Stadtbibliothek Heimsheim Hündin Ary soll Kindern beim Lesen helfen

Hündin Ary und Frauchen Anja Grabisch lauschen der Geschichte, die die Viertklässlerin Tamara vorliest. Foto: Jürgen Bach

In der Stadtbibliothek Heimsheim gibt es seit Kurzem einen Lesehund: Dalmatinerhündin Ary soll Kindern helfen, ihre Fähigkeiten zu verbessern. Denn viele haben in diesem Bereich Probleme.

Digital Desk: Annika Mayer (may)

Die Stadtbibliothek Heimsheim hat seit Kurzem eine besondere Mitarbeitern namens Ary. Von Büchern versteht Ary nicht viel, sie kann nicht einmal lesen. Im Zuhören ist sie dafür umso besser: Die neunjährige Dalmatinerhündin ist der neue Lesehund der Stadtbibliothek. Sie soll Kindern helfen, ihre Lesefähigkeiten zu verbessern.

 

Ary ist ein ausgebildeter Pädagogikbegleithund und einmal im Monat zusammen mit Frauchen Anja Grabisch samstagvormittags zu Gast. Zwanzig Minuten darf dann jedes Kind einzeln mit ihr verbringen – Zeit zum gegenseitigen Begrüßen und zum Kuscheln miteingerechnet. Natürlich steht aber das Lesen im Vordergrund: Die Kinder tragen Ary etwas aus einem Buch ihrer Wahl vor. Tamara hat das Buch „Charlottes Traumpferd“ von Nele Neuhaus dabei.

Die Dalmatinerdame sitzt aufmerksam neben der Neunjährigen, während sie liest. Ary habe ihr gut zugehört, erzählt Tamara später. Die Viertklässlerin ist an diesem Vormittag dabei, weil sie sehr viel Spaß am Lesen hat – und Hunde liebt.

Der erste Vorlesehund in der Region Leonberg

Damit ist sie in der Stadtbibliothek nicht allein. Einen Lesehund zu haben war für Leiterin Tina Kühnle-Häcker schon lange ein Herzenswunsch. „Wir sind sehr hundeaffin, fast alle aus unserem Team haben Hunde“, erzählt sie. „Es ist toll, was Tiere in Kombination mit Menschen alles leisten können.“ Der Kontakt zu der Dalmatinerdame und ihrer Besitzerin Anja Grabisch, die als Familienpflegerin tätig ist, kam durch die Auszubildende Clara-Sophie Unfried zustande.

In der Umsetzung hat eine Kollegin aus Weil im Schönbuch die Stadtbibliothek beraten, die Ortsbücherei dort hat ebenfalls einen Lesehund. Im ehemaligen Kreis Leonberg ist Ary allerdings der einzige Vierbeiner, der sich von Kindern Geschichten vortragen lässt.

Das Projekt ist auch in Heimsheim noch ganz frisch, das erste Mal waren Anja Grabisch und ihre Hündin im Oktober zu Gast. Die Stadtbibliothek will mit Ary zur Leseförderung der Jüngsten beitragen. Das Angebot richtet sich an Kinder im Grundschulalter, besonders an die, die Probleme beim Lesen haben oder üben möchten.

Leseschwächen bei Kindern nehmen zu

Denn um die Lesekompetenz von Kindern steht es schlecht – das hat die in diesem Jahr veröffentlichte Iglu-Studie gezeigt: 25 Prozent der Viertklässler können nicht richtig lesen. Auch im späteren Alter sieht es nicht besser aus, wie die verheerenden Ergebnisse der aktuellen Pisa-Studie deutlich machen, ein Viertel der Neuntklässler können den Sinn eines Textes nicht richtig erfassen.

„Das ist erschreckend“, sagt Tina Kühnle-Häcker über die zunehmenden Leseschwächen. Sie macht vor allem die Digitalisierung verantwortlich, Kinder und Jugendliche würden zu viel Zeit mit den digitalen Medien verbringen. „Viele Eltern sind beide erwerbstätig, da fehlt die Zeit und die Muße, mit dem Kind zu lesen“, erklärt sich die Auszubildende Clara-Sophie Unfried die schlechte Lesekompetenz der Jüngsten. Das kann schwerwiegende Folgen haben: Lesen sei nicht nur der Schlüssel für Fantasie und ein gutes Miteinander – sondern auch für Bildungschancen, erklärt Unfried.

Ein Vierbeiner wie Ary kann natürlich nicht all dem entgegenwirken. Mit ihr will die Stadtbibliothek jedoch Kindern, die es schwer haben beim Lesen, Freude daran vermitteln und ihnen den Raum geben, ohne Leistungsdruck zu üben.

Ein Hund nimmt den Druck aus dem Vorlesen

Genau das ist nämlich der Vorteil davon, einen Hund zur Leseförderung einzusetzen: Der Vierbeiner nimmt den Druck aus der Situation des Vorlesens, denn er urteilt nicht über die Fähigkeiten der Kinder. „Der Hund ist ein Türöffner“, sagt Arys Besitzerin Anja Grabisch. Wenn ein Kind in der Schule vorlesen muss, fühle es sich oft unter Druck gesetzt, habe Angst, etwas falsch zu machen oder ausgelacht zu werden. Bei einem Hund ist das anders: „Die Kinder können einem Zuhörer vorlesen, der nicht sagt: ‚Das hat jetzt aber lang gedauert, das musst du noch mal üben‘“, erklärt sie. Grabisch ist selbst zwar bei den Terminen in Heimsheim mit im Raum, sage den Kindern aber, dass sie nicht ihr, sondern Ary vorlesen.

Ihrer Dalmatinerhündin bereitet die gemeinsame Zeit mit den Kindern Freude: „Ary ist wahnsinnig zugänglich, sie mag Fremde und findet es total klasse, sich streicheln zu lassen.“ Und auch bei den Kindern kommt das Angebot gut an. Ein paar waren nun schon zum zweiten Mal dabei. Momentan stehen die Lesestunden mit dem Vierbeiner offen für alle, die Lust darauf haben, egal ob sie Schwierigkeiten haben oder nicht, sagt Tina Kühnle-Häcker. Sollte der Andrang jedoch zu groß werden, müsse man sich auf die Schüler beschränken, die wirklich nicht richtig lesen können.

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