Stadtkind Stuttgart

Stadtkinder über ihre Stadt: THE OPÉRA-Herausgeber Matthias Straub „In Stuttgart bekommt man nichts geschenkt"

Von Laura Müller-Sixer 

Stuttgart, für immer erste Liebe: In unserer Reihe erzählen Stadtkinder, was sie an ihrer City so lieben - und was sie so richtig nervt. Heute mit Matthias Straub, Sammler von trashiger Musik, kreativer Ästhet und Geschichtenerzähler.

Last night a DJ saved their lifes: Matthias Straub aka St. Malo an den Decks. Foto: Florentine Pilvi 4 Bilder
Last night a DJ saved their lifes: Matthias Straub aka St. Malo an den Decks. Foto: Florentine Pilvi

Stuttgart – Matthias Straub, "Baujahr 75 und gut abgehangen", kam vor 21 Jahren in den Kessel. Seitdem ist die Subkultur sein kreatives Zuhause. Egal ob als Gründungsmitglied des legendären Rocker 33, Chefredakteur, Fotograf oder DJ – Matthias weiß: „In Stuttgart bekommt man nichts geschenkt, man muss es sich holen und dranbleiben. Nur wer etwas aus den Möglichkeiten der Stadt macht, findet seinen Platz."

Bei all seinen Projekten war es dem 42-Jährigen schon immer wichtig, etwas zu haben, das er selbst steuern kann. Etwas, an dem sein Herz hängt. Ein solches Projekt ist das Magazin THE OPÉRA, welches sich dem menschlichen Körper und der modernen Interpretation des Nacktseins widmet. Am 9. Dezember feiert Matthias die Releaseparty der bereits sechsten Ausgabe seines "Babys" in der neuen Galerie Kernweine.

Einmal Kreativbranche, immer Kreativbranche

Wie viele andere Jungs in seinem Alter, wollte Matthias nach seinem Abitur die Welt ein Stückchen besser machen: Er studierte in Hohenheim Agrarökonomie mit dem Schwerpunkt Tropen und Subtropen und peilte ursprünglich die Entwicklungshilfe an. Bei einem Auslandsaufenthalt in Asien schrieb er dann seinen ersten Artikel – einen Reisebericht über die Skaterszene in Bangkok. Der Text ging raus an ein Berliner Magazin, wurde für gut befunden und seitdem hat Matthias trotz abgeschlossenem Studium die Kreativbranche nicht mehr verlassen.

Schon während des Studiums gründete Matthias seine erste Zeitschrift, es folgte eine Fotografenausbildung bei Jürgen Altmann in Stuttgart und zehn Jahre als freier Redakteur inklusive eigenem Verlag und einigen Magazinen mehr. "Am Anfang habe ich viel selbst produziert, musste aber schnell merken, dass ich auf zu vielen Hochzeiten tanze. Man versucht zwar alles zu schaffen, aber kann nicht überall 100 Prozent geben." Besonders die Fotografie ist ihm eine heilige Ausdrucksform: "Genau deswegen entschied ich mich bewusst dazu, die Fotografie nicht im Alltag untergehen zu lassen. Das eigentliche Bild kam am Ende nämlich immer zu kurz. Ich wollte die Liebe zum Bild privat für mich behalten."

Rocker 33: Der Rest ist Geschichte

Unvergessen bleibt für die Stuttgarter das Rocker 33. Was als Raum für den Kulturaustausch zwischen verschiedenen Künstlern und Musikgenres am kleinen Schlossplatz entstand, ist heute Geschichte. Noch weit bevor die Location nach dem ersten Wechsel in die Heilbronner Straße in das Filmhaus zog, traf Matthias einen schweren Entschluss: "Mit dem zweiten Kind musste ich einfach Prioritäten setzen und mich aus dem Nightlife zurückziehen. Man kann ja nicht ständig morgens aus dem Club stolpern und dann direkt den Kinderwagen weiterschieben."

Seit fünf Jahren arbeitet Matthias nun am Stuttgarter Standort der Agentur fischerAppelt als Chefredakteur – die erste feste Stelle in seinem Leben. Heute achtet er mehr denn je auf seine Work-Life-Balance, auch wenn ihn ein Burn-out wachrütteln musste: "Viele Sachen, von denen man sich unter Druck gesetzt fühlt, kommen daher, dass man ein bestimmtes Bild nach außen vermitteln möchte. Doch irgendwann merkt man, wie die Fassade bröckelt und dass man dieses Bild nicht mehr aufrechterhalten kann." Was im Leben wirklich wichtig ist? "Das sind auf jeden Fall Familie und Freunde."

