Stadtführer mit geistiger Behinderung Stuttgart mal ganz anders

„Wenn der Herzog nachmittags seine Geliebte verlassen musste, hat er das immer sehr, sehr ungern gemacht“, erklärt Erika Distler Foto: Lichtgut/Julian Rettig

Mörikes Hutzelmännle, das Techtelmechtel des traurigen Herzogs, der große Schlossbrand nach einer Panne beim Heizen: Gästeführer mit geistiger Behinderung zeigen Stuttgart aus ihrer Sicht.

Stuttgart - Die Frühlingssonne knallt. Der Innenhof des Alten Schlosses ist voll Besucher. Eine Gruppe sammelt sich um Erika Distler, 57, und ihre Kollegen. Unzählige Menschen hat sie bereits von hier aus durch die Innenstadt geleitet. Ihre Begrüßungsworte an diesem Samstagnachmittag: „Wir nehmen unsere Gäste so, wie sie sind.“ Erika ist eine von 13 Stuttgarter Stadtführern mit geistiger Behinderung. Bei ihren Rundgängen geht es nicht nur um Schillerplatz und Oper, um die schönsten Seiten der Stadt. Es geht um Perspektiven. „Wir zeigen unseren Lebensraum aus unserer Sicht“, sagt die Gästeführerin.

 

„Im Alltag werden Menschen mit einer geistigen Behinderung oft angeleitet“, sagt Andrea Dikel.“ Beim „Blickwechsel“-Projekt kommt es zu einem Rollentausch. Distler und ihre Kollegen führen. „Die Normalen“, wie einige ihre Gäste nennen, werden zu Geführten.

Dikel ist Sozialpädagogin beim Caritasverband. Sie arbeitet bei der Begegnungsstätte „Treffpunkt“ – Sportverein, Theaterbühne und Volkshochschule in einem. Sie leitet einen Chor, begleitet Ausflüge, fährt mit Gruppen in den Urlaub. „Ich finde es immer wieder spannend, eine Stadt zu entdecken mit einem Fokus auf die kleinen Dinge, die viele Touristen gar nicht mehr wahrnehmen“, sagt Andrea Dikel. Entschleunigt reisen nennt sie das. Vielleicht etwas weniger sehen, doch das dafür umso intensiver und eindrücklicher. Mit einer anderen Wahrnehmung, anderen Erwartungen und einem anderen Tempo.

Durch eine Brezel scheint die Sonne dreimal

Ginge es nicht, diese Erfahrungen auf die Heimatstadt zu übertragen, fragte sich Dikel. Und fing an, mit Teilnehmern des Freizeittreffs eine Stadtführung zu entwickeln. Was wollen wir erzählen? Was ist uns wichtig? Das entschieden die Gästeführer. Zahlen und Fakten? Sind nicht alles. Viel wichtiger sind all die abenteuerlichen Geschichten, die sich um Stuttgart ranken. Die Stadtführer wissen mittlerweile genau, welche Dinge am besten ankommen. Etwa die Entstehungsgeschichte der Brezel („ein Gebäck, durch das die Sonne dreimal scheinen kann“). Oder dass die Anekdote, wie die Kehrwoche ins Schwabenland kam, immer wieder das Eis bricht.

Das Konzept war die größte Herausforderung. Geschichtsbücher wälzen reichte nicht. „Wir haben alles gemeinsam ausgewählt und trainiert“, sagt Andrea Grieb, 56, Gästeführerin der ersten Stunde. Wie begegnen mir die anderen? Wie reagieren sie? Das waren Fragen, die Andrea Grieb anfangs am meisten bewegten – und ihr Angst machten. Zappelige Schulklassen mit desinteressierten oder kichernden Teenagern, andere Menschen mit Behinderung, Gruppen auf Betriebsausflug, Touristen ohne Plan von Stuttgart, Alteingesessene, die denken, ohnehin alles zu wissen: „Ich muss mich jedes Mal neu einstellen.“ Es gibt Menschen, mit denen möchte sie eigentlich nur ungern sprechen. Ist ihr jemand unsympathisch, zieht sie sich lieber zurück. „Die Arbeit hat mir geholfen, mehr aus mir herauszugehen und offener zu werden.“

