Sparkurs bei Zulieferer Bei Marquardt sind 600 Jobs gefährdet

Von Imelda Flaig 

Der Autozulieferer Marquardt aus Rietheim-Weilheim fährt einen verschärften Sparkurs und will bis zu 600 Arbeitsplätze ins Ausland verlagern.

Familienunternehmer Harald Marquardt will    in Deutschland massiv Arbeitsplätze reduzieren. Foto: Marquardt
Familienunternehmer Harald Marquardt will in Deutschland massiv Arbeitsplätze reduzieren. Foto: Marquardt

Rietheim-Weilheim - Der Autozulieferer Marquardt in Rietheim-Weilheim (Kreis Tuttlingen) plant drastische Sparmaßnahmen und die Verlagerung von bis zu 600 Arbeitsplätzen ins kostengünstigere Ausland in den nächsten zwei Jahren. Davon sind nach Unternehmensangaben vor allem Stellen in der Produktion betroffen. „Das ist mit der IG Metall nicht zu machen“, kommentiert Gewerkschaftsvertreter Klaus-Peter Manz die Pläne. Das Unternehmen sei nicht in der Krise. Auch die von der Arbeitgeberseite geforderten Einsparungen – darunter etwa der Verzicht auf Weihnachts- und Urlaubsgeld – in Höhe von mehr als 100 Millionen Euro bis 2026 seien für die Beschäftigten nicht tragbar. Die wurden am Dienstag bei einer Informationsveranstaltung über die Pläne informiert.

Hoher Kostendruck

Ganz anders argumentiert Familienunternehmer und Marquardt-Chef Harald Marquardt: „In Deutschland stehen wir bereits seit mehreren Jahren unter besonders hohem Preisdruck.“ Obwohl man wiederholt Kosten optimiert habe, könne man hier viele Produkte nicht mehr wettbewerbsfähig herstellen. „Um Verluste zu minimieren und zu vermeiden und auch künftig am Markt bestehen zu können, müssen wir deshalb Arbeitsplätze an kostengünstigere Standorte verlagern.“ In Rietheim und Böttingen beschäftigt der Autozulieferer rund 2400 Mitarbeiter. Die Aktivitäten sollen 2021 abgeschlossen sein. Man habe sämtliche Alternativen intensiv geprüft. Aufgrund der angespannten wirtschaftlichen Lage und des extremen Kostendrucks, den man als Zulieferer habe, „ist die Maßnahme jedoch unumgänglich“, so Marquardt.

Arbeitnehmervertreter und IG Metall sehen das anders. Ziel sei, einen Auftrag von Porsche an den hiesigen Standorten zu fertigen und nicht an einem anderen Marquardt-Standort. Dadurch würde über mehrere Jahre Beschäftigung gesichert und es müssten weniger Arbeitsplätze abgebaut werden. Gewerkschafter Manz macht aber deutlich: „Voraussetzung dafür ist, dass die bestehenden Verträge bis Ende 2020 eingehalten werden.“ Danach könne über eine Anschlussvereinbarung verhandelt werden. Der derzeit gültige Haustarifvertrag, in dem die Beschäftigten einen Verzicht ihrer tarifvertraglichen Ansprüche leisten und damit den Bau des kürzlich eingeweihten Entwicklungszentrums finanzieren, schließt Kündigungen ohnehin bis Ende 2020 aus.

Beschäftigte sollen 100 Millionen einsparen

Die von der Arbeitgeberseite geforderten Verzichte in Höhe von mehr als 100 Millionen Euro seien nicht tragbar, so Manz. Statt auf diese Weise die Unsicherheit in der Belegschaft noch zu schüren, müsse es darum gehen, die Beschäftigten in Zeiten von Elektromobilität und Digitalisierung zu qualifizieren und mitzunehmen.

Nach Angaben von Antonio Piovano, Betriebsratschef bei Marquardt in Rietheim, sollen unter anderem Produktlinien verlagert und Angestelltentätigkeiten in sogenannten Shared-Services-Centern im Ausland zusammengelegt werden. „Da bleibt kein Stein auf dem anderen, alle Bereiche, alle Beschäftigten sind betroffen.“ Man wisse um die Herausforderungen, vor denen Marquardt stehe und sei gesprächsbereit. Beschäftigte, Betriebsrat und IG Metall wollen, dass ein Porsche-Auftrag in Rietheim gefertigt wird – dabei geht es um Batteriesteuergeräte, also um E-Mobilität. Damit würde über Jahre Beschäftigung gesichert, und es müssten weniger Arbeitsplätze abgebaut werden, argumentieren Arbeitnehmervertreter und IG Metall.

Neues Werk in China

An strategischen Investitionen will Marquardt festhalten. So eröffnet der Zulieferer in Kürze ein zweites Werk in China und errichtet ein Entwicklungszentrum in Pune (Indien). Weltweit beschäftigt das 1925 gegründete Familienunternehmen gut 11 200 Mitarbeiter an 20 Standorten auf vier Kontinenten. Der Umsatz lag 2018 bei rund 1,3 Milliarden Euro. Ergebniszahlen nennt das Unternehmen nicht.

Im Bereich Automotive, der 80 Prozent des Umsatzes ausmacht, verzeichnet Marquardt nach eignen Angaben eine besonders hohe Nachfrage nach Batteriemanagementsystemen. Sie sorgen in Elektroautos dafür, dass die Zellen gleichmäßig geladen bleiben und entladen werden und damit Fahrzeugreichweite und Batterielebensdauer deutlich erhöht werden.