Sportkurs für Long-Covid-Betroffene Bloß nicht ans Limit gehen

Oliver Ziegler erklärt einer Kursteilnehmerin, wie die Übung ausgeführt werden sollte. Foto: Lichtgut/Christoph Schmidt

Offiziell sind sie genesen, doch Symptome haben sie immer noch: Erschöpfung, Kurzatmigkeit, Gedächtnisstörungen. Ein Besuch beim neuen Long-Covid-Sportkurs des MTV Stuttgart zeigt, wie groß die Not der Betroffenen ist.

Familie/Bildung/Soziales: Viola Volland (vv)

Stuttgart - Oliver Ziegler hat eine Kiste voller Tennisbälle mitgebracht. Fünf reichen für den heutigen Kursabend. Es sind weniger Leute gekommen als sonst. Ob es am stürmischen Wetter liegt? Oder hat bei den anderen die Erschöpfung zugeschlagen? Alle einmal Arme ausschütteln, dann geht es auch schon los um kurz nach 19 Uhr an diesem Donnerstag. Koordinationstraining steht an. „Zweimal rechts, zweimal links“, ruft der Rehasport-Übungsleiter, und gemeinsam mit drei Frauen und zwei Männern macht er sich prellend auf den Weg kreuz und quer durch die große Turnhalle der Stuttgarter Schlossrealschule. Wo tagsüber Mädchen trainieren, bittet der MTV Stuttgart seit Januar einmal die Woche zum Long-Covid-Sportkurs. Ein niederschwelliges Angebot, das quasi aus der Not geboren wurde. Beim MTV hätten sich die Anfragen Betroffener gehäuft, berichtet Birgit Janik aus der Geschäftsführung des Sportvereins. Von Covid-19 offiziell Genesene meldeten sich, die sich alles andere als genesen fühlen.

 

Zweimal links prellen, einmal rechts, zweimal rechts, einmal links. Die Kommandos des Kurslehrers wechseln schnell. Beim Gehen unterm Bein durchprellen – es wird komplizierter. Schon kullert ein Ball über den grünen Hallenboden. „Links werfen, rechts fangen, rechts werfen, links fangen!“ Da rollt Johanna Michels* Tennisball davon.

Seit November 2020 lebt sie mit den Symptomen

Die 57-Jährige hat eine ganze Reihe typischer Long-Covid-Symptome, wie sie vor Kursbeginn erzählt hat. Genüsse sind für sie Vergangenheit. Sie hat nur „eine Idee“ davon, wie lecker Schokolade ist. „Ich schmecke nichts, ich rieche nichts.“ Dazu kommt die Kurzatmigkeit. „Meine Symptome haben nie aufgehört“, sagt die Stuttgarterin. Dabei hatte sie sich schon im November 2020 mit dem Coronavirus infiziert. Man habe ihr prophezeit, es werde nach einem halben Jahr besser. Doch es wurde nicht besser. Sie hat Angst, dass es so bleiben könnte. Ob sie je wieder normal schmecken wird?

Ihre Ärztin hat Johanna Michels zu dem Long-Covid-Kurs geraten. Sie ist froh, der Empfehlung gefolgt zu sein. Der Sport tut ihr gut. Und es tut ihr gut zu sehen, dass es anderen geht wie ihr. „Dass selbst Sportler nicht auf die Beine kommen.“ Sie deutet mit dem Kopf in Richtung eines Mannes, wohl um die 40 Jahre alt, kurze Sporthose, durchtrainierter Körper. Er dreht sich weg. Seine Geschichte soll privat bleiben.

28-Jährige ist seit fast einem Jahr krank geschrieben

Einer anderen Teilnehmerin hingegen ist es wichtig zu erzählen. Obwohl sie fürchtet, erkannt zu werden. Auch Judith Lampe* ist froh über den Sportkurs, der dazu beiträgt, sich der Krankheit nicht mehr so ausgeliefert zu fühlen. Wie Johanna Michels hatte sie sich im November 2020 infiziert. Offiziell war es ein milder Verlauf, aber für Lampe war die Erfahrung heftig: „Ich hatte Schmerzen in allen Gliedmaßen“, sagt die Sozialpädagogin. Sie ist 28 Jahre alt, eine der Jüngsten hier. Auch nach Ende der Quarantäne fühlte sie sich noch schwach, machte sich aber keine großen Sorgen. „Ich dachte, das geht vorbei.“ Sie versuchte, wieder zu arbeiten, langsam. Doch aus Erschöpfung wurde bleierne Müdigkeit. „Ich bin bald ein Jahr krankgeschrieben“, sagt Lampe. Sie benötige weiterhin„unfassbar viel Schlaf – 14 Stunden und das jede Nacht, ich bin wie komatös“.

