Stadtentwicklung in Stuttgart Entsteht am Stadtgarten ein neues Zentrum für Kultur und Wissenschaft?

Studentenentwürfe geben einen Eindruck davon, wie das neue Konzerthaus in Stuttgart aussehen könnte. Foto: Academy for Architectural Culture

Rund um den Stadtgarten sprießen die Ideen und Projekte. Der Uni schwebt eine moderne, multifunktionale Bibliothek am Standort vor. Konzertveranstalter und Musiker wünschen sich ein neues Konzerthaus, das Linden-Museum eine neue Heimat. Ein Überblick.

Konzerthaus hier, Unibibliothek dort – und was passiert eigentlich mit dem altehrwürdigen Gebäude des Linden-Museums? Das Quartier rund um den Stadtgarten zwischen Liederhalle und Universität Stuttgart rückt zunehmend in den Fokus verschiedener Interessengruppen und damit auch der Stadtplaner. Bei einem Stadtspaziergang – organisiert von der Grünen-Ratsfraktion – wird vor allem eines deutlich: Der Bedarf an Neu- und Erweiterungsbauten ist nachvollziehbar.

 

Erste Station des Rundgangs ist die denkmalgeschützte Universitätsbibliothek im Stadtgarten beziehungsweise Unipark. Markus Malo, stellvertretender Leiter der Bibliothek, schildert plastisch den aktuellen Zustand des Gebäudes. Seit zwei Jahren wird das 60 Jahre alte Gebäude renoviert – die Dachentwässerung macht Probleme. Auch der Energiestandard des Gebäudes ist jener aus den 1960er Jahren. Die Ausleihe funktioniert zwar, aber der Lesesaal ist – wenn überhaupt – nur eingeschränkt nutzbar.

Die Grundstücksfragen im Stadtgarten sind kompliziert

Die Perspektive ist laut Malo der Plan für einen „Campus-Hub“: Demnach soll die Unibibliothek mit den benachbarten Bibliotheken der Dualen Hochschule und der Hochschule für Technik zusammengelegt werden. Dafür wäre allerdings eine Erweiterung des Gebäudes nötig. „Uns schwebt ein Haus der Wissenschaft vor, das auch die Wirtschaft stärker einbeziehen soll, um den Wissenstransfer zu stärken“, erläutert Malo.

Wo genau der Erweiterungsbau realisiert werden soll, ist noch offen, zumal die Eigentumsfrage im Stadtgarten höchst kompliziert ist: Manche Parzellen gehören der Stadt, andere sind im Eigentum des Landes, die beide auch an der Finanzierung beteiligt wären. Hinzu kommt: Der Stadtgarten, einst ein prachtvoller Park, soll auch weiterhin als Naherholungsfläche dienen, als Aufenthaltsraum für Studenten, aber auch für Patienten des Klinikums Stuttgart.

Nächste Station des Rundgangs ist das Linden-Museum am Hegelplatz. Das neoklassizistische Gebäude aus dem Jahr 1911 platzt längst aus allen Nähten, viele Exponate lagern im Keller und können mangels Ausstellungsfläche nicht gezeigt werden. Seit Jahren ist dem Museum für Völkerkunde daher ein Neubau zugesagt, bislang gibt es allerdings weder eine Festlegung auf ein Grundstück noch einen konkreten Zeitplan. Als Favorit gilt ein Areal auf dem Gelände A3 am künftigen Manfred-Rommel-Platz hinter dem Hauptbahnhof, die Standortentscheidung soll noch 2022 fallen. Welche Nachnutzung der Bau dann erfahren soll, ist ebenfalls völlig offen. Verkehrlich soll sich am Hegelplatz allerdings etwas ändern: Die überdimensionierte Kreuzung soll nach Informationen unserer Redaktion zu einem Kreisverkehr umgebaut werden.

Liederhalle braucht Entlastung für den Beethovensaal

Das vielleicht spannendste Thema im Quartier ist die Frage, ob dort das angedachte neue Konzerthaus Platz finden könnte und wie sich eine solche Standortentscheidung auf das Kultur- und Kongresszentrum Liederhalle auswirken würde. Bei der Begehung der Liederhalle wird rasch klar: Vor allem im Backstage-Bereich hat die 1956 erbaute und seit 1987 denkmalgeschützte Halle erhebliche Defizite. Die Probe- und Aufenthaltsräume für Orchester und Dirigenten sind unterdimensioniert, nicht klimatisiert und wenig ansprechend. Zwar gilt der Beethovensaal bis heute als Meisterstück (architektonisch und akustisch), aber das Drumherum entspricht längst nicht mehr den Anforderungen. Und eine Modernisierung ist wegen des Denkmalschutzes schwierig. Warum also nicht durch ein neues Konzerthaus gegenüber am Rande des Stadtgartens, wo derzeit noch Flüchtlingsunterkünfte stehen, Synergieeffekte generieren? Der langjährige SWR-Orchestermanager Felix Fischer und sein Kollege Ralf Püpcke von der Konzerthausinitiative rühren jedenfalls die Werbetrommel für ein modernes und offenes neues Musikzentrum. „Bisher haben die drei Stuttgarter Symphonieorchester nicht mal die Möglichkeit, im Beethovensaal zu proben, weil er dauernd belegt ist“, so Fischer. Zwar will sich die Initiative nicht auf einen Standort festlegen (im Gespräch ist auch das A3-Areal am Bahnhof sowie der Budapester Platz). Doch man spürt, dass die Herzen von Fischer und Püpcke für die Nähe zur Liederhalle schlagen.

Grüne könnten sich Überbauung der Holzgartenstraße vorstellen

Apropos Nähe: Trennendes Element zwischen der Liederhalle und dem Konzerthaus ist die Holzgartenstraße. Die Stadt hat zwar keine exakten Verkehrszahlen für die Nord-Süd-Verbindung zwischen Hegelplatz und Schlossstraße, doch die Zahl der Autos pro Tag dürfte sich in Grenzen halten. Deswegen wurde bereits jeweils ein Fahrstreifen für Radfahrer abgezwackt. Die Grünen könnten sich auch einen kompletten Rückbau vorstellen. Im Stadtplanungsamt will sich dazu niemand öffentlich äußern. Hinter vorgehaltener Hand allerdings heißt es, falls dort Erweiterungsbauten entstünden, könne man die Straße durchaus überbauen, ohne dass es zum Verkehrsinfarkt käme.

Klar ist , dass die verschiedenen Projekte angesichts der aktuellen finanziellen Risiken für den Stadthaushalt einen langen Atem erfordern. Felix Fischers Vision von einer „erweiterten Kulturmeile“, die sich bis in die City hineinzieht, aber auch das Projekt Campus-Hub und der Umzug des Linden-Museums sind vor der nächsten Dekade wohl kaum realisierbar.

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