Stadtkind Stuttgart

Stadtkinder über ihre Stadt: DJ Emilio "Ein Hip-Hop-Haus für Stuttgart wäre schön!"

Von Tanja Simoncev 

Vom Jugendhaus West ins Stadtmuseum: Das "Palais der Kolchose" lässt die Zeit, als das Künstlerkollektiv Kolchose Stuttgart zur Mutterstadt des deutschen Hip-Hops machte, wiederaufleben. Wir haben mit DJ Emilio, Teil der Kolchose-Posse, nostalgisch in die Vergangenheit geblickt.

Sound-Shop war lange sein Plattenladen, ab Donnerstag gibt DJ Emilio Führungen im Palais der Kolchose. Foto: Tanja Simoncev
Sound-Shop war lange sein Plattenladen, ab Donnerstag gibt DJ Emilio Führungen im Palais der Kolchose. Foto: Tanja Simoncev

Stuttgart - Mit seinem Hunde-Sohn Cuba macht er die Obertürkheimer Weinberge unsicher, ab Donnerstag mit der Kolchose-Posse das Wilhelmspalais: Über Emil Calusic, besser bekannt als DJ Emilio, wurde schon viel geschreiben. Der 46-Jährige sei ein Brudi, wie er im Buche steht, ein Hobby-Poet, wie man ihn selten erlebt, ein Mixed-Music-DJ, der nicht nur für Hip-Hop lebt. Der Musikliebhaber ist eben umtriebig und spätestens seit seinen Facebook-Posts wissen wir, auch ziemlich wortgewandt. Kein Wunder wird er beim "Palais der Kolchose" nicht nur mit Anwesenheit glänzen, sondern auch Führungen (27. November, 10. Dezember) geben. 

"Es war eine geile Zeit"

Dass die Kolchose-Zeit nun im Museum dokumentiert wird, lässt DJ Emilio mehr oder weniger nostalgisch in die Vergangenheit blicken. "Die Kolchose entstand aus einer Minderheit, die sich gefunden hatte und kreativ sein wollte." Hip-Hop wurde damals anders gelebt - existierte als Dreifaltigkeit, bestehend aus Breakdance, Graffiti und Musik. "Wir haben Hip-Hop ganz anders gefühlt, waren mit die Pioniere von Deutsch-Rap", sagt der Stuttgarter. 

Club-Kultur statt Club-Konsum

Mittlerweile sei deutscher Hip-Hop etabliert. "Die Kids von heute müssen kein Englisch können, sie verstehen, was gesagt wird", betont der DJ. Und als eben solcher fehlt ihm die Zeit als Clubs mehr für Kultur und weniger für Konsum standen. "Musik-Subkulturen wie Hip-Hop, Drum'n'Bass und auch Techno fanden in den Clubs ein Zuhause, waren frisch und interessant. Die DJs waren die Tastemaker. Das lag an der internetlosen Zeit, vom Gefühl her hatte Musik einen spezielleren Stellenwert, weil sie eben nicht für jeden zugänglich war."

Auch an die Zeit als man am kleinen Schlossplatz rumgehangen sei, erinnert sich Emil gern zurück, auch wie er in alle Plattenläden der Stadt gerannt sei. Der eigene Plattenladen fehlt ihm hingegen nur bedingt, eine Sechs-Tage-Woche war eben nie so sein Ding. "Musik war meine erste Liebe, bevor Sport und Frauen interessant wurden. Schon geil, dass das mit der Kolchose so funktioniert hat. Ich konnte mit dem, was ich liebe, meinen Lebensunterhalt bestreiten - mega."

Was den Wortakrobaten mindestens genauso freut? "Dass die Stadt anerkennt, was diese Gruppe von Menschen damals auf die Beine gestellt hat. Wir haben es aus Liebe zur Musik gemacht und hätten uns wohl nie erträumt, dass es auch mal für ein Museum interessant sein könnte. Schon lustig, dass Objekte aus meiner Jugend wie Flyer, Plakate, Kassetten nun als Exponate ausgestellt werden."