In ihrer Jugend hieß es damals: „Kuck mal, die hat einen Dachschaden, die ist plemplem.“ Inklusion gab es nicht zu ihrer Schulzeit. Sie erzählt das ohne Verbitterung. Andrea Grieb ist ihren Weg trotzdem gegangen. Seit sie 30 ist, lebt sie allein, arbeitet als Betreuungshelferin, unterstützt andere mit geistiger Behinderung in der Werkstatt. Die Stadtführungen sind ein Ausgleich. Sie ist froh über ihre Aufgabe als Unterhalterin. Über das Selbstverständnis, mit der andere ihr zuhören, wenn sie ein Stück der Welt erklärt.

Eselsbrücken für Graf Eberhard

Bei „Blickwechsel“ passiert die viel zitierte Teilhabe ganz unverkrampft. Manchmal beobachten neugierige Passanten die zusammengewürfelte Gruppe, lauschen ein paar Minuten oder versuchen, die Logos auf den Shirts und Taschen der Gästeführer zu entziffern – knallig orange sind die Mützen und Taschen, darauf gedruckt: eine Brezel, der Fernsehturm, der Daimler-Stern und ein offenes Auge.

Die Stadtführerin Marion Richter, 56, baut sich selbstbewusst vor dem Reiterstandbild des Grafen Eberhard auf und beginnt mit ihrem Part. Ab und zu hält sie kurz inne, wirft einen schnellen Blick auf ihre Notizen, auf die kleine Skizzen und wenigen Worte, die ihr helfen, den Faden nicht zu verlieren. Nicht alle der Gästeführer können lesen wie sie: Mit kleinen Gedächtnisstützen in laminierten Heften, gemalten Eselsbrücken, kommen auch sie zurecht. Das meiste haben sie sowieso im Kopf.

Ihren Merkzettel braucht Marion Richter heute nicht. Ein Pferd ist darauf gemalt, ein Frauen-Symbol. Sie erzählt, wie aus dem Stutengarten Stuttgart wurde, schlägt einen Bogen zum Brand, der im Schloss gewütet hat – „wahrscheinlich, weil es zu kalt war und beim Heizen was schiefging“. Sie lässt Schwarz-Weiß-Zeichnungen herumgehen, die ihre Erzählungen untermalen.

Gleich daneben ist eine zweite Touristengruppe zum Stehen gekommen. Eine konventionellen Stadtführung. Auch sie ist gerade beim Flammeninferno angelangt. Auf den ersten Blick unterscheiden sich die Gruppen kaum voneinander. Klassische Plätze werden abgehakt, die wichtigsten Persönlichkeiten der Stadt, ein Kurzabriss der Geschichte, historische Ereignisse. Doch jede Führung von „Blickwechsel“ ist anders, unvorhersehbar und abhängig vom jeweiligen Gästeführer.

Erika Distler hat alle Zahlen im Kopf

Insgesamt 15 Teilnehmer haben die Ausbildung mittlerweile durchlaufen. Einer der Gästeführer ist umgezogen, ein anderer verstorben, die anderen sind konsequent dabeigeblieben, Jahr für Jahr. Meist ziehen sie zu fünft oder zu sechst los.

Da ist Helmut Blaha, 53, er rückt seine Mütze zurecht, zieht noch zweimal hastig an seiner Zigarette, bevor er die Gruppe bittet, ihm zu folgen. Er muss sich bemühen, laut genug zu sprechen, manchmal bricht seine Stimme. Manchmal bekommt er einen Hustenanfall. „Aber das Schöne ist, dass wir so aufeinander abgestimmt sind, dass wir jederzeit füreinander einspringen können“, sagt er. Vergisst einer eine Jahreszahl, einen komplizierten Namen, eine Pointe, hilft man sich gegenseitig. Die Kollegen sind die Souffleusen und das Sicherheitsnetz für den Einzelnen.

