Stuttgart - Dezent ramponiert sitzt die Diva im Frühzug Richtung Downtown Manhattan. Die High Heels und die Schminke sind von gestern, die Pelzjacke ist verfilzt. Die Patina der Schäbigkeit lässt sie noch extravaganter wirken. Wir befinden uns im New York der frühen 1970er Jahre: Manhattan ist noch kein Vergnügungspark für Touristen, sondern ein gefräßiger Moloch und der Times Square einer der gefährlichsten Orte der Welt, ein bizarrer Rummelplatz, auf dem Glamour und Gosse nah beieinanderliegen – und mitten hinein wagt sich Annie Clark, die sich St. Vincent nennt und sich zum soulig-trotzigen Metropolen-Vibe des Songs „Down and out Downtown“ als die Frau im Frühzug verkleidet hat.
Meisterin der Selbstinszenierung
Clark ist eine Meisterin der Selbstinszenierung, in immer neuen Kostümierungen. Auf dem Album „Daddy’s Home“, das an diesem Freitag erscheint, wühlt sie sich modisch und musikalisch durch den Seventies-Fundus. Dabei kommt das bisher zugänglichste Album der Ex-Freundin des Models Cara Delevingne und der Schauspielerin Kristen Stewart heraus, eine Liedersammlung, die man auch allen ans Herz legen möchte, denen St. Vincents Synthie-Art-Pop auf „Masseduction“ (2017) oder die erstaunlichen Blasmusik-Duette mit David Byrne auf „Love this Giant“ (2012) zu anstrengend waren.
Clark liebt es zwar weiterhin detailreich, lässt sich nun aber cool von Grooves treiben, schwelgt im Sound der 1970er, vermengt Funk, Soul und Pop. Doch sie eignet sich diese Stile so wunderbar exzentrisch-eigenwillig an, dass nie der Verdacht aufkommt, man könnte hier in eine 70s-Retro-Platte hineingeraten sein. Das liegt auch an dem Produzenten Jack Antonoff, der zuletzt schon Lana Del Reys „Norman Fucking Rockwell!“ und Taylor Swifts „Folklore“ zu Meisterwerken gemacht hat.
Sheena Easton in Zeitlupe
Eines der hübschen Albumdetails ist der Frühzug, der nicht nur durch „Down and out Downtown“ rattert, sondern als musikalisches Motiv wiederkehrt. Begleitet vom wabbeligen Wurlitzer-E-Piano, von fluffigen Gitarrenschnörkeln, wohlig warmen Bläsern und souligem Harmoniegesang erweist sich nämlich „My Baby wants a Baby“ als Zeitlupenversion von Sheena Eastons „9 to 5 (Morning Train) – aber mit einer Ich-Erzählerin, die nicht als das Heimchen taugt, das sehnsüchtig auf die Rückkehr des Gatten wartet. Lieber spielt sie den ganzen Tag Gitarre, macht sich nur dann hübsch, wenn sie dafür bezahlt wird, und wärmt sich Essen in der Mikrowelle auf.
Wie so oft auf dieser Platte weiß man nicht, ob Clark in dem Song von sich oder jemand anderem erzählt, ob sie Frau oder Mann ist – oder die Rolle ihres Vaters spielt, der eine der Inspirationen für das Album ist: zum einen wegen seiner Plattensammlung voller Vinylalben aus den 1970ern, zum anderen, weil er der Clark-Familie einige schwere Jahre beschert hat. Im Titelsong „Daddy’s Home“ singt Annie Clark: „I signed autographs in the visitation room/waiting for you the last time, inmate 502“. Mr. Clark saß einige Jahre wegen geschäftsmäßigem Betrug im Knast und wurde 2019 entlassen.
Ein vielstimmiger New-York-City-Erzählband
Das Autobiografische bettet Annie Clark allerdings stets raffiniert in andere Storys ein, macht das Album in der Tradition von Richard Price, Paul Auster, Jonathan Lethem oder Lou Reed zum vielstimmigen New-York-City-Erzählband, der auch Platz hat für „Candy Darling“, eine Hommage an die transsexuelle Andy-Warhol-Muse, das psychedelisch eingefärbte „The Melting of the Sun“ oder „Pay your Way in Pain“, das vom täglichen Kampf ums Überleben in dieser widerspenstigen Stadt erzählt und sich dabei in einen von blubbernden Synthies inszenierten Funk verwandelt, den Prince zu seinen besten Zeiten kaum besser hinbekommen hätte.
Das Album „Daddy’s Home“ (Loma Vista/Virgin Music) erscheint am Freitag, 14. Mai.