Spielzeug aus Ludwigsburg Spiel und Kunst im XXL-Format: Wo kullernde Kugeln frech werden
Hanns-Martin Wagner aus Ludwigsburg konzipiert große Kugelbahnen, die auf Gartenschauen, Messen und demnächst auch in einer Kunstausstellung zu bestaunen sind.
Hanns-Martin Wagner aus Ludwigsburg konzipiert große Kugelbahnen, die auf Gartenschauen, Messen und demnächst auch in einer Kunstausstellung zu bestaunen sind.
Kaum ein Spielgerät vermag Groß und Klein so in seinen Bann zu ziehen wie eine Kugelbahn. Dabei ist die Ausgangslage denkbar unspektakulär: Jeder weiß genau, wo die Reise für den rollenden Körper beginnt. Und an welchem Punkt sie endet. Faszinierend ist allerdings, was sich dazwischen abspielt. Wie rasant Kurven genommen werden. Über welch verschlungenen Pfade das Ziel erreicht wird. Mit welcher Finesse Hindernisse passiert werden. Ein besonderes Faible für diesen Zeitvertreib hat Hanns-Martin Wagner entwickelt. Mehr noch: er konstruiert und baut die Geräte – und zwar im XXL-Format.
Damit gehört der 62-Jährige aus Poppenweiler zu einem äußerst kleinen Kreis von Spezialisten, die sich weltweit dieser Profession und Tüftelei verschrieben haben. In Deutschland gebe es vielleicht ein oder zwei Leute, die wie er passgenau solche überdimensionierten Bahnen zusammenschweißen, sagt der Schweizer Landsmann. Einen Durchmesser von 30 Zentimetern hat die gewaltigste Kugel, die je über eine Konstruktion von ihm rotiert ist. „Das ist ungefähr so groß wie oder sogar größer als ein Basketball“, erklärt er.
Wagner geht es freilich nicht um Rekorde und Superlative. Ihn begeistert, dass er an der Schnittstelle zwischen Spiel und Kunst wirken kann. Wagner, der in seinem früheren Leben mit Jugendlichen gearbeitet hat, interessiert zudem die soziale Komponente. Er will Menschen mit seinem Schaffen eine Freude bereiten und beobachtet, wie die Leute auf seine Kreationen reagieren. Im Treppenhaus einer Gemeinde in der Schweiz habe er neben einer Schule eine Kugelbahn im Treppenhaus installiert. „Da haben sich die Kinder die Nase an der Scheibe platt gedrückt, wenn sie draußen gespielt haben. Das ist schön, wenn man sieht, wie das angenommen wird“, erklärt er. Ein Besuchermagnet war erst unlängst die interaktive Kugelbahn mit sechs Stationen, die Wagner für die Gartenschau in Balingen entwickelt hatte.
Ein hoher Andrang dürfte demnächst auch im Genfer Musée d’Art et d’Histoire herrschen. Dort hat der berühmte und bisweilen provokante belgische Konzeptkünstler Wim Delvoye vom 26. Januar bis 16. Juni freie Hand bei einer Solo-Ausstellung – und sich dafür Hanns-Martin Wagner an seine Seite geholt. Der Schweizer steuert als Bonbon eine Bahn bei, die durch die Räume führt und sie somit gewissermaßen miteinander verbindet. Teilweise kommt es sogar zur Interaktion mit den Werken des Belgiers, wenn etwa eine Kugel aus dem Busen einer Dame aus einem Bild kullert. „Da bin ich ein Dienstleister für ihn. Wim Delvoye hatte das Konzept, und wir sind in den Austausch miteinander gegangen. Das sind Hunderte von Metern Bahn“, erklärt Wagner. Die Endmontage dieser raumgreifenden Arbeiten erfolgt an Ort und Stelle. Doch der Grundstein wird in der „Sinnwerkstatt“ in der Alten Mühle in Poppenweiler gelegt.
Hier schweißt und biegt Wagner an seinen Kunst-Spielzeugen. Komponenten wie Zahnräder oder Motoren bestellt er. Die Bahnen baut er komplett selbst und abschnittsweise – damit die Konstruktionen durch die Tür und gegebenenfalls in einen Schiffscontainer passen, wenn der Bestimmungsort weit entfernt liegen sollte. „Ich fange immer mit dem schwierigsten Teil an“, sagt Wagner. Denn andernfalls sei die Bahn irgendwann fast fertig, aber man verzweifele daran, für die komplizierten Stellen eine Lösung zu finden. „Die Liftmechanismen sind in der Regel am schwierigsten“, erklärt er. Auch Loopings erforderten viel Hirnschmalz.
Grundsätzlich könne jeder Kugelbahnen bauen. „Technisch gesprochen ist das eine Förderanlage wie eine Flaschenabfüllanlage“, erklärt er. „Aber die meisten machen es nur einmal und dann nie wieder“, schränkt er sogleich ein. Ohne Routine funktioniere es oft nicht wie gewünscht. Das sei frustrierend. Über das Anfangsstadium ist Wagner natürlich längst hinaus. Das Formen von Drähten ist bei ihm in Fleisch und Blut übergangen. Seine Fingerfertigkeit hat sich herumgesprochen.
Selbst von privater Seite erreichen Wagner Aufträge. So hat er für einen betuchten Mann in Nordrhein-Westfalen eine Kugelbahn installiert, die durch das ganze Haus führt. „Das ging bei ihm vom Billardtisch aus. Wenn man eingelocht hat, rollt die Kugel zu einem Lift und geht erst in die obere Etage und dann durch das ganze Haus und kommt am Schluss an einer Schiene raus, wo man zeigen kann, wie viele Kugeln man eingelocht hat“, erklärt er.
Bei Wagner leuchten die Augen, wenn er von derartigen Projekten erzählt. Er ist schon früh von der kinetischen Kunst gefesselt gewesen, die in der Schweiz in den 1960er- und 1970er-Jahren einen Aufschwung erlebt habe. „Das hat mich immer begeistert, auch die Frechheit“, sagt er. In Anlehnung an abstrakte Maler wurden Formen und Farbstriche mit Motoren hinterlegt, sodass in starre Bilder plötzlich Bewegung kam. Hängen blieb Wagner letztlich in der Subszene der Kugelbahnanhänger – und erfreut damit Groß und Klein.
Sinnwerkstatt
Hanns-Martin Wagner stammt aus einem deutsch-schweizerischen Elternhaus, lernte zunächst Konstruktionszeichner, machte dann eine Ausbildung zum Diakon und war 16 Jahre in der Jugendarbeit tätig, betreute in Zürich Suchtkranke und Obdachlose. Um die Jahrtausendwende wagte er schließlich mit der Gründung seiner Sinnwerkstatt den Schritt in die Selbstständigkeit. Unter diesem Label fertigt er bis heute seine Spiel-Kunstobjekte.
Durchbruch
Kugelbahnen produzierte Wagner unter anderem für die Gartenschau in Balingen, die Außenfassade eines Museums in Jordanien oder unlängst für das Weizmann-Institut für Wissenschaften in Israel. Sein Durchbruch war eine Arbeit für die Zürich Versicherung, für die er aus Teilen von Unfallautos einen Parcours zusammenbastelte. Das Objekt wurde als Blickfang auf Messen ausgestellt.