Stadtgeschichte Stuttgarts Ehrenbürgerin – die große Unbekannte

Der verwitterte Grabstein der von Wiesenhüttens auf dem Fangelsbachfriedhof. Foto: /jse

Die erste und einzige Ehrenbürgerin Stuttgarts, Dominika Freifrau von Wiesenhütten, ist weithin unbekannt. Das Stadtarchiv hilft, Licht ins Dunkel um die jung verstorbene Wohltäterin zu bringen.

Stadtleben/Stadtkultur: Jan Sellner (jse)

Wer war Dominika Freifrau von Wiesenhütten? Das haben wir in einem Beitrag gefragt, der sich mit der Tatsache beschäftigte, dass von den 47 Stuttgarter Ehrenbürgern nur eine eine Frau ist – ebenjene Dominika Freifrau von Wiesenhütten. Zur Person an sich hatten wir unsererseits nicht viel mehr beitragen können, als dass sie 1812 in Schwäbisch Hall als Dominika Stahl geboren wurde und 1858 in Stuttgart gestorben ist. Sie war die Ehefrau des aus Darmstadt stammenden Großherzoglich Hessischen Kammerherrn Ludwig Friedrich Wilhelm von Wiesenhütten (1786–1859).

 

Dieser war nicht nur sehr vermögend, sondern auch sehr spendabel. Eine Lebenseinstellung, die auch von seiner Frau Dominika überliefert ist. Am 6. Juli 1857 wurden beide für ihre „den Armen bewiesenen Wohltaten und namentlich der St. Leonhardskirche gespendeten Gaben“ mit der Stuttgarter Ehrenbürgerwürde bedacht. Dominika starb ein knappes Jahr später, am 21. Juni 1858. Ihr Mann etwas mehr als zwei Jahre später, am 8. August 1859, während eines Besuchs in Stuttgart. Sie sind auf dem Fangelsbachfriedhof begraben. Der Friedhof war 1823 angelegt worden – damals noch außerhalb der Stuttgarter Stadtgrenzen –, weil der Kirchhof um die Leonhardskirche nicht mehr als Begräbnisort zur Verfügung stand.

Zum 100. Todestag des Kammerherrn reiste eine Frankfurter Abordnung nach Stuttgart

Für Kenner: Das Wiesenhütten-Grab befindet sich in Abteilung 10-1-17/18. Eine Abordnung der nach dem Kammerherrn benannten Frankfurter Stiftung Versorgungshaus und Wiesenhüttenstift hatte 1959 offenbar keine Mühe, es zu finden: Anlässlich des 100. Todestags von Ludwig Friedrich Wilhelm am 8. August besuchte sie zusammen mit Vertretern des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes die Grabstätte, um einen Kranz niederzulegen. Die Stuttgarter Zeitung notierte: „Die Stiftung Versorgungshaus und Wiesenhüttenstift in Frankfurt verdankt dem hessischen Edelmann nicht nur ein Vermögen, sondern auch die Selbstständigkeit, die es der Stiftung ermöglichte, für rund 390 alte Leute bei sehr angemessenen Pflegesätzen zu sorgen.“

Von der mildtätigen Dominika ist in diesem Zusammenhang nicht die Rede. Das Wenige, was über die aus einer Metzgerfamilie stammende Stuttgarts erste und einzige Ehrenbürgerin über die Lebensdaten hinaus bekannt ist, findet sich im Stadtarchiv. Historiker Günter Riederer hat auf Anfrage einige Akten zusammengetragen. Dazu zählen eine Art Urkunde über die Verleihung der Ehrenbürgerschaft und ein Papier, das das Prozedere dokumentiert, das der Verleihung der Ehrenbürgerwürde an die von Wiesenhüttens vorausging. Treibende Kraft war demnach der damalige Pfarrer der Leonhardskirche, Albert Knapp (1798–1864). Knapp begründete in einem Schreiben an den Gemeinderat sein Votum damit, dass das Ehepaar von Wiesenhütten jeweils im Frühling und Sommer für mehrere Monate in Stuttgart weilen würde und diese Besuche stets mit einer „Fülle von Wohltaten“ für die Leonhardskirche und für die Bedürftigen verbunden seien. „An einer Stelle ist von 1000 Gulden die Rede, die gespendet wurden“, berichtet Historiker Riederer. Zugleich weist er darauf hin, dass besagter Pfarrer selbst eine wichtige Figur der Stadt- und Kirchengeschichte im 19. Jahrhunderts war: „Knapp hat als Liederdichter Bedeutung.“ 1837 gründete er in Stuttgart den ersten Tierschutzverein Deutschlands. Zufall oder Absicht: Pfarrer Knapp ist in direkter Nachbarschaft der von Wiesenhüttens bestattet.

Von Dominika existiert keine Abbildung

Das Bild von Dominika von Wiesenhütten bleibt trotz dieser Hinweise schemenhaft. Dazu passt auch, dass von ihr keine Abbildung existiert. Weitaus plastischer erscheint ihr Mann Ludwig Friedrich Wilhelm, der dem Frankfurter Personenlexikon zufolge von seinem Vater ausgedehnte Landgüter in der Wetterau und ein Hofgut in Frankfurt geerbt hatte. „Dort lebte er zurückgezogen, sich allein der Verwaltung seiner Güter widmend.“ Im Alter von 51 Jahren heiratete er die um 27 Jahre jüngere Dominika Stahl.

Der Kammerherr spendete ein Zehntel seines jährlichen Einkommens

Das Personenlexikon beschreibt Ludwig Friedrich Wilhelm als einen „zutiefst christlich denkenden und handelnden Mann, der ein Zehntel seines Einkommens für wohltätige Zwecke spendete“. Da er keine Nachkommen hatte, habe das Frankfurter Versorgungshaus, ein seit 1817 bestehendes Heim für arme, alte und gebrechliche Bürger, zu seinem Universalerben eingesetzt. In Erinnerung an ihn trägt es bis heute den Namen „Versorgungshaus und Wiesenhüttenstift“.

Dem Mann von Stuttgarts einziger Ehrenbürgerin wurde auch in anderer Hinsicht Ehre zuteil – allerdings eine vergängliche. Laut Personenlexikon wurde fünf Jahre nach seinem Tod in Frankfurt ein von Johann Nepomuk Zwerger geschaffenes Denkmal auf dem nach ihn benannten Wiesenhüttenplatz aufgestellt. Im Zweiten Weltkrieg wurde es eingeschmolzen.

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