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Spanien Kein Ort ohne eine Geschichte

Von Nicole Quint aus El Tobeso 

Wer auf Don Quijotes Spuren durch Kastilien reist, macht sich zum Narren. Na und? Der Ritter von der traurigen Gestalt war schließlich auch keine ernstzunehmende Figur.

Viele Windmühlen sind nur noch Attrappen und gaukeln dem Touristen vor, den Platz gefunden zu haben, wo Don Quijote gegen Windmühlen kämpfte.  Foto: Quint
Viele Windmühlen sind nur noch Attrappen und gaukeln dem Touristen vor, den Platz gefunden zu haben, wo Don Quijote gegen Windmühlen kämpfte. Foto: Quint

El Tobeso - Da liegt es - das Don-Quijote-Land. Eine Autostunde südlich von Madrid hebt und streckt sich die endlose Ebene von La Mancha. Tief errötet, wo Eisenerz die Erde färbt, erbleicht, wo Überdüngung die Böden auslaugt. Weizenfelder, Weingärten, Olivenhaine, ab und an briefmarkengroße Waldstücke als Ergebnis von Wiederaufforstungsprogrammen. Wind scheitelt die Gräser, schickt sanfte Wellen durch die Getreidefelder und bringt damit ein wenig Lebendigkeit in diese akkurat parzellierten Flure.

Eine mächtige, monotone Fläche, zu unspektakulär und strapaziert, um schön zu sein. Und ganz sicher keine Landschaft, die einen Weg in die Aufmerksamkeit der Welt findet. Die hat ihr erst Miguel de Cervantes verschafft und die Mancha mit seinem Roman unsterblich gemacht, und das, obwohl er mit Landschaftsschilderungen extrem geizte. Vermutlich hat es zu Cervantes Zeiten hier nicht viel anders ausgesehen als heute. Um 1600 war die Mancha vor allem bewohnt von Morisken, zum Christentum bekehrten Mauren, die nach der Reconquista 1492 das Land nicht verlassen hatten und vor allem von der Landwirtschaft lebten. Mancha kommt aus dem Arabischen „al-mancha“ und bedeutet so viel wie „ohne Wasser“.

Auch in der Gegenwart entpuppt sich ein mit großem Schild angekündigter „río“ (Fluss) meist als mürrisches Rinnsal, und Windmühlen sind auch noch keine in Sicht. Diese Landschaft schmeichelt eben keinem Touristenauge. Sie ist in erster Linie Lebenswirklichkeit für die Menschen, die auf den Äckern von adligen Großgrundbesitzern malochen und die Mancha zur Kornkammer Spaniens machen.

Exakt lokalisieren lassen sich die Schauplätze nicht

Die Region bringt etwa die Hälfte der Gesamtproduktion des Landes an Getreide und Wein hervor. Wo andere Einkommensquellen fehlen, wird alles Don Quijote und existiert dann nur noch zur Verkörperung dieses einen großen Namens. Er gewährt Zugang zu Reisenden, die zwar die Landschaft der Mancha reizlos finden, aber weil Don Quijote und Sancho Panza hier durchgeritten sind, irgendwie doch sehr edel. Exakt lokalisieren lassen sich die Schauplätze der meisten Episoden des „Don Quijote“ nicht. Er taucht dennoch überall auf - als Wegweiser, Wandbild, Schlüsselanhänger, auf Fächern, T-Shirts und Kaffeetassen.

Wer den Fließband-Souvenirs entgehen will, landet zuverlässig vor einem Don-Quijote-Denkmal: der lange, spindeldürre Ritter auf seinem klapprigen Gaul Rosinante, neben dem kleinen, dicken Sancho auf dem gedrungenen Esel, von dem nie jemand weiß, das er Rucio heißt. So weit die allseits bekannten Gestalten. Ihren Platz haben die Figuren bei den Mühlen von Mota del Cuervo gefunden. Windmühlen - endlich!

