Stuttgart feiert Triadisches Ballett Schlemmer-Schau in der Staatsgalerie

Raumgreifende Installation der Künstlerin Haegue Yang. Foto: dpa/Marijan Murat

Oskar Schlemmer wollte die Welt besser machen. Sein Triadisches Ballett regt bis heute Designer und Künstler an. Trotzdem war der Stuttgarter Künstler eine heikle Figur.

Kultur: Adrienne Braun (adr)

Für Stuttgart ist es ein Aushängeschild – für Oskar Schlemmer war die Uraufführung seines Triadischen Balletts dagegen eine Pleite. Das Premierenpublikum im Württembergischen Landestheater nahm die Pannen und langen Pausen zwar geduldig hin, Schlemmer aber, der zum ersten Mal auf der Bühne in seinem Kostüm tanzte, musste feststellen, dass er sich darin kaum bewegen konnte. „Tänzerisch versagte ich“, konstatierte er zerknirscht.

 

Auch David Bowie trug Mode à la Schlemmer

Wahrscheinlich wäre Oskar Schlemmer (1888-1943) gnädiger mit sich gewesen, wenn er gewusst hätte, dass seine Kreationen aus Holz und Metall eines Tages im Museum stehen würden. Diese gelöteten und genieteten Figurinen inspirieren sogar bis heute Mode, Pop und Kunst. Das zeigt die Ausstellung „Moved by Schlemmer“ in der Staatsgalerie Stuttgart. Sie besitzt Schlemmers Originalkostüme, von denen sich Karl Lagerfeld genauso hat anregen lassen wie der Designer Kansai Yamamoto, der David Bowie à la Schlemmer in Szene setzte.

Wieder ein Schlemmer-Jubiläum

Man muss die Feste feiern, wie sie fallen – auch wenn das Triadische Ballett in Stuttgart dauerhaft ausgestellt ist. So fröhlich die Kostüme aus orangefarbenen Würsten und metallenen Spiralen anmuten, die museale Präsentation verrät wenig, wie sie auf der Bühne wirken. Eine Ahnung bekam man 2014, als das Bayrische Staatsballett auch in Stuttgart mit einer Rekonstruktion des Triadischen Balletts gastierte.

Alles dreht sich um Kreis, Quadrat und Dreieck

Worum es Schlemmer ging, versteht man nun ganz intuitiv, wenn man in der Staatsgalerie durch Ulla von Brandenburgs langen Vorhang tritt. Sie ist eine der drei Künstlerinnen, die man eingeladen hat, um in einen Dialog mit dem Triadischen Ballett zu treten. Ulla von Brandenburg hat Säle mit Stoff ausgekleidet, der einen wohlig umfängt und in eine fast erhabene Stimmung versetzt. Geometrische Körper werden wie Schatten an den Wänden angedeutet. Ein altmodischer Schwarz-Weiß-Film zeigt Harlekins, die Reifen rollen lassen, Kugeln und Kartons schleppen – und schon hat man die erste Lektion spielerisch gelernt: Schlemmers Kostüme basieren auf den drei geometrischen Grundformen Kreis, Quadrat, Dreieck. Seine Vision war ein harmonisches Zusammenspiel von abstrakter Figur und Raum.

Durch die Rotunde kreiseln

Die Besucher können sogar selbst in einen Austausch mit dem Umraum kommen. Kalin Lindena, die wie Ulla von Brandenburg Professorin an der Karlsruher Kunstakademie ist, hat farbige Linien auf Treppen und Böden des Museums geklebt. In einem Video liefert sie die Bedienungsanleitung: Fünf Personen laufen die Linien ab und drehen Kreise in der Rotunde– und machen bewusst, welche grafischen Strukturen hinter unseren Bewegungsabläufen stecken.

Er wollte eine mystische Einheit von Mensch und Kosmos

Kalin Lindenas Stoßrichtung ist freilich eine gänzlich andere als Schlemmers vor hundert Jahren. Sie setzt Menschen in Relation zum Raum. Schlemmers Frust nach der Premiere war dagegen symptomatisch für sein künstlerisches Konzept: denn die Kostüme wollten nicht mit dem Menschen interagieren, sondern die Tanzenden wurden eher von den Erfindungen zugerichtet.

Schlemmers Vision vom neuen Menschen negierte, dass dieser doch eigentlich ein Wesen aus Fleisch und Blut ist – mit Stärken und Schwächen. Er wollte eine mystische Einheit von Mensch und Kosmos initiieren, wozu er den Körper schematisierte und sich die geometrisch abstrahierten Figuren wie Automaten bewegen mussten. Schlemmer war übrigens überzeugt davon, dass er mit seiner Idee einer harmonischen Gegenwelt dem entsprach, was die Nazis in Deutschland vorhatten. Er diente sich den Machthabern offensiv an und beschrieb seine Kunst sogar mit Goebbels Lieblingsformulierung – sie sei „stählern-romantisch“. Geholfen hat es ihm nichts, der Kunstprofessor wurde 1933 aus dem Staatsdienst entlassen.

Schlemmer sprach wie Goebbels von stählerner Romantik

Die Künstlerin hat sich von Türgriffen inspirieren lassen

Immerhin verschweigen die Kuratoren Susanne Kaufmann-Valet und Jens-Henning Ullner nicht, dass Schlemmer damit hausieren ging, dass seine Kunst „streng den nat.-soz. Grundsätzen“ entspreche. Die Ausstellung selbst befasst sich mit unschuldigen Quadraten, Kreisen und Linien – oder auch mit Türgriffen. Die Installationskünstlerin Haegue Yang baut aus zahllosen Glöckchen fahrbare Objekte, die zum Teil auf Schlemmers Formenkanon reagieren. Einige Skulpturen hat sie aber auch von Türgriffen abgeleitet. Selbst wenn sie in Live-Performances zart klingeln, wirken die diversen Referenzen arg bemüht – wie auch die beigefügte Interpretation, dass Haegue Yang das historische Material verorte im „zeitgenössischen Diskurs um Hybride, ganzheitliches Denken, Immigration, Multikulturalismus und Diaspora“.

Von Schlemmer bewegen lassen

Ausstellung
„Moved by Schlemmer“ läuft bis 9. Oktober und ist täglich außer Montag von 10 bis 17 Uhr und am Donnerstag bis 20 Uhr geöffnet.

Festival
Vom 30. September bis 9. Oktober veranstaltet die Staatsgalerie Stuttgart mit der freien Tanzszene ein Tanz- und Performancefestival zu Schlemmer, dass im Stadtraum stattfinden wird. adr

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