Verkauf in Baden-Württemberg Spargel- und Erdbeerbauern im Land geraten unter Druck

Spätestens in zwei Wochen ist die Spargelsaison vorbei. Viele Bauern haben schon vorher die Ernte eingestellt, aus Frust über die niedrigen Preise auf dem Markt. Foto: Uli Deck/dpa/Uli Deck

Die Anbauflächen für Spargel und Erdbeeren im Land sind seit 2017 deutlich geschrumpft. Dieser Prozess wird weitergehen, erwarten Experten – und machen den Handel dafür verantwortlich.

Wenn Friedel Christiansen Lust auf Lambada-Erdbeeren hat, dann sattelt der Rentner aus Stetten im Remstal sein E-Bike und fährt in den Nachbarort Beinstein, um sich dort einzudecken. Liebevoll bettet er die in Papier eingeschlagenen Schalen voller Früchte am Verkaufsstand von Hofmarkt Schmid in seine Satteltasche. Eine Schale Lambada-Erdbeeren kostet dort 3,90 Euro. Er hätte sie im Supermarkt billiger haben können – und bequemer. Christiansen bezahlt den höheren Preis für die einheimischen Früchte aber gerne: „Ich kauf doch kein Obst, das weiß Gott woher kommt“, sagt er. Er isst so viel aus regionaler Produktion wie nur möglich. Das sei nichts Besonderes, das liege im Trend, sagt Christiansen – und schwingt sich aufs Rad, um heimzufahren. Die gesunde Ernährung scheint sich auszuzahlen – den 81 Jahre alten Rentner könnte man glatt 20 Jahre jünger schätzen.

 

Am Stand von Schmid ist jedenfalls auch an diesem Montag durchgehend Betrieb. Die Schlangen seien nicht mehr ganz so lang wie zu Coronazeiten, als praktisch jeder zuhause gekocht habe, sagt Verkäuferin Claudia Pecko. „Man merkt, dass die Leute wieder mehr auswärts essen und wegfahren“, sagt sie. Vielleicht ist auch etwas Sparsamkeit im Spiel: Sie kaufen jetzt eher zwei statt drei Schalen. Ihr Chef Daniel Schmid, der auf rund 15 Hektar Erdbeeren und auf zwölf Hektar Spargel anbaut, ist zufrieden: Der Verkauf laufe sehr gut – und die Kundschaft sei ihm treu. Das gilt sowohl für Endverbraucher wie Friedel Christiansen als auch für die unabhängigen Edeka-Märkte, die auf Erdbeeren aus dem Remstal setzen. „Wohl dem, der solche Kunden hat“, sagt der 52-jährige Waiblinger.

Die vom Handel abhängigen Bauern klagen über schlechten Absatz

Bauern lassen Spargel in der Erde

So zufrieden wie Schmid sind indes längst nicht alle seine Kollegen. Und da scheint die Zurückhaltung der Verbraucher wegen der Inflation auch noch nicht einmal die größte Sorge zu sein. Das zeigt jedenfalls eine aktuelle Umfrage des Verbands Süddeutscher Spargel- und Erdbeeranbauer in Bruchsal (VSSE). Das Ergebnis: Bei den Spargelbauern, die vorwiegend den Lebensmitteleinzelhandel beliefern, beschreibt mehr als jeder zweite (51 Prozent) seine Absatzsituation als schlecht bis sehr schlecht im Vergleich zu einem durchschnittlichen Jahr. Nicht einmal jeder Fünfte (17 Prozent) bewertet den Verkauf noch als mittelmäßig. Nur acht Prozent der Befragten sind zufrieden mit ihrem Absatz und sagt, die Saison verlaufe gut bis sehr gut.

Bei den Direktvermarktern zeigt sich ein völlig anderes Stimmungsbild. Dort hat fast jeder Vierte (23 Prozent) keinen Grund zur Klage, weil er seinen Spargel gut bis sehr gut an den Mann und die Frau bringt. Immerhin noch gut die Hälfte (53 Prozent) hält den Absatz für mittelmäßig im Vergleich zu einem durchschnittlichen Jahr. Bei den Hofläden beklagt nur knapp ein Viertel (24 Prozent), der Absatz sei in dieser Saison schlecht bis sehr schlecht. Bei den Gastronomen finden die wenigsten etwas zu meckern. 42 Prozent sagen, ihr Spargelgeschäft laufe gut bis sehr gut; immer noch jeder Dritte (34 Prozent) bezeichnet die Saison als mittelmäßig. Bei den Erdbeeranbauern sind die Umfrageergebnisse ähnlich.

