Stuttgart eilt der Ruf voraus, vorschnell die Abrissbirne anrücken zu lassen. Was nicht mehr gebraucht wird, wird platt gemacht. Ein Schicksal, das auch zum Teil den Gebäuden des ehemaligen Bürgerhospitals im Bezirk Nord widerfahren ist – aber eben nur zum Teil. Das sogenannte Bettenhaus, ein gut 100 Meter langer Gebäuderiegel, ist stehen geblieben und soll sich vom Sommer an mit neuem Leben füllen. Die Stuttgarter Wohnungs- und Städtebaugesellschaft (SWSG) hat sich auf das Abenteuer Umnutzung eingelassen und mehr als 130 Wohnungen eingebaut.
Altbau offenbart Überraschungen
„Es gab viele Überraschungen“, sagt der SWSG-Chef Samir M. Sidgi beim Rundgang durch das der Fertigstellung entgegengehende Gebäude. „Wir haben teilweise sehr unterschiedliche Bausubstanz vorgefunden“, umschreibt Projektleiter Frank Riethmüller das, was bei dem seit gut drei Jahre laufenden Umbau auf der Baustelle im Zwickel zwischen Wolfram- und Tunzhofer Straße Alltag war. An rund 2000 Stellen im Gebäude hatte man die Bausubstanz geöffnet, um sich ein Bild zu machen.
Wo einst Menschen ihrer Genesung entgegen sahen, soll bald gewohnt werden. Insgesamt sind 137 Wohnungen entstanden, ganz überwiegend Zwei-Zimmer-Wohnungen. Dafür wurden jeweils zwei ehemalige Krankenzimmer zusammengelegt und zur Wohnung umgebaut. Die langen Krankenhausflure, die von einem Ende des Gebäudes bis zum anderen reichen, sind durch Anbauten an die Wohnungen strukturiert worden, die als Vorsprünge in die Flure ragen. „Und wir schaffen damit natürlich auch mehr Platz in jeder Wohnung“, nennt Sidgi noch einen ganz handfesten Grund.
Sechsgruppige Kita zieht ein
An den jeweiligen Stirnseiten des Gebäudes sind die Wohnungen größer. Das Sahnehäubchen findet sich aber auf dem Dach. Ehemalige Besprechungsräume, die unter einem auffälligen, gewellten Dach liegen, sind zu drei Wohneinheiten zusammengefasst worden. Die davor liegenden Dachterrassen bieten einen spektakulären Blick über die Stadt. Sie sollen frei vermarktet werden, das Gros der darunter liegenden Wohnungen ist gefördert. Der Mietpreis pro Quadratmeter wird sich um neun Euro bewegen. Im Erdgeschoss und in der ersten Etage zieht ganz junges Leben ein. Dort entsteht eine sechsgruppige Kita.
Besondere Anforderungen an das Hochhaus
Weil das gut 28 Meter hohe Gebäude als Hochhaus durchgeht, musste nachträglich noch ein Feuerwehraufzug untergebracht werden. Nicht die einzige Herausforderung. Auch das Gewicht des Gebäudes durfte sich nicht erheblich erhöhen. Erst als man die Kacheln an der Fassade entfernt hatte, bekam man die nötige Beinfreiheit beim Umbau, sagt Riethmüller. Eine aufwendige Lösung musste auch für die Fußbodenheizung gefunden werden, damit die nicht zuviel von der Raumhöhe wegnimmt.
Spannend wird zu beobachten sein, wie sich der Verkehr rund um das Gebäude entwickelt, wenn von Sommer an die ersten Wohnungen bezogen werden. Eigene Stellplätze für Autos der neuen Bewohner gibt es nicht, dafür aber 275 Fahrradstellplätze in einer Tiefgarage mit separater Einfahrt. Zum öffentlichen Nahverkehr ist es nicht weit: an der Haltestelle Stadtbibliothek halten vier Stadtbahnlinien und eine Buslinie.
Für den Weiterbau fehlt der Bebauungsplan
Mit der Fertigstellung des Bettenhauses ist die Umwandlung des Areals in ein Wohnquartier aber noch nicht abgeschlossen. Zwischen dem bestehenden Gebäude und den Gleisen der Gäubahn sind fast alle bisherigen Krankenhausbauten abgerissen worden. Dort sollen in Neubauten nochmals 85 öffentlich geförderte Wohnungen entstehen. Entlang der Wolframstraße bekommen die Gebäude mit Personalwohnungen des Klinikums ein zusätzliches Stockwerk, an der Kreuzung Tunzhofer/Wolframstaße entsteht ein Neubau mit zwölf weiteren Appartements. Für den weiteren Bauabschnitt fehlt allerdings noch der Bebauungsplan – bei der SWSG hofft man auf das kommende Jahr.
Mit der Umgestaltung des bestehenden Bettenhauses hat die städtische Wohnbaugesellschaft dem Umbau den Vorzug vor dem Neubau gegeben. Eine Blaupause für die Zukunft? „So generell lässt sich das nicht sagen“, erklärt SWSG-Chef Sigdi. Die Entscheidung beim ehemaligen Bürgerhospital sei knapp zugunsten des Umbaus gefallen. Bisher habe seine Gesellschaft dieses Konzept eher in frei gewordenen Bürogebäuden umgesetzt. Auch wenn die Endabrechnung noch nicht vorliegt, zeichne sich aber bereits ab, dass die Umnutzung nicht zwingend billiger als ein Neubau sei.