In einem gutbürgerlichen Wohngebiet im Ludwigsburger Stadtteil Neckarweihingen leben unterschiedliche Menschen in einer Wohngemeinschaft gemeinsam in einem Haus. Soweit nichts Ungewöhnliches. Eines verbindet jedoch alle Bewohner – sie haben einen kleinen oder großen Teil ihres Lebens hinter Gittern verbracht. Die Sozialberatung Ludwigsburg bietet in fünf Wohngruppen im Kreis insgesamt 24 straffällig gewordenen Menschen ein Zuhause.
Jessica Offenbach ist pädagogische Mitarbeiterin und betreut unter anderem die Klienten in Neckarweihingen. Sieben stationäre Plätze gibt es dort. „Außerdem haben wir zwei Urlauberzimmer“, erklärt Offenbach. Diese Zimmer sind für Menschen, die beispielsweise an den Wochenenden oder tageweise aus der Haft kommen, um den Alltag zu üben. „Das kann auch eine Auflage des Gerichts sein“, ergänzt Britta Graf. Die Diplomsozialarbeiterin arbeitet seit knapp 24 Jahren mit straffällig gewordenen Menschen zusammen und kennt die Probleme, die damit einhergehen. Die Zimmerbelegung sei immer ein „Jonglageakt“. Wenn das Gericht die Auflage zu einem Aufenthalt in einer WG der Sozialberatung gibt, wird der Inhaftierte erst aus der Haft entlassen, wenn ein Zimmer frei geworden ist. „Manchmal werden Häftlinge später entlassen, weil wir keine geeignete Anschlussunterbringung für unsere Bewohner finden können“, sagt Graf. Der knappe Wohnungsmarkt sei ein großes Problem.
Häftlinge bewerben sich auf einen Platz in der WG
Wer nicht durch eine gerichtliche Anordnung in eine der WGs zieht, kann sich auf ein Zimmer bewerben. „Viele merken im Vollzug, dass sie Hilfe möchten. Ein Neuanfang alleine ist sehr schwer“, sagt Offenbach. Besonders der Leistungsdruck in der Gesellschaft laste auf den Menschen. Das Team ist für Straffällige aus dem Kreis Ludwigsburg zuständig, die in Baden-Württemberg inhaftiert sind. „Wir fahren dann zu den Bewerbern und sprechen persönlich mit ihnen und schauen, ob es passt.“
Bezahlt werden die Zimmer über das Gehalt der Klienten und einen Pflegesatz, den Menschen beantragen können, die eine Betreuung in Anspruch nehmen. Wer keine Arbeit hat, bekommt die 480 Euro Warmmiete über das Bürgergeld bezahlt. „Momentan haben fünf von sieben einen festen Job“, sagt Offenbach. Das sei eine gute Quote. Denn oft fehle der Führerschein, um eine der beliebten Anstellungen als Paketbote oder Fahrer zu bekommen. „Wer mit dem Auto zu seiner Tat gefahren ist, verliert seinen Führerschein“, erklärt Graf.
Die Einrichtung sei aber auch auf Spenden angewiesen. Auch Bußgelder, die von den Richtern verteilt werden, seien ein wichtiger Posten in der Planung. „Wir müssen sparsam haushalten“, sagt Graf.
Hilfe bei alltäglichen Themen
Hauptaufgabe ist es, die Menschen wieder zurück in einen normalen Alltag zu begleiten. Dazu gehören anfangs vor allem Behördengänge, Arbeitssuche oder Schuldenregulierung. Aber auch das Zusammenleben in der Wohngruppe müssen die Klienten erst wieder lernen. „Konflikte müssen geübt werden. Sie müssen lernen, miteinander zu sprechen und Lösungen zu finden“, so Offenbach. Auch der 27-jährige Bewohner findet gerade einen Weg zurück in ein geregeltes Leben. Der Alltag sei momentan sehr stressig, mit der Hilfe bekomme er das aber gut hin. „Es ist ja wie ein Paradies hier“, sagt er und zeigt auf den großen Garten hinter dem Haus. Für den Termin heute hat er extra den Tisch mit Blüten dekoriert. Auch die Orangen auf dem Tisch habe sein Vater aus Sizilien mitgebracht. „Das zeigt, dass die Wohngruppe als ein Zuhause gesehen wird. Ihm ist es wichtig, einen guten Eindruck zu machen“, so Offenbach.
Whatsapp zu nutzen muss gelernt werden
Die Haftstrafen der Klienten reichen von Ersatzfreiheitsstrafen bis hin zu 20 Jahren Inhaftierung. Man merke, wer viel Zeit im Gefängnis verbracht habe. „Sie müssen sich erst wieder daran gewöhnen, dass die Tür jetzt wieder von beiden Seiten geöffnet werden kann“, sagt Offenbach. Viele würden anfangs ihr Zimmer kaum verlassen. Auch die schnelle Digitalisierung sei für langjährige Häftlinge eine große Herausforderung. „Wir üben dann Dinge wie Whatsapp oder E-Mails zu schreiben.“
An manchen Tagen fühle es sich, trotz der professionellen Distanz, nach einem normalen Alltag an. Es werde viel gelacht, im Sommer viel Zeit im Garten verbracht. „Für mich ist es ein großer Erfolg, wenn es jemand schafft, sich ein Leben aufzubauen, das für ihn lebenswert ist, ohne Suchtmittel und Straffälligkeiten“, so Offenbach.
Einblick in die soziale Arbeit
Seitenwechsel
Der Paritätische Kreisverband Ludwigsburg und seine Mitgliedsorganisationen aus dem Stadt- und Landkreis laden mit der Aktion Seitenwechsel Kommunalpolitiker und Vertreter der Stadtverwaltung ein, soziale Einrichtungen zu besuchen und dort soziale Arbeit live zu erleben.
Sozialberatung
Auch Ehrenamtliche bieten ihre Hilfe an. Beispielsweise durch Gespräche oder beim sortieren von Briefen bei der Schuldnerberatung.