Speed Recruiting Eine Frage der Einstellung

Von Michael Setzer 

Vorstellungsgespräche am Fließband und mit der Stoppuhr im Nacken. Natürlich hört sich „Speed Recruiting“ unangenehm hip an, doch das vom Dating entliehene Modell funktioniert – auch weil selten am gleichen Abend noch geheiratet wird

Speed Recruiting: zwischen Zeitdruck und Chance. Foto: dpa
Speed Recruiting: zwischen Zeitdruck und Chance. Foto: dpa

Stuttgart - Klingt Praktisch! Eine Bewerbung abschicken und gleich zu zehn Bewerbungsgesprächen eingeladen werden – an einem Abend. Zweimal jährlich veranstaltet Stell-mich-ein aus Berlin das sogenannte Speed Recruiting für Berufseinsteiger und Young Professionals in der Werbe- und Agenturbranche – bislang in Berlin, Hamburg und München und Ende Februar auch in Frankfurt und Stuttgart.

Maximal vier Minuten stehen den Bewerbern und Agenturen zur Verfügung, um Informationen auszutauschen, miteinander warm zu werden oder gar Gefallen aneinander zu finden. Dann kommt der Gong und es geht weiter zum nächsten Gespräch. Ein ähnliches Ver­fahren gibt’s auch auf dem Markt der zwischenmenschlichen Partnerschaftssuche. Dort heißt das „Speed Dating“ und die Aspiranten werden einander ebenfalls mit der Stoppuhr im Nacken vorstellig. Und jeder Teilnehmer weiß: Da wird auch nicht gleich geheiratet.

„Natürlich reichen drei bis vier Minuten nicht aus, um sich ein vollständiges Bild von den Fähigkeiten eines Bewerbers zu machen“, sagt Friederike Berndt von der School for Communication and Management (SCM). Bei gegenseitigem Gefallen folgt danach jedoch eventuell die Einladung zum nächsten, etwas tiefer gehenden Gespräch. Friederike Berndt sieht die Veranstaltung als eine Art erstes Kennenlernen und Netzwerk-Veranstaltung. Die SCM, unter deren Ägide Stell-mich-ein und das Speed Recruiting konzipiert und durchgeführt werden, fungiert da im Auftrag der beteiligten Agenturen als ausgelagerter Personaler, der die Bewerber vorab prüft und aussortiert – ideal natürlich für Berufseinsteiger, die einen Fuß in die Tür der hippen Branche bekommen wollen.

Das Potenzial ist groß

Doch das Potenzial für andere Arbeitsbereiche ist ebenfalls gegeben. Das Jobcenter in Köln beispielsweise stand bislang kaum unter übermäßigem Hipness-Verdacht: „JobSpeedDating“ nennt sich deren Projekt, das im September bereits zum neunten Mal stattfinden wird. Es ist nicht ganz so glamourös wie das Pendant in der Agenturbranche, zielt aber auf das gleiche Ergebnis und schließt obendrein nicht nur Neueinsteiger, sondern auch bereits erfahrene Arbeitskräfte ein.

Im vergangenen Jahr nahmen über 1000 Arbeitssuchende an der Veranstaltung im Kölner RheinEnergie Stadion teil, wo normalerweise Simon Terodde für den 1. FC Köln Tore schießt. In der Vorbereitung zum Event waren sogar fast 1700 Menschen registriert, doch da ein intensives Coaching im Vorfeld Teil des Events ist, konnten viele Arbeitssuchende bereits im Vorfeld vermittelt werden. Angeboten wurden über 3000 Stellen von 121 Arbeitgebern.

Laut einer ersten Evaluation zum Ende des vergangenen Jahres, konnten bislang 38 Prozent der Jobsuchenden eine Stelle finden.