Sparkurs im Klinikverbund Südwest Herrenberg verliert Krankenhaus-Status, Leonberg die Gynäkologie

Kunst am Haupteingang des Krankenhauses Leonberg Foto: Simon Granville

Mit einer groß angelegten Neustrukturierung will der Klinikverbund aus den roten Zahlen kommen. In der Gäustadt ist immerhin noch ein Notfalldienst in der Nacht vorgesehen. Leonberg bleibt Grundversorger. Auf dem Flugfeld ist Neurochirurgie geplant.

Leonberg: Thomas K. Slotwinski (slo)

Der Klinikverbund macht ernst: Herrenberg verliert in anderthalb Jahren seinen Status als Krankenhaus im klassischen Sinne, hat aber als ein „integriertes Gesundheitszentrum“ weiterhin eine rund um die Uhr besetzte Anlaufstelle für Notfälle. Die gynäkologische Klinik im Krankenhaus Leonberg soll ins künftige Flugfeldklinikum umziehen, das allerdings erst in fünf Jahren. Das und mehr verkündeten die Landräte der Kreise Böblingen und Calw, Roland Bernhard (parteilos) und Helmut Riegger (CDU) sowie der Geschäftsführer Alexander Schmidtke am Dienstagnachmittag.

 

Worum geht es überhaupt?

„Medizinkonzept 2030“ nennen die beiden Landräte das Maßnahmenbündel, das im Lauf der kommenden sieben Jahren umgesetzt werden soll. Es passiert auf Empfehlungen des Gutachterunternehmens Lohfert & Lohfert und ist das Ergebnis eines „schwierigen, aber fruchtbaren Diskussionsprozesses, um dem Monster der Privatisierung die Stirn zu bieten“, wie sich der Landrat des Kreises Böblingen ausdrückte.

70 Millionen Euro beträgt das Jahresdefizit des Klinikverbundes mit seinen Häusern in Böblingen, Calw, Herrenberg, Leonberg, Nagold und Sindelfingen. Mit der Auflösung von Doppelstrukturen und einem internen Sparkurs soll diese gewaltige Summe nach unten gedrückt werden. „Alles trägt dazu bei“, sagt der Klinikverbund-Chef Schmidtke, der vor einem knappen Jahr angetreten ist. Vor allem die Zentralisierung vieler medizinischer Angebote im künftigen Flugfeldklinikum, das die Krankenhäuser in Böblingen und Sindelfingen ersetzen wird. Das Krankenhaus in Nagold soll innerhalb des Kreises Calw zur Hauptklinik mit Gynäkologie und Kardiologie werden.

Was ist in Leonberg geplant?

Umstritten ist nach wie vor die Verlegung der Gynäkologie aus dem Leonberger Krankenhaus nach Böblingen. Dies soll in fünf Jahren geschehen. Damit wäre auch der erst vor knapp zwei Jahren eingeführte hebammengeführte Kreißsaal weg. Zwar, so versichert Landrat Bernhard als Aufsichtsratsvorsitzender, werde es auch in der Flugfeldklinik einen hebammengeführten Kreißsaal geben. Doch die Hebammen selbst halten eine Geburtshilfe quasi als Massenbetrieb für die qualitativ deutlich schlechtere Lösung.

Der Klinikverbund wiederum sagt, dass die Geburtenzahl in Leonberg von rund 600 im Jahr zu gering sei, die Anforderungen würden eher steigen. Viele Mediziner im Raum Leonberg halten dagegen, dass die Entwicklungsmöglichkeiten des bei etlichen Müttern beliebten Angebotes längst noch nicht ausgeschöpft seien. Viele Geburten würden dann eher in einer Stuttgarter Klinik als in Böblingen stattfinden. Außerdem habe Leonberg als Krankenhaus der Grundversorgung die komplette Infrastruktur.

Denn die wird es in der Leonberger Klinik mit dann 195 Betten auch weiterhin geben. Und nicht nur das: Schon jetzt hat die Bauch- und Darmchirurgie einen sehr guten Ruf. Sie wird weiterhin ein Aushängeschild bleiben. Ein künftiger Schwerpunkt soll die Geriatrie werden. „Altersmedizin hat nichts mit Altersheim zu tun“, sagt Alexander Schmidtke. „Es geht darum, die Lebensqualität der Patienten zu steigern.“

Die Unfallchirurgie bleibt unangetastet, die Gefäßchirurgie wird sogar einige Jahre wachsen. Denn die Abteilung aus Sindelfingen wird bis zur Eröffnung der Flugfeldklinik in Leonberg angedockt. Dafür wird der Leonberger Chefarzt Joachim Quendt, der eigentlich bald in den Ruhestand gegangen wäre, noch eine Zeit dranhängen. Für den Klinikverbund-Chef Schmidtke ist eine zentrale Gefäßchirurgie sowohl medizinisch wie auch finanziell die deutlich bessere Lösung.

Eigentlich hätte der Umzug schon im Oktober über die Bühne gehen sollen. Doch da die Stadt Sindelfingen früher ebenfalls Träger des Klinikverbundes war, ist noch deren Zustimmung nötig. Die aber soll noch in diesem Jahr kommen, versichert Bernhard.

Was passiert in Herrenberg?

Die Verantwortlichen in der Gäustadt sind sehr spät aufgeschreckt. Während in Leonberg schon vor zehn Jahren gegen eine drohende Herabstufung des eigenen Krankenhauses mobil gemacht wurde, ist in Herrenberg der Protest erst losgegangen, als im Sommer bei der Präsentation des Gutachtens das faktische Ende der eigenen Klinik angekündigt wurde. Zumindest ein Teilerfolg konnte jetzt erzielt werden.

Als „integriertes Gesundheitszentrum“ sind 120 Betten geplant, davon allein 20 für die Palliativversorgung. Herrenberg wäre damit ein wichtiger Schwerpunkt innerhalb des Klinikverbundes, in dem die Folgen von Krankheiten gelindert werden, bei denen keine Aussicht auf Heilung besteht.

Tagsüber sollen in Herrenberg Operationen möglich sein, ein Notfallaufnahme ist rund um die Uhr geplant. Die Hebammen, die bisher einen stark frequentierten Kreißsaal leiten, bekommen stattdessen eine ambulante Praxis. Die Umstrukturierungen sind für Mitte 2025 vorgesehen. Roland Bernhard räumte ein, dass Herrenberg „einen sehr starken Eingriff“ zu verkraften habe.

Was hat das Flugfeld zu bieten?

Alexander Schmidtke spricht von einem „Juwel.“ Immerhin habe der Klinikverbund mit dem neuen Klinikum einen Maximalversorger, dessen Aushängeschild eine neurochirurgische Abteilung sein soll. Ob aber im Komplex zwischen Böblingen und Sindelfingen tatsächlich Verletzungen des Nervensystems, Schlaganfälle oder Wirbelsäulenschäden behandelt werden können, hängt auch von der Landesregierung ab, die dem Betrieb zustimmen muss. Daneben sind auf dem Flugfeld alle weiteren Disziplinen vorgesehen. Bernhard hofft, dass die Baukosten, sie lagen zuletzt bei 750 Millionen Euro, nicht noch weiter ansteigen werden.

Das Paket sollen die Kreistage in Böblingen und Calw im Dezember beschließen.

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