Die Reaktionen ihres Körpers irritieren sie bis heute – und die ihres Geistes: „Ich bin wahnsinnig vergesslich. Ich habe Wortfindungsstörungen. Ich fange Sätze an und weiß nicht mehr, was ich sagen will.“ Ihre kognitiven Einschränkungen sind der Hauptgrund, warum sie aus dem Job raus ist. Als Sozialarbeiterin müsse sie voll da sein, dürfe nicht vergessen, was mit ihren noch jungen Klienten besprochen wurde. Da gehe es schließlich um Vertrauensverhältnisse.

Warum trifft es auch zuvor fitte, junge Erwachsene?

Inzwischen haben sich eine Reihe von Studien mit dem Phänomen Long Covid oder Post Covid befasst. Halten die Symptome länger als zwölf Wochen an, spricht man vom Post-Covid-Syndrom. Man weiß inzwischen, dass es Risikofaktoren gibt, die Langzeitfolgen begünstigen, wie hohes Alter und körperliche oder psychische Vorerkrankungen. Auch eine stationäre Behandlung erhöht die Wahrscheinlichkeit. Aber warum trifft es auch junge, zuvor fitte Erwachsene wie Judith Lampe? Das ist eine der vielen noch zu klärenden Fragen. Die Deutsche Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin schätzt, dass zehn bis 15 Prozent der Erkrankten mit Langzeitfolgen nach einer Coronainfektion zu kämpfen haben könnten. Aber verlässliche Zahlen fehlen. „Angaben zu Häufigkeiten sind noch mit erheblichen Unsicherheiten verbunden“, heißt es in einer von Experten verschiedener Fachgesellschaften verfassten Leitlinie zu Long Covid und Post Covid.

Die junge Frau hat sich immer auch über Sport definiert

„Sweet dreams are made of this“, dröhnt die Stimme von Annie Lennox aus dem Lautsprecher. Judith Lampe steht auf einem Bein, übergibt den Tennisball über dem Kopf von der linken in die rechte Hand. Sie lässt den Ball nicht fallen, wackelt nicht. Aber es wäre der jungen Frau „peinlich“, wenn jemand aus ihrem alten Leben sie hier sehen könnte. Judith Lampe war vor ihrer Infektion selbst Trainerin. Sie hat sich und ihre Schülerinnen zu Hochleistungen angespornt. Sie weiß, wozu ihr Körper fähig gewesen ist. „Das nagt an mir.“ Im Kurs mag ihre Gelenkigkeit positiv auffallen. Doch im Vergleich zu früher sei sie ein Schatten ihrer selbst.

„Wer eine Pause braucht, macht eine Pause! Und ausschütteln“, ruft Oliver Ziegler. Der Sport- und Gymnastiklehrer ist fester Übungsleiter beim MTV, hat sich für den Reha-Sport weitergebildet. Direkt im Anschluss hat er noch einen Kurs für Krebspatienten. Was an dem Long-Covid-Kurs herausfordernd ist? Dass die Altersgruppen und Fitnessstände so unterschiedlich seien, sagt Oliver Ziegler. Viele hätten ähnliche Beschwerden, aber jeder bringe etwas Eigenes mit. Am ersten Abend bat er, dass alle ihre Symptome schildern und ihre Erwartungen an den Sportkurs formulieren – damit er das Programm darauf abstimmen kann. Dem einen fehlt es an Kraft, der anderen an Ausdauer, viele klagten über Konzentrationsbeschwerden.

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Beim ersten Termin ist Oliver Ziegler erstaunt gewesen angesichts der vielen jungen Gesichter im Kurs. Er hatte mit mehr Über-60-Jährigen gerechnet. Und dann stand da eine Studentin vor ihm, die 24 Jahre alt ist – genauso alt wie er selbst. Betroffen gemacht hat ihn die Schilderung eines Hobbysportlers, der vor seiner Infektion dreimal die Woche zum Mannschaftstraining ging. Jetzt brauche er sich dort nicht mehr blicken zu lassen. Mehr als eine halbe Stunde halte er nicht durch, habe der Mann erzählt. Einmal blieb er länger. „Er konnte sich drei Tage lang nicht bewegen“, erzählt Ziegler.

Die Energiereserven sollen nicht ausgeschöpft werden

Dazu soll es hier möglichst nicht kommen. „Pacing“ ist das Stichwort. Darunter versteht man die Anpassung der körperlichen Aktivität an die vorhandenen Kräfte. Die Energiereserven sollen nicht leer werden. Beim Long-Covid-Kurs gehen die Teilnehmenden also gerade nicht an ihr Limit. Und Ziegler unterstützt sie dabei.

