Spielkonsole Memorebox für Senioren Wenn Omas und Opas sich fit zocken

Sieht lustig aus, ist es auch: Die Bewohner am Weinberg müssen die Bewegungen am Bildschirm nachtanzen. Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth

X-Box und Nintendo Wii haben Konkurrenz: Die Memorebox funktioniert ohne Controller – und wurde speziell für Senioren entwickelt. Sie soll einen positiven Gesundheitseffekt haben. Im Haus am Weinberg in Obertürkheim probiert sie eine Truppe von etwa 80-Jährigen aus.

Psychologie/Partnerschaft: Florian Gann (fga)

Stuttgart - Dana Devrnja steuert das rote Motorrad in Richtung Wuppertal. Sie schlängelt das Bike im 50er-Jahre-Design zwischen den anderen Fahrzeugen hindurch, indem sie ihren Oberkörper mal leicht nach links, dann leicht nach rechts wiegt. Einmal kracht sie fast an die Leitplanke, reißt das Bike aber im letzten Moment herum. Als sie heil in Wuppertal ankommt, applaudieren ihre Zockerkollegen im Haus am Weinberg in Obertürkheim. Auf der sogenannten Memorebox, einer Spielkonsole speziell für ältere Menschen, hat sie sich gerade virtuell den Fahrtwind ins Gesicht wehen lassen. Seit im Haus am Weinberg auf der Memorebox gespielt wird, ist Zocken keine Sache mehr, die der jüngeren Generation vorenthalten ist.

 

Computerspiele halten 80-Jährige in Bewegung

Devrnja wechselt sich an der Konsole mit ihren Zockerkollegen ab. Sechs Frauen und zwei Männer, zwischen 79 und 89 Jahre alt, treffen sich einmal im Monat, um mit der Memorebox zu spielen, in Zukunft soll es öfter stattfinden. Sie fahren nicht nur mit dem Bike, sie kegeln auch, fahren Zeitungen und Briefe mit dem Fahrrad aus, spielen Tischtennis oder singen und tanzen. Dass sie sich dabei gegenseitig anfeuern und sichtlich ihren Spaß haben, ist eigentlich nur ein Nebeneffekt. Durch die Bewegungen, Koordinations- und Erinnerungsleistungen, die die Spiele abfordern, tun die Spieler etwas für ihre Gesundheit.

Technisch funktioniert das so: Die Spieler steuern die Figur am Bildschirm mit ihrem Körper. Ob man dabei steht oder im Rollstuhl sitzt, spielt keine Rolle. Eine Kamera scannt die Bewegungen und Gesten der Senioren und überführt sie in die Konsole. Einen Controller gibt es nicht. Seine Bedienung würde auch viele Senioren überfordern, sagt Elisabeth van Geenen, stellvertretende Hausleiterin am Weinberg. Ums Gewinnen geht es dabei nicht. „Das Schöne ist, dass man von der Memorebox immer gelobt wird“, sagt van Geenen über das gute Gefühl, das die Konsole den Spielern gibt. Zudem passt sich die Konsole den Fähigkeiten der Spieler an.

Zocken schult die Motorik – und belebt das Miteinander

Seit vergangener Woche ist das Haus am Weinberg offiziell Teil eines Pilotprojekts, das die Gesundheitsversicherung Barmer gemeinsam mit Retro Brain, dem Start-up hinter der Memorebox, betreibt. In zehn Pflegeeinrichtungen in Baden-Württemberg laufen derzeit Probeeinsätze mit der Spielkonsole, für welche die Landes-Integrationsstaatssekretärin Bärbl Mielich (Bündnis 90/Die Grünen) die Schirmherrschaft übernommen hat. Bundesweit sollen in diesem Jahr 100 Einrichtungen mit der Memorebox ausgestattet werden. Man wolle Erfahrungen in ganz Deutschland gewinnen, sagt Retro-Brain-Gründer Manouchehr Shamsrizi. Die Ziele des Projekts enden aber nicht mit der Erprobung. „Wir möchten, dass in allen Pflegeheimen eine Memorebox steht“, so Shamsrizi. Das würde eine Ausstattung von etwa 15 000 Pflegeheimen bedeuten. Auch von der Barmer heißt es, man strebe die Regelversorgung an.

Bevor im Haus am Weinberg der offizielle Startschuss für Baden-Württemberg für diese zweite Projektstufe fiel, wurde die Technik in Berliner und Hamburger Pflegeeinrichtungen erprobt und – wie auch die aktuelle Phase – von der Humboldt-Universität in Berlin wissenschaftlich begleitet. Das Ergebnis: Körper und Geist würden von dem Computerspiel profitieren, soll die Evaluierung laut der Barmer ergeben haben. Stand- und Gangsicherheit wurden demnach verbessert, ebenso Motorik, Ausdauer und Koordinationsfähigkeit bei den Pflegeheimbewohnern. Dazu würde es das Miteinander beleben, heißt es von der Barmer. Beschäftigte und Angehörige würden miteinbezogen, Retro-Brain-Gründer Shamsrizi spricht auch davon, dass bei manchen Pflegeheimen Kindergärten vorbeigekommen seien, um mit den Senioren zu zocken – ein Stück soziale Integration.

Auch für 80-Jährige sind Computerspiele nichts Neues

Das Miteinander genießen auch die Seniorenzocker im Haus am Weinberg, die Spielkonsole kommt gut bei ihnen an. „Es ist einfach gesellig“, sagt Rosmarie Lang, eine Spielerkollegin von Dana Devrnja, der Bildschirm-Bikerin. Und: „Mir gefällt, dass man sich im Nachhinein vergleichen kann.“ Neu ist sie in der Welt der Computerspiele nicht. Angefangen hatte sie mit „Moorhuhn“ am PC, auch die Wii-Konsole von Nintendo hatte sie schon ausprobiert. Da brauchte man noch eine Maus oder einen Controller, nun schätzt sie die Einfachheit der Memorebox: „Es ist schön, dass man keine Hilfsmittel braucht.“

Weitere Themen