Carsharing boomt – zumindest in Marbach. Der Anbieter Stadtmobil hat dort jetzt die 100. Kundin begrüßt. Die Ortsgruppe erreicht mit 6,1 Nutzern auf 1000 Einwohner den besten Wert unter den 26 Niederlassungen in der Region Stuttgart, sieht man von der Landeshauptstadt ab, wo ein eigenes Auto noch weniger lohnt. Im Durchschnitt nutzen in den Stadtmobil-Filialen im Großraum Stuttgart 3,5 von 1000 Einwohnern das Angebot.
Schnelles Wachstum, aber noch viel Luft nach oben
Nach der Coronadelle in den Vorjahren blickt Matthias Laukenmann, Vorsitzender der Marbacher Stadtmobil-Gruppe, auf stark steigende Mitgliederzahlen. „Wir sind von etwa 60 auf über 100 gewachsen, und das in nur 16 Monaten: Das ist sensationell, aber es gibt noch viel Luft nach oben“, sagt der Physikprofessor, der errechnet hat, dass jedes Stadtmobil eine Parkfläche von 20 Privatwagen vermeidet. Das bringe vor allem in eng besiedelten Vierteln viel.
Bestes Beispiel für Parkdruck ist der Marbacher Stadtteil Hörnle, eine eng bebaute Gartensiedlung aus den späten 1950er-Jahren. Dort steht seit August nun der vierte Stadtmobil-Wagen, die drei anderen sind am Marbacher Bahnhof stationiert. „Die Stadt hat uns den Parkplatz spendiert“, berichtet Matthias Laukenmann. Er überreicht der 100. Kundin Christina Häußler einen Strauß mit roten Blumen und einen 50-Euro-Gutschein für die Stadtmobilnutzung.
Die 100. Nutzerin entschied sich gegen ein zweites Auto
Reichlich Gebrauch machen wird Christina Häußler wohl von den Stadtmobilen am Bahnhof, in dessen Nähe sie mit ihrem Mann und den drei Kindern Stella (11), Justus (3) und der sechs Monate alten Pia wohnt. „Die Entscheidung für das Stadtmobil war eine Entscheidung gegen ein zweites Auto“, sagt sie. Ökologische Gründe leiteten sie. „Ich finde es schön, dass eine mittelgroße Stadt wie Marbach ein solches Angebot hat.“
Das Anwachsen der Nutzerzahlen sei auch auf eine intensive Werbung durch eingeschworene Vereinsmitglieder vor Ort zurückzuführen, berichtet Matthias Laukenmann. Alle Aktiven der Gruppe wohnten im rund 1600 Einwohner zählenden Hörnle. „Man muss die Situation vor Ort kennen.“ Besonderen Dank richtet Laukenmann an Andrea Roll, die seit mehr als zehn Jahren Neukunden die Modalitäten erklärt und die Registrierung mit ihnen abschließt.
Fehlt ein Ansprechpartner, kann Stadtmobil nicht Fuß fassen
Im abgelegeneren Marbacher Stadtteil Rielingshausen hingegen habe der Verein nicht Fuß fassen können. „Es fehlen die Ansprechpartner.“ Das findet der Vorsitzende Laukenmann schade. „Autos, die nicht gefahren werden, müssen auch nicht verschrottet werden.“ Man verstehe sich – wie den Rad- und Fußverkehr und den ÖPNV – als Teil der Mobilitätswende. In einer Umfrage der Stadt Marbach zur E-Mobilität im Januar 2022 hatten 30 Prozent angegeben, sie könnten sich Carsharing vorstellen.
Die Nutzungsquote der Stadtmobile in Marbach stieg in den vergangenen drei Jahren von 17 auf 30 Prozent der Zeit, in denen die Autos nicht in ihren Stationen stehen. Ein Fahrzeug habe er immer buchen können, erzählt Laukenmann. Notfalls könne man bei der Suche nach einem Stadtmobil einen größeren Radius einbeziehen. „Die Fahrt mit der S-Bahn vom Marbacher zum Ludwigsburger Bahnhof dauert elf Minuten.“ In der Kreisstadt stünden etwa 40 Fahrzeuge, viele fußläufig vom Bahnhof entfernt. Im Großraum Stuttgart halte man 700 Autos bereit.
Die Kreise Rems-Murr und Böblingen hinken hinterher
Große Unterschiede gibt es bei den Nutzerzahlen der Landkreise. Die rote Flotte im Rems-Murr-Kreis stagnierte mit rund 35 Wagen seit 2018. Ähnlich ist es im Kreis Böblingen mit 28 Fahrzeugen. Anders ist es im Kreis Ludwigsburg. Dort schnellte die Nutzung von 39 auf 63 Autos um 62 Prozent nach oben. Eine ähnliche Entwicklung ist nur noch im Kreis Esslingen mit einem Wachstum von 55 auf 73 Wagen zu beobachten.