Während des Kurses stellt der Sportlehrer deshalb häufig Varianten von Übungen zur Wahl, die man je nach Fitness und Energielevel selbst wählen kann. Bei einer Station eines Parcours zum Beispiel kann man Kniebeugen machen, sich aber auch, was leichter ist, auf die Bank setzen und wieder hochkommen. Roger Bauer*, ein 56-jähriger Ingenieur, entscheidet sich für die dritte Variante, die Ziegler vorgemacht hat: Er stellt sich mit dem Rücken vor die Bank, stützt einen Fuß auf und geht dann in die Knie.

Ein Teilnehmer ist kurz vorm Ziel

Bauer ist der einzige unter den Anwesenden, der einen so schweren Verlauf hatte, dass er für eine Woche ins Krankenhaus musste. Nachts wurde er beatmet. „Ich habe bald Einjähriges“, sagt er. Am 6. März 2021 wurde er entlassen. Er habe sich bei seinem Vater angesteckt, der wiederum hatte es von einer Pflegerin. Roger Bauers Vater litt an Parkinson. Er hat die Infektion nicht überlebt. Sein Sohn war im Oktober und November in Reha wegen andauernder Atembeschwerden. Der Sportkurs gehört zur Nachbehandlung. „Bei mir ist es beinahe komplett weg“, ist Bauer erleichtert. Den Kurs macht er noch, dann hofft er, der Alte zu sein.

Zurück in der Turnhalle: Roger Bauer ist in Rückenlage, die Beine hat er in der Luft angewinkelt, die Hände zeigen zur Decke. Eine Frau mit langen Haaren joggt vorbei. 45 Sekunden muss sie laufen, 45 Sekunden stärken Roger Bauer und Johanna Michels Bauch- und Rückenmuskeln, 45 Sekunden machen Jana Lampe und der fünfte Teilnehmer Kniebeugen. Bis Oliver Zieglers Handy Laut gibt und alle eine Station weiterrücken.

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Verena Hagel*, die Frau mit den langen Haaren, ist heute mit einem mulmigen Gefühl gekommen – zum ersten Mal seit der Infoveranstaltung ist sie wieder da. Ob auch dieser Kurs zu viel für sie ist? Doch sie giert nach Bewegung. Und nach einer Pause vom sozialen Rückzug. Wird es sich rächen? Wie eigentlich immer, wenn sie aktiv ist? Mit diesen Gedanken ist sie aufgebrochen.

Vielleicht denkt sie auch jetzt daran, als sich der Kurs bereits seinem Ende zuneigt. Sie liegt auf einer gelben Matte. Hüfte und Knie zeigen nach links, der Blick geht zum rechten Arm, der ausgestreckt zur Seite zeigt. Sie dehnt sich, atmet tief aus.

Verena Hagel, 42, ist die Einzige, die sich für den Kurs angemeldet hatte, bevor sie sich mit dem Coronavirus infizierte. Eine andere Erkrankung hat sie hergeführt: ME/CFS, das chronische Fatigue-Syndrom, das mit extremer Erschöpfung einhergeht. „Mein Energiekreislauf funktioniert nicht richtig“, sagt Hagel. Macht sie zu viel, hat sie Ganzkörperschmerzen. Wegen der Erschöpfung kann sie erst mittags aufstehen. Viele könnten das nicht verstehen, weil sie zwei kleine Kinder hat. Sie könne noch so viel erklären, die Vorhaltungen hören nicht auf. Dass sie sich doch mal zusammenreißen solle! Das tut weh.

Macht die Covid-19-Erkrankung alles noch schlimmer?

Seit 25 Jahre leidet Verena Hagel an Fatigue, wohl ausgelöst durch das Epstein-Barr-Virus. Die ME/CFS-Diagnose erhielt sie erst im Dezember 2017. So niederschmetternd diese ist: Immerhin weiß sie nun, warum ihr Körper nicht will, wie sie will – und dass es nicht an der Psyche liegt. „Ich dachte immer, ich muss mich nur mehr anstrengen und habe mich überanstrengt“, sagt sie. Ein Teufelskreis. Jetzt hat sie Angst, dass Covid-19 ihr Leiden verschlimmern könnte. Sie ist frisch genesen, hatte sich erst im Januar mit der Omikron-Variante infiziert – der Grund, warum sie beim Sportkurs bisher gefehlt hat.

Verena Hagel umschlingt die Beine mit den Armen, schaukelt in der Päckchenhaltung hin und her. Bis sie hochkommt. Alle stehen sie jetzt. „Arme hoch und strecken, so gerade wie möglich“, sagt Oliver Ziegler. „Danke“, ruft er in die Runde. Pünktlich um 20 Uhr geht die Hallentür auf. Basketballer übernehmen. Jetzt ist Zeit für große Bälle.

*Namen von der Redaktion geändert

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