Um die Zukunft der Gleisflächen in der Stuttgarter Innenstadt wird hart gerungen. Einige halten deren Bebauung für eine „Jahrhundertchance“ für die Stadtentwicklung, andere warnen vor aus ihrer Sicht unkalkulierbaren Risiken, die sich aus einer Bebauung fürs Stadtklima ergeben.
Seit Juli 2019 gibt das Ergebnis eines städtebaulichen Wettbewerbs eine ungefähre Ahnung davon, was aus den gut 100 Hektar heutigen Eisenbahnflächen einmal entstehen könnte. Ein breites Bündnis im Gemeinderat aus CDU, SPD, FDP und Freien Wählern meldet nun aber überraschend neuen Gesprächsbedarf an – und verweist auf geänderte Rahmenbedingungen.
Abnehmende Zahl an Wohnungen
An mehreren Punkten wollen die Antragsteller nochmals ansetzen. Ihnen ist die nun anvisierte Zahl der Wohnungen ein Dorn im Auge, die auf dem Areal entstehen soll und die, „auf den Rosensteinflächen kontinuierlich kleiner“ geworden sei – weil mehr Flächen „für Kitas, Schulen, Grünflächen oder leider auch für Eidechsen“ benötigt würden. Tatsächlich sind schon seit der Baugenehmigung für den Tiefbahnhof aus dem Jahr 2005 sogenannte Ausgleichsflächen vorgesehen, auf denen sich seltenes Getier tummeln und Gewächs gedeihen kann.
Vor diesem Hintergrund hinterfragen die Stadträte auch die Sinnhaftigkeit und Ausdehnung des sogenannten Gleisbogenparks. Dieser Grünstreifen soll sich dort durch das Plangebiet ziehen, wo heute noch Züge auf einem hohen und entsprechend trennenden Damm unterwegs sind. Der Gleisbogenpark sei „immer wieder Teil einer Diskussion, zuletzt angestoßen vom IBA-Intendanten Andreas Hofer“, berufen sich die Stadträte auf die prominente Stimme des Chefs der Internationalen Bauausstellung (IBA) 2027. Angesichts des Parks in Dammlage stelle sich die Frage „ob die neuen Rosensteinquartiere wirklich mit dem Bestand im Nordbahnhofviertel zusammenwachsen oder ob die Parkerweiterung eine gefühlte Insellage der neuen Wohnquartiere zur Folge hat“.
Mehr Hochhäuser nötig?
Dass die ursprünglich geplanten Hochhäuser stadtklimatologischen Bedenken zum Opfer gefallen sind, hinterfragt das Bündnis im Gemeinderat auch. Der Verzicht auf das Bauen in die Höhe halte man „für architektonisch falsch“ sowie „im Zusammenhang mit dem großen Wohnungsmangel für nicht zu rechtfertigen“.
Zudem stoßen sich die Initianten daran, dass der Siegerentwurf in einem weiteren Bereich „im Auftrag der Stadtverwaltung deutlich verändert“ worden sei. Dabei geht es um den heutigen Höhenunterschied zwischen den Gleisflächen und dem unteren Schlossgarten. Anders als der Siegerentwurf, der dort „eine flach vom Schlossgarten ansteigende Geländekontur“ vorsah, sei nun unter Verweis auf den Aufwand für den Erdaushub „eine recht steile Geländeabbruchkante“ vorgesehen. Eine Kritik, die etwa auch der Stuttgarter Verschönerungsverein in seiner Stellungnahme zur weiteren Planung für das Rosensteinquartier betont hat.
Entscheidung von großer Tragweite
Die Antragsteller von CDU, SPD, FDP und Freien Wählern verweisen auf die Tragweite der nun anstehenden Entscheidungen im Rat. Mit der Weichenstellung für das Rosensteinviertel trage der Gemeinderat, aber auch die Stadtverwaltung „Verantwortung für die Gestaltung ganzer neuer Stadtteile für die nächsten 100 Jahre“. Man wolle deshalb darüber diskutieren, ob die mehr als ein Jahrzehnt alte Zielmarke zur Parkerweiterung durch den Gleisbogenpark noch in die heutige Zeit passe oder ob nicht mehr Wohnraum geschaffen werden müsse. Zudem solle wissenschaftlich geklärt werden, ob die avisierte Zahl an neuen Einwohnern ausreicht, damit Handel und Dienstleistungen in den neuen Quartieren funktionierten.