Es ist eines der großen Mysterien des Sports: Viele Athleten leiden unter Symptomen wie zuckenden oder verkrampfenden Muskeln. Nun wird der Leistungskiller am Bundesinstitut für Sportwissenschaft intensiv untersucht.

Chef vom Dienst: Tobias Schall (tos)

Stuttgart - Der Yips kommt am 17. Loch. Es ist der vierte Tag der British Open in Lytham, 1988. Bernhard Langer hat sich gut angenähert. Er ist 30 Jahre alt und Weltklasse, drei Jahre ist es her, dass er das US Masters gewonnen hat. Vielleicht 100 Zentimeter sind es bis zum Loch. Drei Schläge hat der deutsche Golf-Superstar bis hier hin gebraucht. Dann beginnt das Martyrium. Der Yips ist da. Dieses sagenumwobene Monster des Sports. Der Arm zuckt. Unkontrollierte Kontraktionen der Muskeln. Der Schläger zittert. Systemausfall. Fünf Schläge benötigt Langer, um den Ball in Loch 17 unterzubringen. Fünf Schläge für einen Meter. Die Zeitung „Guardian“ stellt danach bemitleidend fest: „Der Yips ist wieder da, um ihn zu quälen.“

Bernhard Langer spielt heute auf der Seniorentour, der Yips ist im Spitzensport geblieben. Der Yips, dieses mythische Wesen aus der Unterwelt der Psyche, treibt weiter sein Unwesen und hat in der Zeit Karrieren weiter ruiniert oder erst gar nicht zu Karrieren werden lassen. Yips, gesprochen „Jips“, klingt lustig, wie das Comicmagazin („Yps“), tatsächlich ist die motorische Störung in Form von Zuckungen oder einem Verkrampfen eines der großen ungelösten Rätsel des Sports. Spitzensportler von Langer über die Tennisspielerinnen Anna Kournikowa und Elena Dementiewa bis hin zur Snookerlegende Stephen Hendry oder den Stabhochspringer Steve Hooker hat dieser Leistungskiller heimgesucht.

Der Dämon im Arm.

Es gibt schon Studien zum Yips

Bernd Gerland ist der deutsche Yips-Experte. Seit 1991 beschäftigt er sich damit, seit Januar erforscht er nun im Rahmen eines vom Bundesinstitut für Sportwissenschaft geförderten und auf zwei Jahre angelegten Projektes das Phänomen noch intensiver. Es ist in Kooperation mit dem Deutschen Golfverband die aufwendigste Untersuchung dieser Unbekannten in Deutschland. Das Ziel: „Licht in das große Dunkel zu bringen“, wie Gerland sagt.

Es gibt schon Studien, aber ergründet ist der Yips nicht. Warum kommt er? Wie wird man ihn los? Warum ist er gekommen, um bei den einen zu bleiben, bei anderen aber, um schnell wieder zu gehen? Er wirkt vor allem im Unterarm, aber sitzt er im Kopf? Fragen gibt es viele, unzählige in Zusammenhang mit dem wenig erforschten Yips. Bernd Gerland sucht Antworten. Ende 2014 sollen all die Indizien, die er im Laufe der Jahre gesammelt hat, und die Forschungen der nächsten Monate ein stimmiges Mosaik ergeben.

Golfspieler, Dartsspieler, Bogenschützen

Grundsätzlich sagt der PGA-Golf- und Diplomsportlehrer: „Betroffen sind vor allem Präzisionssportarten.“ Wo kleinste Zuckungen elementare Schäden verursachen. „Bei Sportschützen kann es zum Beispiel vorkommen, dass sie unbewusst und unbeabsichtigt den Rückstoß der Pistole vorwegnehmen und so den Schuss verreißen.“

So unbekannt das Yips-Problem in weiten Teilen des Sports und der Öffentlichkeit ist, so groß ist die Dimension. Nach Schätzungen kommen bis zu 50 Prozent aller Amateurgolfer auf dem Platz mit dem Yips in Berührung, das gleiche gilt für Bogenschützen, unter Dartsspielern sind es 40 Prozent. Wobei die Zahlen aus Befragungen stammen. Nicht jeder, der glaubt, am Yips zu leiden, hat es tatsächlich.

Den Quellcode der Motorik umschreiben

Es gibt ältere wissenschaftliche Theorien, wonach der Yips durch strukturelle Veränderungen im Gehirn verursacht wird. Gerland allerdings glaubt, wie die meisten Yips-Experten, nicht daran: „Wir haben zum Beispiel Tests gemacht mit und ohne Ball beim Putten. Ohne Ball war die Bewegung korrekt. Das spricht eindeutig für ein psychologisches Problem.“

Wahrscheinlich sei, dass Yips ein Fall von falscher Konditionierung sei. Ausgelöst vielleicht durch einen verpatzten Versuch – ungünstige Bewegungsmuster werden abgespeichert, und im Kopf setzt sich eine Angstspirale in Gang. In der Therapie wird versucht, den Quellcode der Motorik umzuschreiben. Dekonditionierung, sagt Gerland. Er selbst wurde auf dem Tennisplatz heimgesucht. Es war 1991, und die Vorhand kam nicht mehr. „Aus dem Nichts brach sie völlig weg.“ Er verwackelte den Treffpunkt, die Trainer rieten ihm, an seiner Technik zu arbeiten. Doch die war es nicht. Es war der Yips. Sein Kampf gegen den Krampf begann. Und er hält an.

Die Dunkelziffer ist sehr hoch

Jenseits von bekannten Einzelfällen im Spitzensport gibt es nur Vermutungen über das Ausmaß. Die Experten gehen von einer sehr hohen Dunkelziffer aus. Über Yips redet man nicht, wie es im Sport eben Usus ist, mögliche psychische Probleme totzuschweigen, auch, um im Fall des Yips es nicht noch größer werden zu lassen und nicht permanent darüber reden zu müssen.

