Ein Golffahrer lässt seinen Motor im Stand in den Drehzahlbegrenzer laufen und verursacht damit ein extrem lautes Auspuffknallen. Zwei kleine Kinder stehen zehn Meter daneben, bekommen einen Riesenschreck und fangen an zu weinen. Die Mutter versucht, ihre zwei- und vierjährigen Jungs zu trösten, während der Besitzer des Golfs einfach immer weiter knallt. Der Vater der Kinder wendet sich erst direkt an den Fahrer, dann an den Sicherheitsdienst und eine Polizeistreife – niemand reagiert.
So jedenfalls schildert ein Besucher aus Leinfelden-Echterdingen sein Erlebnis beim Saisonauftakt der Motorworld am vergangenen Sonntag. „Wir besuchen regelmäßig Autoveranstaltungen im Großraum Stuttgart, aber was wir heute erleben mussten, habe ich in dieser Form noch nicht erlebt“, schreibt er in einer Beschwerdemail, die er an den Veranstalter sowie an die Böblinger Stadtverwaltung und die Presse schickt.
Zudem stellt er fest, dass dies nicht der einzige Vorfall dieser Art war. „Immer wieder hörte man über den Platz hinweg Motoren, die von ihren Besitzern in den Begrenzer gejagt wurden“, berichtet er. Er könne verstehen, dass die Leute ihre Fahrzeuge zeigen wollen und auch stolz darauf sind. „Aber so ein Verhalten hat nichts mit dem Zeigen von Fahrzeugen zu tun“, findet er.
„Um-die-Wette-Röhren“ gehört bei der Szene dazu
Tatsächlich ist das Geräusch hochgezüchteter Motoren und auf maximale Lautstärke ausgelegter Sporauspuffanlagen ein ständiger Begleiter beim Saisonauftakt der Motorworld, der laut Veranstaltern über den Sonntag verteilt rund 12 000 PS-Fans angelockt hat. „Das ist ein Szenetreff, da macht man das so“, sagt Centerleiterin Susanne Kirschbaum zu dem jeweils vielbestaunten Um-die-Wette-Röhren. Bei einem Motor-Event müsse man damit rechnen, dass es laut wird und entsprechenden Gehörschutz tragen. „Wir haben uns aber überlegt, beim nächsten Mal kostenlos Ohrstöpsel zu verteilen“, kündigt Kirschbaum an.
Auf diesen Punkt angesprochen, teilt der Besucher aus Leinfelden-Echterdingen mit, dass er für seine Söhne sehr wohl einen Gehörschutz dabei gehabt habe – wie auch bei den anderen Motorsportveranstaltungen, zu denen er seine „total autobegeisterten“ Söhne schon mitgenommen habe. Der beschriebene Vorfall habe sich aber am Rande des Parkplatzes ereignet, wo die Kinder schon keinen Hörschutz mehr getragen hätten.
Vater kritisiert Bewerbung als Kinderveranstaltung
Überhaupt stört sich der Vater daran, dass der Saisonauftakt als eine für Kinder geeignete Veranstaltung beworben wurde. Laut Susanne Kirschbaum ist dies auch genau so gewollt. Sie weist darauf hin, dass man den Kinderbereich deshalb bewusst ausgelagert habe, um die Kleinen vor Lärm zu schützen.
Der Auspuffknall mit dem Golf hatte sich weiter abseits ereignet. Dennoch findet der Familienvater, man hätte den Besitzer des Wagens „vom Hof jagen“ sollen. Bei anderen Motorsportveranstaltungen werde ein solches Verhalten auch abgestraft.
Stadt Böblingen liegen keine weiteren Beschwerden vor
Susanne Kirschbaum kündigt an, den Vorfall zu prüfen und sich nochmals bei dem Vater zu melden. Davon abgesehen hätten sie und ihr Eventteam durchgehend positive Rückmeldungen zum Saisonauftakt erhalten. Auch auf dem Böblinger Rathaus sei – von der Mail des Besuchers von den Fildern – keine weitere Beschwerde bekannt.
Mit Gelassenheit sieht man das PS-Spektakel übrigens bei den amerikanischen Mitgliedern der Trinity Church Stuttgart, die beim Saisonauftakt – wie an jedem Sonntag – in einem Glaskasten inmitten der Motorworld-Halle Gottesdienst feiern. „Anfangs fand ich das ein bisschen unpassend, aber mittlerweile habe ich mich daran gewöhnt. Und die Männer schauen sich gerne die Autos an“, sagt Suzanne Carroll aus der Gemeinde.