Eigentlich war Dorian Zedler schon geschlagen. Im kleinen Finale der deutschen Meisterschaften im Speedklettern, die im Sparkassendome in Neu-Ulm stattfanden, lag der 19-jährige Vaihinger von Beginn an zurück – ehe sein Konkurrent Leander Carmanns aus Mönchengladbach bei einem Griff leicht abrutschte. Der Weg war damit frei für Zedler, der sich schließlich in persönlicher Bestzeit von 6,185 Sekunden die Bronzemedaille in der Männerkonkurrenz sicherte. „Ich wusste, dass ich eine Medaille gewinnen kann“, sagt Zedler, der mittlerweile in München lebt und dort Informatik studiert, aber nach wie vor für die Sektion Stuttgart des Deutschen Alpenvereins (DAV) startet.
Das Speedklettern ist sehr perfektionistisch
Dabei ist es noch gar nicht so lange her, seit sich der Teenager mit den schulterlangen Haaren ausnahmslos auf das Speedklettern konzentriert, eine in Deutschland noch junge aber boomende Disziplin im Sportklettern. Bis Ende 2019 hat der Youngster auch noch den Disziplinen Bouldern und Lead gefrönt. „Das Speedklettern ist sehr perfektionistisch. Das bin ich auch, und deshalb passt es sehr gut zu mir“, erklärt Zedler seine Entscheidung.
Beim Speedklettern geht es darum, eine weltweit genormte Route schnellstmöglich nach oben zu klettern. Die Länge und Neigung der Wand sowie die Größe, Form und Position der Griffe und Tritte (20 insgesamt) sind dabei immer identisch. Gesichert wird im sogenannten Toprope, also von oben. Am Ende der Route müssen die Athleten auf einen Buzzer schlagen, in diesem Moment wird die Zeit gestoppt. Bei Wettkämpfen wie in Neu-Ulm ist die Speedtour 15 Meter hoch, hängt fünf Grad über und befindet sich im siebten Schwierigkeitsgrad – insgesamt reicht die Skala im Klettern bis neun. Den deutschen Rekord in 5,64 Sekunden hält Sebastian Lucke aus Wuppertal, der sich bei den nationalen Titelkämpfen im Finale seinem Nationalmannschaftskollegen und Titelverteidiger Linus Bader aus Düsseldorf geschlagen geben musste.
Der Europameister aus der Ukraine ist das Vorbild
Letzterer war mehr als eine Sekunde langsamer als Zedler in seinem Bronzeduell, was zeigt, was für den Vaihinger eigentlich möglich gewesen wäre. Bei Wettkämpfen geht es vom Achtelfinale an freilich nicht mehr um die Zeit, sondern nur noch darum, den Buzzer vor seinem direkten Konkurrenten auf der anderen Bahn zu drücken. Lediglich in der Qualifikation ist das anders und werden Zeiten verglichen. Anschließend geht es für die 16 Schnellsten im K.-o.-System weiter. Mann gegen Mann. Frau gegen Frau.
Zedler begann einst als Fünfjähriger auf der Degerlocher Waldau mit dem Klettern. Von da an war er von der Sportart fasziniert. Sie ließ ihn nicht mehr los. Wie er seine aktuellen Leistungen einstuft? „Ich habe die Taktik bei meinen letzten Griffen ein wenig geändert, da passt noch nicht alles optimal“, sagt der Athlet, der sein Abitur am Vaihinger Fanny-Leicht-Gymnasium gebaut hat. Sein Vorbild ist der Ukrainer Danyil Boldyrev, der amtierende Europameister. Zedler selbst verpasste bei der EM im Sommer in München die K.-o.-Runde und musste sich mit dem 20. Platz begnügen.
Körpergefühl und Körperkontrolle sind sehr wichtig
Um seinen Lauf weiter zu optimieren, trainiert der 19-Jährige derzeit fünf- bis sechsmal in der Woche in einer Kletterhalle im Münchner Stadtbezirk Freimann. Seine Trainingspläne bekommt der DAV-Kaderathlet (Vorstufe zum Nationalkader) vom Bundestrainer Peter Schnabel. „Ich schicke ihm immer Videos von meinen Läufen, die wir dann besprechen“, sagt Zedler, dessen größter Erfolg bisher ein dritter Rang beim European Youth Cup im vergangenen Jahr im belgischen Puurs war.
Beim Speedklettern ist außer einer hohen Schnell- und Maximalkraft, einem guten Körpergefühl und einer guten Körperkontrolle auch eine große Greif- und Trittpräzision notwendig. „Nur wenn du keine Fehler machst, bist du schnell“, sagt Zedler. Entsprechend groß sei auch der mentale Druck bei Wettkämpfen. Diesen Druck wird der Vaihinger in diesem Jahr noch einmal haben – am morgigen Samstag, beim heuer letzten Europacup-Durchgang in Frankreich. Danach ist bis April Wettkampfpause, aber freilich keine Trainingspause. „Das Training wird sich ändern. Wir gehen weg von der Wand und konzentrieren uns aufs Krafttraining“, sagt Zedler.
Die Bestzeit auf 5,8 Sekunden steigern
Im nächsten Wettkampfjahr will er dann nicht nur bei Europacups, sondern auch bei Weltcups starten – und seine Bestzeit auf 5,8 Sekunden steigern. Das hört sich zwar nach nicht viel an, kann aber mitunter ein ganzes Trainingsjahr dauern. „Es ist ein Meilenstein“, sagt Zedler, dessen jüngerer Bruder Andrin (15) beim in Neu-Ulm parallel ausgetragenen deutschen Speed-Jugendcup bei der B-Jugend ebenfalls Bronze gewann.