Städte bei Social Media Hinter jeder Ecke lauert der Shitstorm

Von Artur Lebedew 

Die Stadt Herrenberg folgte dem Beispiel anderer Kommunen und ist bei Instagram. Kommt durch die Sozialen Medien ein neuer Bürgerdialog?

Die Nummer eins im Kreis: Nicolai Reith von der Stadt Herrenberg zeigt den neuen Instagram-Auftritt der Stadt. Foto: factum/Simon Granville
Die Nummer eins im Kreis: Nicolai Reith von der Stadt Herrenberg zeigt den neuen Instagram-Auftritt der Stadt. Foto: factum/Simon Granville

Herrenberg - Jeden Donnerstag wird es im Netz nostalgisch. Unter #throwbackthursday erinnert die Internetgemeinde an Vergessenes und Vergangenes. „Die S-Bahn verkehrt in der #Gäustadt seit Dezember 1992, überraschend jung“, postete die Stadt Herrenberg vor wenigen Tagen auf ihrem neuen Instagram-Account. Dazu stellte sie ein vergilbtes Bild von einem Kran, der Gleise durch die Luft hievt. 31 Herzen gibt es dafür von den Followern. Und einen Kommentar: „Überraschend war dann auch, dass der Zuschuß für die Schülerfahrkarte gestrichen wurde“, schreibt der Nutzer „kehrwoch“. Darauf: keine Reaktion.

Immer mehr Städte und Verwaltungen suchen den Kontakt mit Menschen im Netz: bei Facebook, Twitter, Youtube und Co. Neuerdings auch auf der beliebten Fotoplattform Instagram mit ihren allein in Deutschland 15 Millionen Nutzern. Dort ist alles hübsch und hip. Doch stehen soziale Medien auch für eine neue Form der Bürgernähe?

Social Media als Enabler von Dialog

Auf dem Instagram-Auftritt der Stadt Herrenberg sieht man herausgeputzte Fachwerkhäuser, lachende Menschen. „In der Stadt wird häufig nur vom Verkehr oder Baustellen gesprochen. Wir liefern einen Gegenentwurf, auch weil viele sehr gerne hier leben“, sagt Nicolai Reith, der Leiter der städtischen Kommunikationsabteilung. Einmal in der Woche erstellen er und seine Kollegen im Rathaus einen Lageplan für alle Themen und Kommunikationskanäle, darunter auch Posts für ­soziale Medien. Bilder mit Kurzinfos für Jüngere bei Instagram, Ankündigungen und Berichte für deren Eltern und Großeltern bei Facebook.

„Eine Kommune, die nicht in den sozialen Medien aktiv ist, wird auf lange Sicht nicht ernst genommen“, sagt Harald Eichsteller, Professor für Kommunikation an der Stuttgarter Hochschule der Medien. Für ihn ist die Online-Präsenz mehr als eine Visitenkarte. Sie prägt das Image einer Stadt und die Erwartungen, die Bürger an sie herantragen – sei es als Empfänger einer Dienstleistung oder als Bewerber für einen Job. „Soziale Medien ermöglichen eine Identifikation mit der Stadt.“ Eichsteller nennt sie „Enabler“, „Möglichmacher“, also so etwas wie Werkzeuge für einen Dialog.

Auf dem Herrenberger Instagram-Portal kommt das harmlos daher. Mal informiert die Stadt über den Markttag. In einem anderen lächelt ein gut aufgelegter Gärtner mit einer Gartenschere. „Wir suchen ab sofort Verstärkung für unser stolzes Team!“, steht neben dem Bild. Zumindest das Jobmarketing scheint sich auszuzahlen. „Wir hatten deutlich mehr Bewerbungen als bei rein klassischen Kampagnen“, sagt Reith. Womit das zusammenhängt, ist schwer zu ermitteln. Kommunikationsexperte Eichsteller vermutet, dass durch die Bilder ein positives Image transportiert wird.

Menschen informieren, die keine Zeitung lesen

Andere Städte in der Region setzen ebenfalls darauf, die meisten mit mäßigem Erfolg. Manche wie Göppingen oder Kirchheim am Teck verbuchen dagegen vierstellige Followerzahlen. Auch dort mischen sich schöne Bilder mit Infohäppchen. Dazwischen tummelt sich Politisches. Das wirkt jedoch so, als sei es heimlich hineingeschmuggelt. In Ludwigsburg versuchte die Stadt die Bürger über neue Schnellbusse zu informieren und postete bunte Grafiken mit Erklärungen. Von der Online-Gemeinde gab es dafür eher Hohn. „Wird Zeit, damit dieser Schwachsinn endlich beerdigt wird“, schrieb ein Nutzer.

Ziel ist, Menschen, die klassische Medien wie Zeitungen oder Radio nicht verfolgen, mit sozialen Plattformen anzusprechen, heißt es in Ludwigsburg. „Wir probieren gerade aus, welche Mittel dafür geeignet sein können“, sagt Clemens Flach von der städtischen Kommunikationsabteilung. Auf Facebook postet die Stadt regelmäßig auch trockenere Themen wie neue Bauprojekte oder den Haushaltsentwurf. Meistens ziehen verärgerte Kommentare geräuschlos vorüber. Konstruktive Diskussionen entstehen aber auch selten.

Oftmals nur Gegner, die diskutieren

„Informationen sind gut, aber hinter jeder Ecke lauert der Shitstorm“, sagt der Kommunikationsexperte Eichsteller. Bei kontroversen Themen könne man nur selten mit allen Nutzern gleichermaßen diskutieren: „Oftmals sind es mehr die Gegner, die sich zu Wort melden.“

In Herrenberg sieht man das ähnlich. Auch dort versucht die Stadt Bürger zwar über kritische Themen auf Facebook zu informieren. Für eine Beteiligung setzt sie aber doch auf klassische Infoabende. Das soll auch so bleiben. Etwa 3447 Facebook-Follower hat die Stadt mit ihrer Strategie erreicht, 977 sind es nach einigen Wochen bei Instagram. Im Landkreis Böblingen sind sie damit die Nummer eins. „Unser nächstes Ziel ist ein Podiumsplatz im Land“, sagt Reith. Dort thront die Landeshauptstadt mit ihrer knapp 20 000 Personen großen Community.