Olympia 2022 ohne Moral Das Vertrauen ist verspielt

Nicht nur die Corona-Maßnahmen tragen autoritäre Züge. Foto: imago images/Bildbyran/VEGARD GRoTT via www.imago-images.de

Die Spiele in Peking zeigen, dass das IOC sich auf der dunklen Seite der Macht eingerichtet hat, kommentiert Jochen Klingovsky.

Peking - Chinas Staatspräsident Xi Jinping weiß, was er seinen Gästen schuldig ist. Eine spektakuläre Eröffnungsfeier der Olympischen Winterspiele an diesem Freitag, klar. Aber das reicht natürlich nicht. Deshalb bittet er gleich danach zur nächsten Sause. Mit einem festlichen Bankett will sich Xi Jinping bei allen Amts- und Würdenträgern bedanken, die gekommen sind. Die Gästeliste dokumentiert das höchst illustre Treffen prominenter Gegenspieler der westlichen Demokratien, die unter Führung der USA einen politischen Boykott des Ringe-Spektakels ausgerufen haben. Russlands Präsident Wladimir Putin wird dabei sein, der saudische Kronprinz Mohamed Bin Salman, der Emir von Katar, aber auch die Staatspräsidenten von Polen, Serbien, Ägypten, Kasachstan und Turkmenistan. Ein Motto des Internationalen Olympischen Komitees lautet: „Durch Sport eine bessere Welt erschaffen.“ Nimmt IOC-Boss Thomas Bach diesen Auftrag ernst, muss er bei dem Bankett viele ernste Gespräche führen.

 

Die Erfahrung lehrt allerdings, dass der Herr der Ringe klare Worte lieber vermeidet. Seine Anhänger loben dies als „stille Diplomatie“. Kritiker sehen das IOC längst als Teil dieses autokratischen Klüngels. Und es gab zuletzt wenige Argumente, die diese Sichtweise hätten entkräften können.

Olympische Werte findet man hier nicht

Die Winterspiele 2022 finden in einem Land statt, in das sie niemals hätten vergeben werden dürfen. Weil sich schon nach den Sommerspielen 2008, die ebenfalls in Peking ausgetragen wurden, keine der vielen Hoffnungen auf mehr Freiheit, mehr Offenheit und mehr Humanität erfüllt hat. Stattdessen entwickelte sich China in die entgegengesetzte Richtung. Organisationen wie Amnesty International oder Human Rights Watch attestieren den Machthabern „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“, vor allem die muslimischen Uiguren leiden demnach unter Verfolgung, Inhaftierung und Folter. Meinungsfreiheit ist in China ein Fremdwort, die Medien werden zensiert. Trotzdem sagt Xi Jinping, dass sein Land „hinter den olympischen Werten“ stehe. Doch die Realität sieht anders aus. Fairness? Respekt? Internationalität? In diesen Disziplinen ist für China das Podium außerhalb jeglicher Reichweite.

Die Männerfreundschaft des IOC-Präsidenten

Thomas Bach und sein IOC hätten die Chance gehabt, auf eine Veränderung zu drängen. Spürbare Ergebnisse zu fordern. Und die nun beginnende zweiwöchige Propaganda-Show zu verhindern. Laut und deutlich. Stattdessen pflegte der frühere Fechter aus Tauberbischofsheim seine Männerfreundschaft zu Xi Jinping, schließlich geht es auch bei diesen Spielen vor allem darum, möglichst große Profite zu machen. Unterstützung gibt es von den großen IOC-Sponsoren, die ebenfalls stillhielten. Sie überweisen Millionenbeträge nach Lausanne und hoffen im Gegenzug darauf, dass die Politiker in Peking sich an ihr Versprechen halten, 300 Millionen Chinesen für den Ski- und Bergsport zu begeistern. Das wäre ein gigantisches Geschäft. Den Auftrag sieht Thomas Bach übrigens bereits als erfüllt an. Schon vor der Eröffnungsfeier sagte er: „China ist jetzt ein Wintersport-Land.“

Was für eine naive Sichtweise. In Richtung Fernost, aber auch in die eigene Organisation. Als es um die Vergabe der Winterspiele 2022 ging, blieb dem IOC vor sieben Jahren nur die Wahl zwischen Peking und Almaty/Kasachstan, weil schon damals jegliches Vertrauen verloren gegangen war. Unter anderem die Gegner von München 2022 hatten einen Bürgerentscheid für sich entschieden. Seither hat sich das Ansehen des IOC nicht verbessert. Die Spiele in Peking werden dies nur verschlimmern.

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