Wann und wo hast du dich in Stuttgart verliebt? Als ich frisch nach Stuttgart gezogen bin, gab's immer dienstags im großen Bär Drum'n'Bass-Partys. Ich war total geflasht und dachte mir: "Wow, es ist Dienstag und du tanzt hier bis morgens durch. Jetzt bist du in der Großstadt angekommen."

Deine Hood ist... Stuttgart-Süd, insbesondere das Lehenviertel, Ecke Strohberg.

Wo ist Stuttgart am schönsten? Ich bin wirklich gerne in der Stadtbibliothek. Das ist für mich ein sehr inspirierender Ort, nicht nur architektonisch, auch von dem Wissen, das dort vereint ist. Besonders gefällt mir, wie wahnsinnig demokratisch es dort abläuft. Da sind Flüchtlinge, da sind Schüler und Professoren – die ganze Bevölkerung ist vereint und das Angebot wird gut angenommen. Darauf kann Stuttgart echt stolz sein.

Welche Orte liegen dir besonders am Herzen? Ich liebe den Santiago-de-Chile-Platz. Wenn ich morgens vom Joggen komme und diesen wahnsinns Blick über die Stadt genießen kann – das ist einfach großartig! Und nicht zu vergessen: Das Lehen. Diese Location vereint so viele unterschiedliche Menschen. Egal ob es die Kinds sind, die Alteingesessenen oder die Hipster: Man kommt dort immer mit anderen ins Gespräch, egal an welchem Tisch man sich setzt. Hier lebt die Stadt so richtig.

Wo ist Stuttgart am hässlichsten? Oh, da muss man aber schon viel nennen. Die ganze Innenstadt finde ich total hässlich, vor allem die Königstraße mit ihren ehemaligen Lehrständen, die jetzt von Primark und Co. besiedelt werden. Und natürlich alles rund um den Bahnhof. Das liegt weniger an den Gebäuden, sondern viel mehr am Verkehr der Stadt.

Was regt dich an Stuttgart auf? Die Kleinkariertheit regt mich auf, vielleicht auch, weil ich als Schwabe leider selbst ein Teil davon bin. Das fängt bei der Sperrstunde an und hört bei der Kehrwoche auf. Genau diese provinzielle Mentalität strahlen viele Menschen aus.

Stuttgart fehlt… Wasser, ganz arg sogar. Ich bin ja am Bodensee aufgewachsen. Für mich ist Wasser nicht nur ein Teil meiner Umgebung, sondern auch ein ausgleichender Pol. Egal ob das ein Fluss ist, der durch die Stadt fließt oder eine große Wasserfläche. Wasser verändert die Menschen und gleicht sie aus. Ich glaube, man entwickelt so eine ganz andere Grundhaltung. Es ist anders am Bodensee aufzuwachsen als in einer Stadt, die auf Mobilität und Bewegung beruht.

Was würdest du in Stuttgart ändern, wenn du OB wärst? Wenn Geld keine Rollen spielen würde, dann müssten die B10 und B14 aus der Stadt raus. Beruhigt die Innenstadt, macht sie autofrei!

Was erwiderst du, wenn Menschen sagen, die Stadt sei hässlich? Ja, aber…(lacht). Ich kann ihnen nur raten, offen auf die Leute zuzugehen und Kontakte zu knüpfen. Dann kann Stuttgart ganz zauberhaft sein. Es gibt echt liebenswürdige Ecken hier und sogar so viele davon, dass man sie selbst nach 20 Jahren noch neu entdecken kann.

Deine Imbiss-Top 3?

Platz 1: Dilgelay (Da gibt's die beste vegetarische Dönerplatte)

Platz 2: Beirut (Wegen Falafel und Schawarma)

Platz 3: Der Star Kitchen Gourmet Food Truck (Rettet die Mittagspause)

Was sind deine Lieblingsrestaurants? Das Lehen, Il Pomodoro, Mandhu, Noir und mein absoluter Geheimtipp: Bei den Steins in Gablenberg.

Was sind die drei besten Plattenläden der Stadt? Second Hand Records, Plattenbau und Pauls Musique.

Deine letzte gekaufte Platte ist... "Ohne dich" von der Münchner Freiheit.

Dein Stuttgart-Soundtrack?

Am Morgen: Wenn ich morgens nach dem Joggen in Degerloch über die Stadt blicke, fühle ich mich wie der "Prince of the moment".

Am Mittag: Wenn ich mich nicht entscheiden kann, ob ich vietnamesisch, türkisch oder italienisch zu Mittag esse, denke ich mir: "C'est tout à moi?"

Am Abend: Wenn ich nach der Arbeit in eine Bar am Marienplatz gehe und ich super Laune habe, fühle ich mich nach "Dancing Down the Street" aka Tübinger Straße.

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