaanpassung. Und das überraschende Fazit der Veranstalter lautet: „Das Know-how und die praktische Erfahrung wie Städte klimagerecht gestaltet werden können, gibt es bereits. Entscheidend ist, jetzt damit zu beginnen.“ Die HfWU-Professorin Mirijam Gaertner erklärte dazu: „Alle Vorträge des Umwelttags zeigten mit Blick auf die Herausforderungen des Klimawandels, dass es viele Ideen, Lösungen und auch bereits konkret in der Praxis erprobte Projekte gibt. Wir wissen also, wie wir die Herausforderungen bewältigen können“, so die HfWU-Studiendekanin, „das Problem ist die Priorisierung.“ Noch sei es nicht zu spät gegenzusteuern. Gaertner forderte, mögliche Maßnahmen nicht weiter aufzuschieben, sondern jetzt zu beginnen, das vorhandene Know-how umzusetzen.
Aber wie könnte die klimagerechte Stadt künftig aussehen? Als wichtige Schritte gelten beispielsweise strenge Klimaschutz- und Entsiegelungsmaßnahmen. Wie sich diese auf den urbanen Raum auswirken können, zeigte Jessica Hartwich, Absolventin des Masterstudiengangs Umweltschutz, am Beispiel von Nürtingen auf.
„Der Stadtkern von Nürtingen ist aufgrund seiner hohen Versiegelung und der dichten Gebäudebebauung klimatisch als problematisch einzustufen“, zu diesem Ergebnis kommt Hartwich in ihrer Studie. In ihrer Untersuchung „Klimaanalyse der Stadt Nürtingen“, die sie mithilfe einer Klimafunktionskarte und Temperaturszenarien durchgeführt hatte, zeigt Hartwich unterschiedliche Szenarien auf und liefert Daten zur Klimasituation in Nürtingen.
Wenn die Entwicklung so weiter gehe wie bisher, könnten bis Ende des Jahrhunderts die Jahresmitteltemperaturen im Nürtinger Siedlungsbereich bei 13 bis 14 Grad Celsius liegen. Zum Vergleich: im warmen Jahr 2022 lag die Jahresmitteltemperatur deutschlandweit bei 10,5 Grad. Je nach fortschreitender Versiegelung wären, so Hartwich, auch die umliegenden Ortschaften betroffen. Bei Einsatz von strengen Klimaschutz- und Entsiegelungsmaßnahmen würden die Temperaturen innerhalb von Siedlungsgebieten langfristig „auf rund zehn bis elf Grad ansteigen und nahezu ausschließlich das Stadtkerngebiet und Gewerbe- und die Industriegebiete betreffen“, so Hartwich. Sie nennt es essenziell, Städte klimagerecht und nachhaltig zu verwalten.
Strategie
Die Stadt Nürtingen aktualisiert derzeit ihr Klimaanpassungskonzept von 2013. Dieser Fahrplan zur klimaneutralen Stadt soll bis zum Frühjahr 2024 vorliegen. Das Klimaanpassungskonzept wird vom Stadtplanungsamt unter Federführung von Susanne Mehlis bearbeitet. Nach Beratungen mit Experten und dem Nürtinger Klimabeirat sollen die Zwischenergebnisse bei einem Workshop im Februar 2024 diskutiert werden, bevor der Gemeinderat über die notwendigen Schritte beschließt.
Inhalte
Das Klimaanpassungskonzept reagiert auf neue gesetzliche und politische Rahmenbedingungen, die die Klimaneutralität 2040 fordern. Das Konzept deckt die Themen Energie, Bauen und Wohnen, klimafreundliche Lebensstile, Mobilität, Finanzierung, Wirtschaft und Industrie sowie neue technologische Entwicklungen ab. Im Fokus stehen das Nürtinger Mobilitätskonzept und die Wärmeplanung.