Spurensuche in Berlin David Bowies Heldenzeit

Von Barbara Schaefer 

„Berlin war meine Klinik“, hat David Bowie über die Stadt gesagt, in der der Popkünstler als junger Mann in den siebziger Jahren lebte. Die StZ-Autorin Barbara Schaefer hat auf seinen Spuren eine Zeitreise in die hipsterfreie Zone unternommen.

Kontaktabzüge: Bowie posiert für das „Heroes“-Cover Foto: The David Bowie Archive
Kontaktabzüge: Bowie posiert für das „Heroes“-Cover Foto: The David Bowie Archive

Berlin - David Bowie ist 29 Jahre alt, als er nach Berlin kommt, hat zehn Studio-Alben veröffentlicht und mit „Space Oddity“ – „Ground Control to Major Tom . . .“ einen Nummer-eins-Hit. Und er ist ausgebrannt, von Drogen gezeichnet, L. A.-müde. Er geht nach Berlin, um clean zu werden.

David Bowie ist ein dankbares Stalking-Objekt. Leicht lassen sich seine Spuren in der Stadt verfolgen, er hat Berlin oft erwähnt. Der britische Popkünstler lebte von 1976 bis 1978 in der geteilten Stadt, im Berlin der Wehrdienstflüchtlinge, der Aussteiger, Künstler, Fixer. Aber wo anfangen?

In einer Kreuzberger Künstler-Kommune. Die Strickdesignerin Claudia Skoda hatte eine Fabriketage in der Zossener Straße angemietet, in einem Gründerzeit-Bau von 1905, und nannte die Kommune „Fabrikneu“. Eine Zeit lang lebte der Künstler Martin Kippenberger hier, der Fotograf Jim Rakete zog in einer anderen Etage ein – ein Hof, Firmenschilder Glasfronten, himmelsstrebend, helle Backsteine. Durch dieses Hoftor sind sie also alle gegangen, oft nachts, betrunken, bekifft, sonst wie drauf. Oder auch nicht von Drogen zugedröhnt, sondern von der Kunst, der Musik, vom Leben. Mode war hier Aktionskunst. Bowie traf Musiker, sah Modeschauen, die Performances waren. Berlin war meine Klinik, wird er hinterher sagen, „ich habe hier wieder unter die Menschen gefunden“.

Radikale Popmusik kam damals aus Deutschland

Der Brite ist begeistert von elektronischer Musik aus Deutschland, damals „das Radikalste, was es im Pop gibt“, so Tobias Rüther in seinem klugen Bowie-Buch „Helden – David Bowie und Berlin“ (Rogner & Bernhard), vom Krautrock von Kraftwerk und Tangerine Dream. Bowie verehrt die Expressionisten der „Brücke“-Künstlergruppe sowie den Autor Christopher Isherwood, dessen „Berlin Stories“ die Vorlage für den Film „Cabaret“ abgaben. Auf Streifzügen durch die Stadt sucht Bowie „alles, was mit Hitler zu tun hat“. Dem „Rolling Stone“ sagt er, er wäre ein „bloody good Hitler“ gewesen. Er fährt im Gestapo-Mantel in den Osten, posiert vor Schinkels Neuer Wache, dem Mahnmal für die Opfer des Faschismus und Militarismus. Provokanter Popstar-Unsinn, politische Überzeugung?

Berlin ist es piepegal, dass er hier ist und warum. Die Stadt nimmt ihn auf und duldet ihn „wie sie noch jeden Freak und interessanten Spinner geduldet hat, der hier sein Glück versucht: fraglos, ohne Anteil, achselzuckend“, so Rüther.

Wie sieht Bowie aus? Ausgemergelt, als er kommt, später erholter – und seltsam. Der Performer, dessen Outfits später in Museen wandern sollen, trägt Schnauzbart und karierte Hemden, wirkt wie ein Typ aus Texas. Die Legende sagt, er habe diese Hemden in einem Laden für Berufsbekleidung am Mehringdamm gekauft. Ja, den Laden gebe es seit über siebzig Jahren hier, sagt die Verkäuferin. Kann schon sein, dass Bowie hier eingekauft hat. „Der hatte doch ne Disco am Ku’damm!“ So ähnlich.




Unsere Empfehlung für Sie