InterviewStaatsgalerie: Christiane Lange spricht über Banksy Der Coup mit dem Schredder-Bild

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Christiane Lange ist es gelungen, das spektakulär geschredderte Bild des Street-Art-Künstlers Banksy nach Stuttgart zu holen. Dort will sie es in der Sammlung verstecken – absichtlich.

Die Technik hat versagt, sonst wäre das Bild komplett geschreddert. Foto: Museum Frieder Burda
Die Technik hat versagt, sonst wäre das Bild komplett geschreddert. Foto: Museum Frieder Burda

Stuttgart - Das Entsetzen war groß, als sich im Oktober vergangenen Jahres im Londoner Auktionshaus Sotheby’s ein Bild des Künstlers Banksy plötzlich in Bewegung setzte und in feine Streifen geschnitten unten aus dem Bilderrahmen kam. Nun ist es Christiane Lange, der Direktorin der Staatsgalerie Stuttgart gelungen, das Werk, das Schlagzeilen machte, nach Stuttgart zu holen. Die Sammlerin, die es für 1,2 Millionen Euro ersteigert hat, stellt es der Staatsgalerie als Dauerleihgabe zur Verfügung.

Frau Lange, die Staatsgalerie bekommt das Bild von Banksy, das auf einer Auktion spektakulär geschreddert wurde, als Dauerleihgabe. Ist die Sammlerin, die es erworben hat, auf die Staatsgalerie zugegangen oder haben Sie sie umworben?

Es ist ein Glücksfall, dass ich die Eigentümerin des Bildes schon länger kenne. Sie will strengste Anonymität, die wir auch wahren. Dass ich mit meiner Anfrage auf sie zugegangen bin, war schon ein bisschen vermessen. Aber es ist großartig, dass sie sich darauf eingelassen hat, das Bild als Dauerleihgabe in die Staatsgalerie zu geben, damit es im Dialog mit den Meisterwerken der Kunst auf den kunsthistorischen Prüfstand gestellt wird.

Bevor „Love is in the bin“, zu deutsch „Die Liebe ist im Eimer“, im März nach Stuttgart kommt, wird es noch im Museum Frieder Burda in Baden-Baden gezeigt. Wird der Staatsgalerie da nicht ein wenig die Show gestohlen?

Wir sind unabhängig voneinander auf die Eigentümerin zugegangen und jeder hatte sein Konzept. Dass sie sich letztendlich auf beide einlässt, ist eine noble Geste. Burda präsentiert das Bild jetzt auf seinen ganzen Hype hin und verbindet das mit tollen Veranstaltungen, während es bei uns um andere Fragestellungen gehen wird. Das ergänzt sich ganz gut.

Das Bild wurde in der Auktion direkt nach dem Zuschlag zerstört. Wie ist Ihr Eindruck: Hat das die Käuferin erfreut – oder fühlte sie sich zunächst betrogen? Es ist ja schon ein ungeheuerlicher Vorgang, dass ein Werk, das man für 1,2 Millionen Euro ersteigert hat, vor den eigenen Augen vernichtet wird.

Sie war natürlich total überrascht und geschockt wie jedermann, aber letztlich war es Teil der Inszenierung, dass die Menschen geschockt sind. Es ist eine Aktion und in der Nachfolge von Marcel Duchamp kunsthistorisch einzuordnen als ein aktionistisches Werk. Es ist ja nicht komplett zerstört, sondern wurde durch die Aktion letztlich erst vollendet.

Der ursprüngliche Plan des Künstlers war aber, das Bild komplett zu schreddern.

Ja, aber wenn man sieht, wie schön die Schredderstreifen unter dem Rahmen immer noch ein komplettes Bild ergeben, ist es egal, ob das Herzchen auch noch in Streifen hängt oder nicht. Von daher wäre es nie zerstört worden, sondern wäre - komplett in Streifen - immer noch ansichtig gewesen.

Halten Sie das Werk für qualitätsvoll? Glauben Sie, dass es langfristig im Kontext der Sammlung bestehen kann?

Das werden wir sehen. Das ist, worauf wir uns einlassen wollen und weshalb ich es wirklich spannend finde, es in einem Museum zu zeigen, das in Stuttgart Meisterwerke aus 800 Jahren vorführt. Wir sind immer wieder auf der Suche nach den grundsätzlichen Fragen, was Kunst ist, was für Themen die Künstler beschäftigen. Künstler haben schon immer versucht, eine Marke zu werden, auch Künstler wie Dürer und Rembrandt wussten, wie man eine Marke bildet.

Und Banksy?

Banksy ist eine Marke, ohne dass er sichtbar wird. Das ist eine Strategie, die nicht neu ist, aber in der digitalisierten Welt bedarf es anderer Strategien, um ein ähnliches Ergebnis zu erzielen wie vor 500 Jahren. Das sind spannende Dinge, die man erst im Dialog mit den Meisterwerken besser verstehen kann. Jenseits von diesem Hype und dem Spektakel geht es schon um ganz konkrete Fragestellungen, die in der Kunstgeschichte wieder und wieder gestellt werden und um die die Kunst kreist.

Werden Sie zu dem Bild eine eigene Ausstellung entwickeln oder soll das Werk in der Sammlung gezeigt werden?

Nein, wie wollen es verstecken, damit die Menschen wirklich in die Sammlung gehen müssen. Alle paar Wochen wird es an einem anderen Ort präsentiert werden und damit in einem anderen Dialog mit einem Meisterwerk der Kunst gestellt werden.

Was glauben Sie, wie groß das Interesse beim Publikum ist?

Ich denke, dass wir gerade auch Interesse bei denjenigen erwarten dürfen, die normalerweise nicht in ein Museum gehen, aber jetzt sagen, dass sie von Banksy schon mal gehört haben. Sie überwinden jetzt vielleicht ihre Hemmschwelle und gehen in die Staatsgalerie, auch wenn sie sonst Vorurteile habe, dass es dort langweilig sei und nichts für ihren Lebensstil. Banksy ist etwas, wo man den ominösen Nichtbesucher erreichen kann – und ich glaube, wir haben genügend Qualität zu bieten, um auf diese Weise den ein oder anderen Wiederholungstäter zu gewinnen.