Die Direktvermarkter profitierten von ihren loyalen Stammkunden, sagt Simon Schumacher, Vorstandssprecher des VSSE. Aber bei den Spargelbauern, die den Einzelhandel belieferten, „ist der Frust groß: Die heimische Ware ist da, aber der Handel bewirbt die Importe so lange, bis unsere Kühlhäuser am Anschlag sind“. Denn die ausländischen Erzeugungskosten seien zweieinhalbfach geringer. Die hiesigen Erzeuger gäben irgendwann vor lauter Verzweiflung ihre Ware zu einem Preis ab, „der nicht einmal mehr ihre Erzeugungskosten deckt“.

Die Anbauflächen sind um rund 15 Prozent geschrumpft seit 2017

Die Erzeuger reagierten darauf. Viele Bauern hätten ihren Spargel schon gar nicht mehr gestochen, sondern das Gemüse einfach durchwachsen lassen, so Schumacher. Er vermutet, dass die aktuelle Lage auch Konsequenzen hat für die kommenden Jahre: Die Anbauer „haben gemerkt, wir sind erpressbar, weil es zu viel gibt“, sagt Simon Schumacher. Die Folge: Die Anbauflächen für Erdbeeren und Spargel sind schon seit dem Spitzenjahr 2017 um rund 15 Prozent geschrumpft. Schumacher rechnet damit, dass diese Entwicklung weitergeht – zumal im nächsten Jahr der Mindestlohn von aktuell 9,82 auf zwölf Euro steigt.

Isabelle Kokula, die Spargelberaterin im Karlsruher Landratsamt, ist da etwas zurückhaltender. „Wir haben noch zwei Wochen Ernte“, bevor die Spargelzeit 2022 zu Ende geht. „Dann müssen wir abwarten, wie die Stimmung ist nach dieser unruhigen Saison.“ Die Einführung des Mindestlohns, Corona, jetzt die Inflation – „jedes Jahr kam etwas dazu, dass die Spargelbauern immer mehr in die Knie gehen“.

„Das Verhältnis zwischen Erzeuger und Handel wird immer angespannter“

Hinzu kommt: „Das Verhältnis zwischen Erzeugern und Lebensmitteleinzelhandel wird immer angespannter“, das hat auch Kokula beobachtet. Seit zwölf Jahren ist sie eine von zwei bei Landkreisen angestellten Spargelberatern in Baden-Württemberg; ihr Kollege sitzt weiter südlich: in Freiburg.

Bis 2015, sagt Kokula, seien die Anbauflächen für Spargel immer größer geworden. Aber seitdem „haben viele kleine Spargelbauern aufgehört“, gerade in kleinen Gemeinden. Und das liegt nicht nur an der Marktlage oder dem Handel, der die Preise drückt. Leider „schaffen die Bauern vor Ort oft eher gegeneinander und machen sich Konkurrenz, anstatt zu kooperieren“.

Der Markt kommt schnell ins Trudeln

Auch der Waiblinger Daniel Schmid fürchtet, dass viele Bauern aufhören werden. Aus seiner Sicht liegt das Problem aber nicht bei den Kollegen, sondern ganz klar in der Taktik der großen Lebensmittelketten, die den Markt bestimmen. Sie schieben den Zeitpunkt, an dem von spanischen Erdbeeren auf die teurere einheimische Ware umgestellt wird, gerne so lange wie möglich hinaus. Seiner Erfahrung nach verschätzen sie sich häufig und reagieren zu spät auf den Erntebeginn.

In zwei Wochen ist die Spargelzeit vorbei

Setzt dann die Ernte gleich schlagartig mit viel Ertrag ein, gibt es ein Problem: „Das bringt den Markt schnell ins Trudeln“, sagt Schmid. Und vor allem sind dann viele Früchte auf dem Markt, die in schlechtem Zustand zum Endverbraucher kommen und ihn vielleicht noch zögerlicher werden lassen. Schmid verkauft 60 Prozent auf dem Stuttgarter Großmarkt, den Rest vermarktet er direkt: „Uns betreffen die sinkenden Preise bei den Erdbeeren nicht, wir können uns davon absetzen.“

Beim Spargel ist es anders – die kühlen Temperaturen in den letzten Nächten könnten dafür sorgen, dass der Preis noch einmal anzieht, weil bei solchem Wetter weniger Nachschub kommt. Spätestens in zwei Wochen ist es mit dem Spargel allerdings vorbei, sagt er – dann kommen die Himbeeren. Und das Spiel beginnt von vorne.

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