Überhaupt hat jeder seine Rolle, jeder sein Spezialgebiet, seinen Lieblingsplatz, seine Lieblingsgeschichten. Erika Distler ist die heimliche Wächterin der Gruppe, die unauffällig aufpasst, dass alle zusammenbleiben, keiner seinen Einsatz verpasst. Sie hat sämtliche Jahresdaten im Gedächtnis und weiß genau, wer mit wem ein Techtelmechtel hatte, dass der Herzog, der im Alten Schloss residierte, seine Geliebte gegenüber im Prinzenbau täglich besuchte. „Wenn er dann am späten Nachmittag wieder zurückmusste, hat er das immer sehr, sehr ungern gemacht.“

Andrea Grieb kennt die beste Eisdiele der ganzen Stadt und ist eine geborene Geschichtenerzählerin. Sie führt die Gruppe zu dem versteckten Steinrelief des kleinen Kobolds, dem Stuttgarter Hutzelmännle. Das Märchen von Eduard Mörike erzählt sie perfekt – auch wenn sie kurz vor der Führung noch Bedenken hatte, ob sie nach einer längeren Pause überhaupt noch alle Details weiß.

Ein Stadtführer kommt gut an bei den Frauen

Uwe Kirsten, 62, fällt beim Gehen manchmal das Atmen schwer. Er ist der Experte für Gebäude: Ohne zu zögern, sagt er seinen Text auf. Er predigt, dass der Fernsehturm 217 Meter in die Höhe schießt, dass der Aufzug in 30 Sekunden nach oben schnellt. Sein Spezialtipp gegen den Druck: „Nase zuhalten, sonst habt ihr ein Mordsohrensausen, wenn ihr oben ankommt.“ Wenn er gefragt wird, was er von Stuttgart 21 hält, sagt er nur lakonisch: „Vielleicht erlebe ich das Ende der Bauarbeiten noch.“ Er lacht. „Vielleicht auch nicht.“

An diesem Tag sind neben den erfahrenen auch drei Gästeführer dabei, die ihre Ausbildung nach einem Jahr gerade erst abschließen. Noch fehlt ihnen die Routine ihrer älteren Kollegen. Doch Routine, was heißt das schon? Gerade die möchte Tim Warncke, 29, durchbrechen. Es gibt viele Gründe, weshalb er sich zum Stadtführer ausbilden lassen wollte. Weil er als „halber Hamburger“ Stuttgart spannend findet und die Schwaben „für ein lustiges Völkchen“ hält. Weil er gern Menschen kennenlernt. Weil er Lust hatte, etwas Neues zu lernen. „Und außerdem ist es sicher nicht schlecht, wenn man eine Freundin sucht und sagen kann: Ich bin Stadtführer.“

Noch kam die Richtige nicht. Doch er hat genaue Vorstellungen: zwischen 20 und 35 Jahre alt, Hauptsache nett und „möglicherweise auch mit krimineller Vergangenheit“. Er würde ihr eine zweite Chance geben, solange es keine Schlägerbraut ist. Beim ersten Date könnte er sie durch Stuttgart führen. Schließlich hat er Freitag für Freitag und an einigen Wochenenden sämtliche Daten gepaukt, lautes, deutliches Sprechen geübt und immer wieder seine Sprüche aufgesagt. Jetzt steht er auf dem Rathausplatz und verrät, was sich dort unter den Pflastersteinen verbirgt: ein Bunkerhotel. „Ich war einmal drin und kann sagen: Die Zimmer sind so klein, da passt nicht mal ein Hamster rein.“ Er lacht, die Gäste lachen. Tim Warncke ist erleichtert.

Und wie bei jeder guten Führung, kommt der Höhepunkt zum Schluss – mit einem Gedicht: „Stuttgart liegt im grünen Tal, ein Gestüt war’s früher mal. Heute ist’s ne große Stadt, die uns viel zu bieten hat.“ Reim für Reim wechseln sich die Touristenführer ab. „Genießt die Stadt, genießt das Leben, vielleicht wird’s bald ein Wiedersehen geben.“

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