Stadtwerke schlagen Alarm Verdoppeln sich die Gaspreise?

Feuer und Flamme dürften die wenigsten Verbraucher bei der Aussicht auf massiv steigende Preise fürs Erdgas sein. In Fellbach wird der fossile Brennstoff von drei Viertel aller Haushalte genutzt – ob nun in der Küche oder für den Heizkessel. Foto: dpa/Patrick Pleul

Der Krieg in der Ukraine lässt die ohnehin stark ansteigenden Tarife sprunghaft in die Höhe schnellen. Spätestens zum Jahreswechsel werden Energieversorger kräftig an der Gebührenschraube drehen.

Rems-Murr: Sascha Schmierer (sas)

Für die meisten Kunden der Fellbacher Stadtwerke wird sich beim Gaspreis in den nächsten Monaten wohl nichts ändern. Solange Russland nicht plötzlich den Hahn zudreht oder Europa mit einem Gas-Embargo auf den Ukraine-Krieg reagiert, bleiben die Tarife zumindest bis zum Jahreswechsel vertraglich fix. Doch die vom lokalen Energieversorger gewährte Preisgarantie läuft kurz nach Weihnachten aus, schon nächstes Jahr droht ein massiver Anstieg.

 

Mit welchen Sprüngen müssen die Verbraucher beim Gaspreis rechnen? In Euro und Cent lässt sich das aktuell noch nicht vorhersagen, verbindlich kalkuliert werden können die Tarife frühestens im Herbst. Dass sich der Ukraine-Krieg bei der Heizkostenabrechnung aber deutlich bemerkbar machen wird, gilt bei Energieversorgern aber als sichere Sache. „Wenn sich die Märkte so weiterentwickeln, gehe ich von einer Verdopplung der Preise aus“, sagt der Fellbacher Stadtwerke-Chef Gerhard Ammon. Aus seiner Sicht führt an deutlich erhöhten Tarifen kein Weg vorbei. „Selbst wenn der Ukraine-Krieg morgen vorbei wäre, könnten wir die aktuellen Preise beim Gas nicht halten“, ist der Energiemanager sicher.

Haben sich die Stadtwerke Fellbach nicht erst zum letzten Jahreswechsel einen Preisaufschlag gegönnt? Richtig, im Steigflug befanden sich die Gastarife schon Monate bevor Putin sein Nachbarland überfallen hat. Auslöser war im Herbst 2021 neben Naturkatastrophen in Förderländern wie den Hurrikans in den USA auch die mit der Konjunktur weltweit anziehende Nachfrage nach dem fossilen Brennstoff. In Deutschland reagierten die Energiebörsen außerdem auf den durch lange Heizperioden im kalten Frühjahr entstandenen Mehrverbrauch und die politisch gewollte CO2-Bepreisung. Dieser Trend hat sich fortgesetzt: Im Herbst 2020 kostete eine Megawattstunde Erdgas im Einkauf noch knapp 15 Euro, ein Jahr später waren es schon fast 150 Euro. In dieser Woche wurde eine Megawattstunde zeitweilig für 345 Euro gehandelt.

Wie lässt sich bei solchen Sprüngen überhaupt ein vernünftiger Preis kalkulieren? In Fellbach liegt der über die Stadtwerke gelieferte jährliche Gasverbrauch bei etwa 200 Millionen Kilowattstunden. Annähernd 70 Prozent kauft der Energieversorger mit langfristigen Beschaffungsverträgen, der Rest wird tagesaktuell an der Energiebörse beschafft. Das geht vor allem dann ins Geld, wenn wie im vergangenen Frühjahr durch späte Minusgrade noch nachbestellt werden muss. Zu viel bestellen kann das kommunale Unternehmen aber auch nicht – wieder zurück in die Leitung pumpen lässt sich nicht verbrauchtes Erdgas nicht, einen Speicherkessel haben die Stadtwerke nicht in Betrieb. Deshalb lebt der Energieversorger bei gut einem Viertel der Jahresmenge von der Hand in den Mund und orientiert sich am tatsächlichen Verbrauch. „Beim Strom lässt sich der Bedarf viel leichter kalkulieren als beim Gas“, sagt Stadtwerke-Manager Ammon.

