Sprachenstreit in Holland Wenn der Kellner auf Englisch antwortet
Den Haag soll kein zweites Brüssel werden, sagen viele Niederländer. Überhaupt werde zu viel Englisch gesprochen in ihrem Land.
Den Haag soll kein zweites Brüssel werden, sagen viele Niederländer. Überhaupt werde zu viel Englisch gesprochen in ihrem Land.
Der Lautsprecher in einer Haager Straßenbahn kündigt die nächste Haltestelle an: „Volgende Stop, Next Stop: The Hague Central Station.“ Erst in Niederländisch, dann in Englisch. In den Straßenbahnen in Den Haag ist das üblich. Durchsagen sind zweisprachig: In Niederländisch und in Englisch. Eigentlich ein guter Service für die vielen Touristen, die Den Haag und den Badeort Scheveningen besuchen. Auch ein guter Service für die 70 000 Expats, die in der Hauptstadt des Friedens und des Rechts wohnen und die bei den vielen in Den Haag ansässigen Gerichtshöfen und internationalen Organisationen arbeiten. Viele sprechen kein Niederländisch.
Das Englische ist nicht nur in Den Haag, sondern in vielen Städten der Niederlande omnipräsent. Fast an allen Universitäten finden Vorlesungen und Seminare überwiegend in Englisch statt. Daher ist es wohl nicht übertrieben, zu behaupten, Englisch ist die zweite Landessprache der Niederlande, Pardon: die dritte. Offiziell sind die Niederlande zweisprachig: Niederländisch und Friesisch. Friesisch ist die offizielle zweite Sprache des Oranje-Königreichs an der Nordsee.
Es ist schon irritierend, wenn man in einem Restaurant auf Niederländisch bestellt – und der Kellner oder die Kellnerin auf Englisch antwortet. Oder wenn ein Beamter eines Ministeriums auf Englisch antwortet, weil er hört: Der Anrufer spricht Niederländisch mit Akzent. Vielen Niederländern ist die Dominanz des Englischen zu viel. Sie wollen in ihrer Muttersprache kommunizieren – und nicht immer und überall Englisch hören. Auch nicht in der Straßenbahn.
In Den Haag, wo man beim Einkaufen auf der Nobelmeile Frederik Hendriklaan an Samstagen beim Einkaufen mehr Englisch als Niederländisch hört, haben Sprachpuristen jetzt zum Kampf gegen die Dominanz des Englischen aufgerufen. Sie haben die Stiftung Stichting Taalverdediging zur Verteidigung der niederländischen Sprache gegründet. „Wir haben diese Stiftung gegründet, weil wir Klagen hören von immer mehr Menschen, die es leid sind, immer überall Englisch zu hören,“ sagt Jan Heitmeier, einer der Gründer der Stichting Taalverdediging. Die Stiftung hat das Ziel „das Englische zurückzudrängen. Wir wollen aber auch erreichen, dass hier lebende Menschen sich die Mühe machen, Niederländisch zu lernen.“ Er fordert, dass die englischsprachigen Durchsagen zu den Haltestellen wieder abgeschafft werden müssen. „Den Haag darf kein zweites Brüssel werden, wo niemand mehr miteinander reden kann, weil fast jeder eine andere Sprache spricht,“ warnt er.
In der Tat ist die belgische Hauptstadt ein Irrgarten. Offiziell ist Brüssel zweisprachig: Niederländisch und Französisch. Aber das Französische dominiert, gefolgt von Englisch und etwas Deutsch. Der in Den Haag ausgebrochene Sprachenstreit über das Englische ist nicht auf die Residenz- und Regierungsstadt beschränkt. „Wir sollten sorgfältiger mit unserer Sprache umgehen. Das ‚Engelse gedoe‘ – das englische Gelaber – kann nerven,“ sagt der Journalist Philip Freriks (79), der in Paris studiert hat und dort Auslandskorrespondent war. Freriks präsentierte im NL-TV von 1990 bis 2018 „Groot Dictee der Nederlandse Taal,“ ein Diktat, in dem sich prominente Niederländer und Flamen auf ihre Sprachfertigkeit testen ließen. Fast immer haben die Flamen gewonnen, weil sie im vom Sprachenstreit zerrütteten Belgien ihr Niederländisch besser beherrschen als viele Niederländer.