Stephen Hendry sorgte 2010 dann auch für Aufsehen, als er bekannte, seit mehr als zehn Jahren an Yips zu leiden. „Bei manchen Stößen kann ich nicht mal den Queue durchziehen. Es ist fürchterlich.“ Der Schotte ist siebenmaliger Snooker-Weltmeister, doch der Yips wurde stärker. „Es wird seit zehn Jahren immer schlimmer. Ich glaube, ich muss mal Bernhard Langer anrufen, um zu sehen, wie er mit dem Yips zurechtkommt.“ Im vergangenen Jahr beendete Hendry seine Karriere.

Der Stabhochspringer Steve Hooker wurde 2008 Olympiasieger, In London 2012 wollte er seinen Titel verteidigen. Doch dann kam der Yips. Und er setzte sich in seinem Kopf fest. Der Feind im eigenen Denken. „Manchmal renne ich, aber ich hebe nicht ab“, sagte er. Er blieb oft am Boden, der Körper tat nicht, was er sollte: abspringen nämlich. In London scheiterte Steve Hooker an der Einstiegshöhe.

Der Yips hat den Aufschlag zerstört

Angst – ist das die Ursache? Oder die Folge? Im Englischen gibt es neben dem Wort Yips auch die Formulierung „choking under pressure“, was so viel bedeutet, dass ein Sportler in gewissen Momenten nicht in der Lage ist, sein Leistungsvermögen abzurufen. Die Angst vor dem Gewinnen, sagt man in Deutschland gerne dazu.

Im Tennis gelten Anna Kournikowa, Elena Dementiewa und Guillermo Coria als Paradebeispiele. Sie befanden sich in einem ständigen Kampf mit dem eigenen Aufschlag. Zwischen 1998 und 1999 unterliefen Kournikowa in zehn Partien 182 Doppelfehler, mit 31 Doppelfehlern in einem Match hält sie den Rekord, gefolgt von Dementiewa (29). Bei den Männern ist der Argentinier Coria Spitzenreiter für Doppelfehler in drei Sätzen (23) und zwei (23). Er verlor Aufschlagspiele mit vier Doppelfehlern in Serie, gewann übrigens aber auch eines trotz sechs an der Zahl. Der Yips, heißt es, hat deren Aufschlag zerstört.

Der Druck ist gewaltig

Der Sport ist eine Milliardenindustrie geworden, und all die Aufmerksamkeit mag ihren Teil beitragen. Der Druck ist gewaltig, wenn ein Basketball-Superstar und angeblich unter Yips leidender Sportler wie Shaquille O’Neal früher an die Freiwurflinie trat (und oft verwarf), Steve Hooker im Stabhochsprung um Siege kämpft oder Anna Kournikowa aufgeschlagen hat.

Angst essen Aufschlag auf – ist es am Ende einfach diese gewaltige Last, die Bedeutung des Augenblicks, die auch für erfahrene und erfolgreiche Sportler so groß, zu groß werden kann, dass sie Nerven zeigen?

Das Yips-Prinzip wartet auf Dekodierung

Im Einzelfall (und wenn es dabei bleibt) sicher, aber grundsätzlich hat Bernd Gerland etwas anderes herausgefunden: „Yips taucht auch bei Schnuppergolfkursen auf, also bei Anfängern, die ohne jeglichen Druck spielen und noch gar kein Leistungsvermögen haben.“ Untersuchungen würden auch zeigen, dass unter dem Yips leidende Menschen nicht ängstlicher seien. „Die Angst entwickelt sich erst aus dem Phänomen“, vermutet Gerland.

Nichts Genaues weiß man nicht. Noch nicht. Wie auch eine andere Form des Yips mysteriös ist. Im Darts nennt man sie Dartitis, und dort offenbart sich Yips meist nicht in zuckenden Muskeln, sondern es kommt zu dem rätselhaften Symptom des „Freezing“: Dabei gefriert der Bewegungsablauf. Spieler können die Pfeile nicht mehr loslassen. Es klingt seltsam, ja fast grotesk, aber es passiert, und es ist ein qualvolles Bild. So ist etwa Eric Bristow, zwischen 1981 und 1986 fünfmal Weltmeister, erstarrt. 1987 fiel sein Wurf der Dartitis zum Opfer. Der Pfeil klebte zwischen den Fingern. Er wollte werfen, aber er konnte nicht. Die Befehlsweigerung der Motorik. Bristow konnte die Probleme einigermaßen überwinden, aber nie mehr an die alte Klasse anknüpfen. Andere Spitzenspieler litten ebenfalls darunter, weit verbreitet ist es auch im Amateurbereich.

Dieses Symptom des Yips tritt auch im Baseball oder Cricket auf, und selbst im Basketball: siehe Chuck Hayes. Der spielt bei den Sacramento Kings in der NBA, der besten Basketballliga der Welt. Auf Youtube gibt es ein millionfach angeklicktes Video von 2007: Es zeigt Chuck Hayes beim Freiwurf. Seinen Kampf mit dem Ball, gegen den Arm. Da steht ein Mann auf dem Feld, der es nur unter Anstrengung verzögert schafft, den Ball irgendwie loszulassen. Seine Trefferquote von der Freiwurflinie lag zeitweise bei nur 30 Prozent.

Vielleicht finden Bernd Gerland und seine Mitarbeiter Bahnbrechendes heraus, vielleicht wird Aktenzeichen Yips gelöst. Das Yips-Prinzip wartet auf Dekodierung.