Von den rund 400 Windmühlen, die einst hier ihre Flügel drehten, sind vielleicht noch 50 vorhanden. Alles Attrappen. Als leere Hüllen dekorieren sie die Landschaft. Kaum eine besitzt noch ein Innenleben mit Originalmechanik, und wenn doch, wird es nur zur Demonstration für Touristen in Betrieb gesetzt. Die Welt der alten Windmühlen ist längst untergegangen, aber vor den hübschen Imitatoren wird jeder zum Minimalisten des Reisens, der sich schon mit kleinen Sehenswürdigkeiten zufriedengibt und sich freut: Hier also kämpfte Don Quijote mit den Windmühlen.

Nein! Entsetztes Aufheulen in Campo de Criptana. Die kleine Stadt in der Provinz Ciudad Real feiert sich als einzig wahren Schauplatz von Quijotes Mühlen-Intermezzo. Auch hier mühen sich die Einwohner, lebendig zu halten, was nie lebendig war: die Erinnerung an ein Ereignis aus Kapitel VIII des ersten „Don Quijote“-Bandes. Die Vereinigung der Freunde der Mühlen des Hildagos laden regelmäßig zum Besuch auf die Kämme der Sierra de la Paz ein.

Es gibt dann Knoblauchsuppe, Manchego-Käse, luftgetrockneten Schinken, Landwein. Zwei Laienschauspieler legen das gewünschte Ritter- und Knappenkostüm an, posieren vor der Mühlen-Kulisse, setzen die gewünschte Mimik auf und sprechen die gewünschten Sätze. Sancho: „Habe ich Euch nicht gesagt, Ihr sollt achtgeben, es sind nichts als Windmühlen, was nur einer in den Wind schlagen kann, dem sich selbst eine Mühle im Kopf dreht.“ Nichts als Windmühlen - keine Riesen, aber auch keine Romanschauplätze. Wer Spuren finden will, wo es keine geben kann, der reist vermutlich auch in Potemkinsche Dörfer. Nur ein bisschen Talent zur Selbsttäuschung muss der Tourist mitbringen, den Rest übernehmen die spanischen Illusionskünstler.

Die „Route des Don Quijote“

In Puerto Lapice betreiben sie das Gasthaus, in dem sich Don Quijote zum Ritter schlagen ließ. In Argamasilla de Alba gewähren sie Einlass in ein höhlenartiges Kellerverlies, in dem Cervantes wegen Steuerbetrug einsaß und vielleicht mit dem Schreiben des „Don Quijote“ begonnen hat. Sie führen durch das Original-Wohnhaus von Dulcinea in El Toboso, laden ein in Bodegas, deren Weine Sancho Panza geschmeckt haben könnten, und haben immer noch irgendwo einige Windmühlen rumstehen, die Don Quijote auch mit Riesen verwechselt haben könnte.

Aus all diesen und noch mehr Orten haben Marketingmenschen ein dichtes Netz über die Mancha gelegt und es die „Route des Don Quijote“ genannt. Irgendwo auf dieser 2500 Kilometer langen Route geht der Grund für die Reise verloren. Die Euphorie, Don Quijotes Welt zu entdecken, weicht dösendem Zurkenntnisnehmen. Ritterburgen, Cervantes-Museen, noch mehr Don-Quijote-Denkmäler, eine Feier zum 400-Jahr-Jubiläum der Veröffentlichung des zweiten Bandes, ein „Don Quijote“-Ballett in Toledo, in Ciudad Real eine Ausstellung all der Ritterbücher, über deren Lektüre Alonso Quijano den Verstand verloren haben und zu Don Quijote geworden sein soll.

Dazwischen die normale Unscheinbarkeit netter spanischer Dörfer, die optisch kaum voneinander zu unterscheiden sind, auch weil ihr auffälligstes Merkmal ein Vorhangstoff ist, der vor fast allen Haustüren hängt. Darauf das völlig unerwartete Motiv eines Ritters samt Mühlen. Am Ende kennt der Reisende zu keinem dieser Orte eine Geschichte, die nicht mit Don Quijote zu tun hätte. Paradox. Wird damit doch wahr, was der fiktive Sancho Panza prophezeite: „Ich will wetten, es vergeht nicht viel Zeit, so wird es keine Schenke, kein Wirtshaus und keine Barbierstube geben, wo nicht die Geschichte unserer Taten gemalt zu sehen ist.“