Spielmacher des VfB Stuttgart spricht Klartext Was Daniel Didavi über die jungen Spieler und das Profigeschäft denkt

Daniel Didavi will dabei helfen, den VfB wieder in der Bundesliga zu etablieren. Foto: Baumann

Beim VfB Stuttgart gehört Daniel Didavi (30) inzwischen zu den wenigen Routiniers. Im Interview prophezeit der Spielmacher einigen VfB-Talenten eine große Karriere – und ist gleichzeitig froh, dass sich seine eigene Zeit als Fußballprofi dem Ende nähert.

Stuttgart - Fünf Wochen vor dem ersten Bundesligaspiel blickt Daniel Didavi der neuen Saison durchaus zuversichtlich entgegen. Andere Themen dagegen liegen dem 30 Jahre alten Spielmacher des VfB Stuttgart schwer im Magen.

 

Herr Didavi, Sie absolvieren derzeit Ihre 13. Saisonvorbereitung als Fußballprofi. Macht es noch immer Spaß, sich wochenlang zu quälen?

Hätte ich keinen Spaß mehr, würde ich aufhören. Natürlich gibt es Tage, an denen man sich fragt: Muss das sein? Früher fand ich die Saisonvorbereitung aber schlimmer. Mittlerweile bin ich lange genug dabei, um zu wissen, was auf mich zukommt.

Eine Vorbereitung unter Corona-Bedingungen haben aber auch Sie noch nicht erlebt.

Auch daran habe ich mich inzwischen gewöhnt. Es gibt keine Zuschauer am Spielfeldrand, wir dürfen Sauna und Whirlpool nicht benutzen und müssen uns regelmäßig testen lassen. Leider ist das Routine geworden.

Wie geht es Ihren Gelenken, Bändern und Muskeln?

Mein Knie macht schon länger keine Probleme mehr, auf die Muskulatur muss ich gut aufpassen. Wahrscheinlich wird es so sein, dass die Muskeln in den nächsten Wochen immer mal wieder zwicken. Ich werde ja nicht jünger.

In der vergangenen Saison haben Sie einige Rätsel aufgegeben, als Sie nach Ihrer Gelb-Roten Karte in Kiel am 27. Spieltag gar nicht mehr zum Einsatz kamen. Was war los?

Als ich die Sperre abgesessen hatte, bin ich im Abschlusstraining mit Marc Oliver Kempf zusammengeprallt, da hat mein Knie reagiert. Und als es wieder in Ordnung war, hat die Wadenmuskulatur zugemacht. Im letzten Spiel gegen Darmstadt hätte ich wieder spielen können, aber da wollte der Trainer andere belohnen. Das habe ich natürlich verstanden.

Was nehmen Sie mit aus Ihrer ersten Saison in der zweiten Liga?

Wechselhafte Erfahrungen. Einerseits war es gut für mich, dass wir in den Spielen viel mehr Ballbesitz als der Gegner hatten. Andererseits wird in der zweiten Liga ein ganz anderer Fußball gespielt. Das ist eine Kampfliga. Die Mannschaften stehen hinten drin, man hat kaum Raum und bekommt viel auf die Socken. Ich glaube, ein Spielertyp wie ich tut sich in der Bundesliga leichter.

Wie groß ist Ihre Zuversicht, dass die neue Saison etwas ruhiger wird als die alte?

Wir dürfen nicht träumen und müssen uns bewusst sein, dass es nur darum geht, die Klasse zu halten. Es muss allen klar sein, dass wir während der Saison auch schlechte Phasen haben werden.

Für prominente Neuzugänge fehlt das Geld, die Mannschaft ist sehr jung. Reicht die Qualität, um in der Bundesliga mitzuhalten?

Ich finde es den richtigen Weg, dass es keinen Umbruch gibt und fünf, sechs gestandene Profis geholt werden. Wir haben viele junge Spieler mit überragenden Fähigkeiten: Mateo Klimowicz zum Beispiel, Silas Wamangituka, Roberto Massimo oder Lilian Egloff. Ich sehe sie jeden Tag im Training und bin überzeugt davon, dass sie das Potenzial haben, um eines Tages auch bei absoluten Topclubs zu spielen. Aber sie sind eben noch keine etablierten Bundesligaspieler. Wenn es ihnen gelingt, möglichst schnell den nächsten Schritt zu machen, könnte es eine gute Saison werden.

Inwieweit können Sie den jungen Spielern helfen?

Wenn einer meinen Rat will, bekommt er ihn gerne. Ich dränge ihn aber niemandem auf. Die Zeiten haben sich ohnehin total geändert. Als ich jung war, haben einen die älteren Spieler manchmal von oben herab behandelt. Ich erinnere mich, wie sich Khalid Boulahrouz und Alexander Hleb im Training einmal geweigert haben, mit mir zu spielen, ich musste mir erst mit Leistung ihren Respekt verdienen. Damals gab es im Kader höchstens eine Handvoll junger Spieler, der große Rest war deutlich älter. Heute ist es umgekehrt.

Im Moment sind es die Finanzen, die im Profifußball viele andere Themen überlagern. Wie nehmen Sie die Diskussionen darüber wahr, dass Fußballer zu viel verdienen?

