Stadtmuseum Göppingen Gezeichnete Zeugnisse ihrer Zeit

Vom Belvedere bei Bad Boll kann der Blick über die Landschaft schweifen. Foto: Stadtmuseum Göppingen
Vom Belvedere bei Bad Boll kann der Blick über die Landschaft schweifen. Foto: Stadtmuseum Göppingen

„Blick in die Ferne. Göppingen und die Schwäbische Alb in Panoramen des 19. Jahrhunderts“ heißt die neue Sonderausstellung im Stadtmuseum im Storchen. Im Mittelpunkt stehen Werke von Eduard Keller und Christian Septimus von Martens.

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Göppingen - Mit einem einfachen Druck auf den Auslöser sind diese Bilder nicht entstanden. Die Schöpfer dieser Panoramen mussten sich deutlich mehr Mühe geben, um eine Landschaft oder eine Stadtansicht festzuhalten, denn die Fotografie steckte zu ihrer Zeit noch in den Kinderschuhen. Umso faszinierender sind die Aquarelle und Federzeichnungen, die das Stadtmuseum im Storchen in der Sonderausstellung „Blick in die Ferne. Göppingen und die Schwäbische Alb in Panoramen des 19. Jahrhunderts“ zeigt. Viele der präsentierten Bilder sind Leihgaben und zum ersten Mal öffentlich ausgestellt.

Um künstlerische Freiheit ging es bei der Anfertigung der Panoramen im 19. Jahrhundert nicht. Die Landschaften oder Stadtansichten sollten aus weiter Entfernung so wirklichkeitsgetreu wie nur möglich dargestellt werden. Die natürlichen Erhebungen der Schwäbischen Alb und der Landschaft um Göppingen boten sich da natürlich als Aussichtspunkte an, um sogenannte Rund- und Fernsichten zu zeichnen. Die Sonderausstellung, die in Zusammenarbeit mit dem ehemaligen Kreisarchivar Walter Ziegler entstanden ist, einem Experten für dieses Thema, stellt deshalb auch Eduard Keller und Christian Septimus von Martens in den Mittelpunkt. Beide sind Ende des 18. Jahrhunderts geboren und erklärte Liebhaber der Landschaft zwischen Hohenstaufen und Alb.

Einzigartiges Rundbild von Göppingen

Auf dem Hohenstaufen zu Hause war Eduard Keller in den Jahren 1825 bis 1834, wo er im Ort als Pfarrer wirkte. In dieser Zeit hielt er den Hohenstaufen mit seiner Umgebung wie auch die Stadt Göppingen in zahlreichen Federzeichnungen fest. Die Liebe zu dem markanten Bergkegel verblasste auch nicht, nachdem Eduard Keller in der Folge des Schulstreits von Hohenstaufen den Ort verlassen musste. Er hatte den Zorn der Hohenstaufener auf sich gezogen, weil er für das Amt des Schulmeisters einen anderen Kandidaten favorisiert hatte als die Gemeinde. Im Jahr 1860 – Keller war schon Pfarrer in Gemmrigheim bei Lauffen am Neckar – erschien von ihm der Band „Der Hohenstaufen und seine Fernsicht“, das im 19. Jahrhundert ein Standardwerk über die Staufer war.

Dem unseligen Schulstreit ist ein einzigartiges Rundbild von Göppingen zu verdanken, das Eduard Keller im Sommer 1834 zeichnete, als er sich in der Stadt von den Querelen in Hohenstaufen erholte. Auf dem Turm der Stadtkirche fertigte er auf sieben Doppelseiten seines Skizzenbuchs Federzeichnungen an, die nebeneinandergelegt, so wie im Stadtmuseum zu sehen, ein drei Meter langes Panoramabild der damals 5000 Einwohner zählenden Stadt ergeben – ein historisch bedeutsames Dokument. In einer Vitrine darunter liegt das Skizzenbuch, das mehr als 80 Bleistift- und Federzeichnungen enthält, unter anderem Panoramen des Pfarrhauses in Hohenstaufen, der Bergkette der Schwäbischen Alb vom Hohenrechberg bis zur Achalm und verschiedene Ortsansichten.

Gruibingen ohne Autobahn

Fast wie Postkartenmotive wirken die Aquarelle von Christian Septimus von Martens. Der Sohn eines königlich-dänischen Generalkonsuls, der im Jahr 1793 bei Venedig das Licht der Welt erblickte und später eine militärische Laufbahn einschlug, entdeckte die Landschaft am Albtrauf bei drei Kuraufenthalten in Bad Boll in den Jahren 1823 bis 1825. Seine Motive setzte er mit teilweise dramatischen Lichteffekten in Szene. Eine Ansicht des Hohenneuffen wirkt mit einer roten Sonne im Hintergrund wie ein Gemälde von Caspar David Friedrich.

Die ausgestellten Panoramen sind nicht zuletzt Zeugnisse ihrer Zeit. So zeigt ein Aquarell von Christian Septimus von Martens Gruibingen als einen idyllischen Ort – die Autobahn gab es da noch lange nicht. Der Hohenstaufen, das wohl häufigste Motiv in der Ausstellung, erscheint in vielen Darstellungen höher als er es in Wirklichkeit ist. Dieser Zeugenberg war, anders als in der Gegenwart, nicht mit Bäumen bewachsen. Eine Federzeichnung Eduard Kellers vom Göppinger Marktplatz zeigt, wie sehr sich dieser Ort verändert hat – und wie er dennoch ähnlich geblieben ist.

Vorträge, Führungen und ein Blick vom Kirchturm

Der ehemalige Kreisarchivar Walter Ziegler spricht am Dienstag, 7. Mai, über das Thema „Eduard Keller (1792-1881) und der Hohenstaufen“. Die Veranstaltung im Stadtmuseum im Storchen beginnt um 19.30 Uhr.

Anlässlich des Internationalen Museumstags am Sonntag, 19. Mai, führt Karl-Heinz Rueß, der Leiter der Göppinger Museen, um 15 Uhr durch die Sonderausstellung. Anschließend können die Teilnehmer einen Blick vom Turm der Stadtkirche auf Göppingen werfen.

Mit Feder und Tinte: Schreiben und Zeichnen wie früher“ dürfen Kinder im Alter von acht bis zwölf Jahren am 17. April und am 18. Juni, um jeweils 15 Uhr. Da nur zehn Kinder teilnehmen können, ist eine Anmeldung unter der Telefonnummer 0 71 61/6 50-9911 erforderlich.

Nicht nur in die Vergangenheit wird bei den Führungen in der Göppinger Kulturnacht am Samstag, den 29. Juni, geblickt. Von 19 Uhr bis 1 Uhr werden auch aktuelle Panoramen des Fotografen J. Thomas Schmelzer aus Albershausen präsentiert.

Bis zum 30. Juni ist die Schau dienstags bis samstags von 13 bis 17 Uhr sowie an Sonn- und Feiertagen von 11 bis 17 Uhr geöffnet.




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