Was passiert, wenn Russland tatsächlich den Gashahn abdrehen sollte? Dann ist aus Sicht des Energieversorgers guter Rat tatsächlich teuer. „Bei einem Lieferstopp wissen wir nicht, wie es weitergeht und wie die Politik reagiert“, sagt Ammon. Die lokalen Heizzentralen könnten auch auf Öl umgestellt werden, wenn es am Gas hapern sollte. Neben den privaten Haushalten wäre im Fall der Fälle auch Infrastruktur wie Feuerwachen und Krankenhäuser ganz oben auf der Prioritätenliste. Weniger schützenswert sind im Fall von höherer Gewalt etwa die Kunden aus der Industrie – weshalb die Stadtwerke aktuell auch Gewerbebetriebe anschreiben, um für den Fall der Fälle vorzuwarnen. In einer Fabrikhalle, so Gerhard Ammon, könne die Heizung schon auch heruntergedreht werden. „Unsere Branche geht sicher nicht leichtfertig mit der Frage um, ob Betriebe ihre Produktion drosseln müssen. Aber momentan sehe ich beim Gas absolut keinen Versorgungsengpass. Entscheidender wird der nächste Winter sein“, sagt er.

Was können Privatleute gegen den Preisschock tun? Die Stadtwerke empfehlen, alle Möglichkeiten zur Energieeinsparung zu nutzen: „Schon die Senkung der Zimmertemperatur von 22 auf 20 Grad hat ein Einsparpotenzial von 15 bis 20 Prozent“, sagt Gerhard Ammon. Reduzieren lässt sich auch die tägliche Heizdauer, bei der Wartung alter Heizkessel gilt unter Experten die Daumenregel, dass sich durch eine effizientere Verbrennung etwa sechs Prozent einsparen lassen. Wegen ausgebuchter Handwerker und aktuell oft langer Lieferzeiten schwierig sind die Solaranlagen fürs Warmwasser und die Wärmedämmung: „Das habe ich beim eigenen Haus gesehen, dass sich der Energieverbrauch dadurch um zwei Drittel reduzieren lässt“, sagt Ammon.

Lohnt sich der Blick auf die Angebote von Online-Vergleichsportalen? Ein Preisvergleich kann nie schaden, in der aktuellen Lage sind Schnäppchentarife aber nicht zu erwarten. Im Gegenteil: Seit Herbst 2021 haben die Stadtwerke Fellbach fast 500 neue Kunden gewonnen. Sie hatten auf vermeintliche Billigangebote aus dem Internet gesetzt, die letztlich deutlich teurer waren als der lokale Energieversorger.

Wie sieht es bei anderen Energieversorgern in der Region aus? Ähnlich wie in Fellbach ist eine exakte Prognose zur Entwicklung des Gaspreises auch für Daniel Beutel, den Geschäftsführer der Stadtwerke Schorndorf, nicht möglich. Deswegen habe man die Kunden auch noch nicht auf massive Preiserhöhungen vorbereitet. Aber: „Bei andauernd hohen Energiepreisen sind Preiserhöhungen auch bei uns nicht ausgeschlossen.“ Nach wie vor würden die Erdgasmengen zur Verfügung stehen, die für eine störungsfreie Versorgung aller Kunden benötigt würden. Allerdings könne niemand verlässlich sagen, wie lange die Krisensituation anhalte. Deswegen sei auch nicht ausgeschlossen, dass es zukünftig doch zu einem Engpass in der Gasversorgung komme. Auch Jochen Mulfinger, der Geschäftsführer der Stadtwerke Winnenden, kann noch keine Preise für das nächste Jahr beziffern. Eine Verdoppelung werde man hoffentlich abwenden können, sagt er. „Aber 50 bis 80 Prozent mehr werden es wohl schon sein.“ Der Ansturm neuer Kunden war zu Jahresbeginn groß.

Bei den Stadtwerken Esslingen wird betont, dass die Energietarife dank einer vorausschauenden Einkaufspolitik preislich unter dem aktuellen Marktniveau liegen. Allerdings hat der Versorger beim Gas für Bestandskunden in der Grund- und Ersatzversorgung die Tarife just zum 1. April um 1,53 Cent je Kilowattstunde angehoben. Wasser und Ökostrom stiegen bereits zum Jahreswechsel. „Grundsätzlich empfehlen wir Kundinnen und Kunden, ihre monatlichen Abschlagszahlungen zu erhöhen, um höhere Nachzahlungen zu vermeiden“, heißt es. Die aktuelle Situation zeige abermals, wie wichtig es sei, die erneuerbaren Energien weiter auszubauen und auf effiziente Energienutzung zu setzen.

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