Natürlich verdienen wir sehr viel, wenn man sieht, was auf der Welt los ist. Aber bislang war es ja auch so, dass der Fußball sehr viel Geld erwirtschaftet hat. Und den größten Teil vom Kuchen bekamen die Spieler. Das kann man gut finden oder schlecht. Natürlich ist es schön für mich, dass ich nach meiner Spielerkarriere finanziell ausgesorgt haben werde, wenn ich keinen Blödsinn anstelle. Aber ob Sie es glauben oder nicht: Ich habe nie wegen des Geldes Fußball gespielt, sondern weil es mir Spaß macht.

Dann könnten Sie ja jetzt auf Gehalt verzichten.

Ich verstehe, dass in einer solchen Situation diejenigen, die am meisten Geld haben, etwas abgeben sollten. Wenn es der Verein für nötig erachtet, dass wir Spieler auf Gehalt verzichten sollen, dann mache ich das. Das wäre für mich kein Problem.

Verstehen Sie auch, dass neben Benedikt Höwedes zuletzt auch André Schürrle, der ein Jahr jünger ist als Sie, seine Karriere beendet hat, weil er keine Lust mehr auf den ganzen Profizirkus hat?

Zu hundert Prozent. Es hat ja seine Gründe, dass André Schürrle keine Lust mehr hat. Das Geschäft wird immer brutaler. Viele Menschen können sich gar nicht vorstellen, was es bedeutet, wenn man heutzutage in der Öffentlichkeit steht. Wenn man zum Beispiel all das, was man in den sozialen Netzwerken über sich zu lesen bekommt, an sich ranlässt, kann man kaputtgehen.

Sie standen zuletzt selbst im Kreuzfeuer, nachdem Sie auf Instagram Kritik an den Corona-Maßnahmen geäußert hatten.

Was ich gesagt habe, darüber kann man sicherlich streiten. Ich weiß selbst, dass ich manchmal mit meinen Aussagen polarisiere. Was aber insbesondere daraus gemacht wurde, ist absurd, teilweise sogar krank. Ich habe daraus zwei Dinge gelernt: Erstens bekommst du auf die Fresse, wenn du nicht das sagst, was die Leute hören wollen. Und deshalb ist es zweitens oft besser, seine Meinung öffentlich lieber gar nicht zu äußern.

Eine bittere Erkenntnis.

Aber genauso ist es. Es heißt immer, man wolle Typen, die ihre Meinung sagen – aber das geht heute nicht mehr. Wenn du in der Öffentlichkeit stehst und keine Probleme haben willst, dann hältst du besser den Mund. Im Grunde ist es sogar völlig egal, was du sagst – Prügel von irgendeiner Seite gibt es in jedem Fall, im Übrigen auch für Weltstars wie Lionel Messi oder Cristiano Ronaldo. Zum Glück kann ich damit umgehen. Es interessiert mich nicht, was Leute, die ich nicht kenne, über mich sagen.

War das schon immer so?

Nein, das war ein Prozess. Ich weiß noch, wie sehr es mich mitgenommen hat, als ich vom VfB nach Wolfsburg gegangen bin und auf übelste Weise beleidigt wurde. Bis dahin war ich der große Liebling der Fans – und wurde mit einem Schlag zur Hassfigur. Das war schlimm.

Wie sind Sie damit umgegangen?

Ich habe gelernt, mich von persönlichen Attacken fremder Menschen nicht mehr runterziehen zu lassen und meinen Beruf und mein Privatleben komplett zu trennen. Anders ginge es auch gar nicht mehr. Verstehen Sie mich nicht falsch, ich bin noch immer extrem ehrgeizig und hasse es zu verlieren. Aber ob es im Fußball gut läuft oder schlecht – das beeinflusst mein Privatleben nicht mehr.

Wie haben Sie das hinbekommen?

Ich habe als Fußballer sehr viele Tiefen erlebt: die vielen Verletzungen, die zwei Abstiege mit dem VfB, die Zeit in Wolfsburg, die nicht einfach war. In meiner Persönlichkeitsentwicklung hat mir all das sehr geholfen. Ich habe zum Glauben gefunden und begonnen, sehr viel zu lesen. So bin ich der geworden, der ich jetzt bin.

Ertappen Sie sich manchmal dabei, wie Sie sich fragen, ob Sie sich das Fußballgeschäft noch länger antun wollen?

Ich bin zumindest manchmal froh, dass ich keine 20 mehr bin, sondern dass sich meine Karriere dem Ende nähert. Es gibt einfach viele Dinge im Profifußball, die keinen Spaß mehr machen. Gleichzeitig ist es aber noch immer so, dass ich den Fußball liebe.

Ihr Vertrag läuft nach der Saison aus. Wissen Sie schon, wie es danach weitergeht?

Nein, darüber mache ich mir keine Gedanken. Es kann sein, dass ich noch länger hierbleibe oder im Ausland weiterspiele. Es kann aber auch sein, dass ich meine Karriere beende. Momentan macht es mir noch Spaß. Es ist ohnehin ein Wunder, dass ich noch immer Fußball spielen kann. Als ich mit 22 einen Knorpelschaden hatte, haben mir die Ärzte gesagt, dass meine Karriere vorbei ist und ich mit 30 ein künstliches Kniegelenk haben werde.

Was wäre dann aus Ihnen geworden?

Vermutlich auch ein glücklicher Mensch, da ich versuche, aus jeder Situation das Beste zu machen. Allerdings hätte ich es sehr bereut, dass ich mit 18 die Schule geschmissen und kein Abitur gemacht habe. Das war dumm.

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