Was der kroatische Kreativkopf sonst noch zu sagen hat, lest ihr wie folgt.

Dein Name: DJ Emilio

Dein Beruf in Eigendefinition: Kreativer Freigeist.

Seit wann lebst du in Stuttgart? Seit 1971.

Wo wohnst du heute? In Unteruhlbach (zwischen Obertürkheim und Uhlbach).

Was gefällt dir an dieser Ecke besonders? Das Grün, die Weinberge, die Idylle.

Wann und warum hast du dich in Stuttgart verliebt? 1971, ich wurde geboren und habe mich umgeguckt.

Wo hängst du am liebsten ab? In den Weinbergen, weil sich mein Hund dort pudelwohl fühlt.

Wo ist Stuttgart besonders Hip-Hop? Hall of Fame in Bad Cannstatt.

Wo eher Schlager? Dort, wo Stuttgart 21 zu spüren ist.

Ein Daueraufreger in dieser Stadt ist…? Stuttgart 21.

Ein Geheimtipp, den du ausnahmsweise mit uns teilst: Glaubt nicht alles, was erzählt wird.

Welchen Ort wählst du für ein romantisches Date? Die Mercedes-Benz-Arena während eines VfB-Spiels.

Wie reagierst du, wenn jemand sagt, die Stadt sei hässlich? Dann geh' doch mal nach Bielfeld oder Braunschweig!

Dein Lieblingsrestaurant? Al Vecchio Mulino (Augsburger Str. 672, Stuttgart-Obertürkheim), weil ich italienische Küche mag und es in der Nähe ist.

Deine Lieblingskneipe?  Immer Beer Herzen - cooles Volk.

Wo bist du am häufigsten abgestürzt? Das kriege ich überall hin!

Wo gibt‘s die besten Konzerte? Bix, LKA, Im Wizemann.

Wo hängst du "immer wenn es regnet" am liebsten ab? Zuhause.

Was wolltest du in Stuttgart immer schon mal machen, hast es aber noch nie geschafft? Der Stuttgarter Halb-Marathon laufen.

Was fehlt dieser Stadt am meisten? Luft.

Was würdest du sofort ändern, wenn du OB wärst? Die bisherige Bau-Politik.

Welche Orte in der Stadt sind für den Stuttgarter Hip-Hop wichtig? In den nächsten zwei Wochen natürlich das "Palais der Kolchose", ansonsten, von unserer Historie ausgehend, das Jugendhaus Mitte, das Jugendhaus West, prinzipiell kann jedes Jugendhaus in Stuttgart für den Hip-Hop wichtig sein, weil sich die Jugend dort trifft. Es wäre schön, wenn es noch ein Hip-Hop-Haus gäbe, wo Tänzer, Breaker und ein Studio unter einem Dach Platz finden.

Palais der Kolchose: Vom 23. November bis 10. Dezember 2017, täglich geöffnet von 14 bis 21 Uhr, Eintritt frei

Führungen jeden Tag ab 18 Uhr, Eintritt frei - mehr hier >>> 

Eröffnungsparty am Samstag, 25. November, mit Massive Disco feat. DJ Schowi, Ju, DJ 5ter Ton, Franky Kubrick, Marz, Bartek & KAAS - mehr hier >>> 

Palais der Kolchose Party am 2. Dezember mit FK Soundsystem (Max Herre & DJ Friction) feat. DJ Emilio - mehr hier >>> 

Graffiti am Palais - mehr hier >>>

Podiumsdiskussionen:

Samstag, 25. November, 19 Uhr: Wie der HipHop nach Stuttgart kam - mehr hier >>>

Samstag, 2. Dezember, 19 Uhr: Die Kolchose und ihre Mutterstadt - mehr hier >>>

Mittwoch, 6. Dezember, 19 Uhr: Spannungsfelder zwischen Hip-Hop und Hochkultur - mehr hier >>> 

Samstag, 9. Dezember, 19 Uhr: Hip-Hop heute - mehr hier >>>