Neu sind sie nicht. Viele Städtepartnerschaften bestehen schon seit Jahrzehnten. Lange ging es vor allem darum, Schüler-Austausche zu organisieren, sich zu offiziellen Anlässen gegenseitig zu besuchen oder an traditionellen Festen des jeweils anderen teilzunehmen. Doch das ändert sich. Neben den persönlichen Kontakten wird der fachliche Austausch immer wichtiger. Und mit Blick auf die vielen Krisen in der Welt gerät die Städtepartnerschaft oft immer mehr zur Städtediplomatie – während gleichzeitig steigende Reisekosten und schwindende Budgets in vielen Kommunen den persönlichen Kontakt erschweren.
In Esslingen will man die Städtepartnerschaften deshalb neu ausrichten. So soll bei Besuchen in oder von Partnerstädten künftig darauf geachtet werden, dass auch fachliche Themen im Programm vorgesehen sind, um einen Austausch zwischen den Verwaltungen, aber auch zwischen Vereinen, Institutionen oder bestimmten Gruppierungen anzustoßen. Der jüngste Besuch in der amerikanischen Partnerstadt Sheboygan an der Westküste des Michigan-Sees in Wisconsin etwa habe unter dem Motto Klimaschutz gestanden, berichtet Katrin Radtke, Leiterin der Abteilung Städtepartnerschaften und internationale Beziehungen im Esslinger Rathaus.
Stadt will Beitrag zum friedlichen Miteinander leisten
Darüber hinaus sehe man sich unter dem Stichwort Städtediplomatie immer mehr in der Pflicht, einen Beitrag zum friedlichen Miteinander zu leisten, so Radtke. Das zeigt sich unter anderem in der neuen Solidaritätspartnerschaft mit der ukrainischen Stadt Kamianets-Podilskyi. Der Gemeinderat hatte die Verwaltung Anfang des vergangenen Jahres damit beauftragt, die Kontakte zu intensivieren. Bereits im April war eine Esslinger Delegation in die Ukraine gereist, schon im Sommer erfolgte der Gegenbesuch .
Inzwischen gab es Hilfslieferungen für Feuerwehr und Klinikum in Kamianets-Podilskyi sowie einen Generator für die dortige Kunstschule. Es wurde ein Angebot zur Traumabewältigung für Kinder und Jugendliche eingerichtet und es fanden erste Gespräche zur Zusammenarbeit in den Bereichen Wirtschaftsförderung und Hochschulen statt. Die Solidaritätspartnerschaft schreite also gut voran, findet Radtke. Allerdings: „Das nimmt viel Zeit in Anspruch. Ich bin teils täglich in Kontakt mit den ukrainischen Kolleginnen und Kollegen“, sagt sie. Zudem könne sich die Lage vor Ort jeden Moment ändern, sodass sich auch der Bedarf verändern könnte. Hier gelte es, spontan zu handeln und Mittel und Wege für die weitere Unterstützung zu finden.
Auch in anderen Partnerstädten habe sie teils mit Herausforderungen zu kämpfen, sagt Radtke. „In unseren Partnerstädten gibt es teilweise kein Personal oder keine Mittel mehr für Städtepartnerschaften“, berichtet sie. Das italienische Udine etwa habe zwar großes Interesse, aber derzeit keine Kapazitäten für klassische Begegnungsformate. Manchmal gerate der Austausch auch aus anderen Gründen ins Stocken. So lasse etwa die politische Situation in Belarus offizielle Kontakte zur Partnerstadt Molodetschno nicht zu, die Kontaktaufnahme mit dem ungarischen Eger gestalte sich schwierig und das niederländische Schiedam führe offiziell keine Städtepartnerschaften mehr. Hier gelte es, dennoch weiter den Kontakt zu suchen.
Eine weitere Hürde stellen laut Radtke die zuletzt deutlich gestiegenen Reisekosten dar. Und auch in den Partnerstädten selbst entstünden höhere Kosten – unter anderem, weil inzwischen öfter ein Hotel als Unterkunft gewählt werde statt eine Gastfamilie wie früher üblich. Deshalb hat die Stadt ihre Förderrichtlinien überarbeitet. So fallen einige Zuschüsse – etwa für die Unterbringung von Gästen zu Hause – zugunsten eines Fahrtkostenzuschusses weg.
Stadträte betonen Bedeutung von Städtepartnerschaften
Bei den Stadträten stieß die Neukonzeption der Städtepartnerschaften in der jüngsten Sitzung des Verwaltungsausschusses auf große Zustimmung. Diese sei richtig und notwendig, so der Tenor – schließlich sei der freundschaftliche Austausch von Kommunen unterschiedlicher Länder heute essenziell, waren sich alle einig. „Gerade in der heutigen Zeit, in der überall in Europa radikale extremistische Kräfte auf dem Vormarsch sind, halten wir Städtepartnerschaften für enorm wichtig“, fasste Carmen Tittel, Fraktionsvorsitzende der Grünen, die Stimmung in dem Gremium zusammen. Während von FDP und Freien Wählern häufigere und konkretere Informationen über die Städtepartnerschaften gefordert wurden, betonte Oberbürgermeister Matthias Klopfer, dass die internationalen Freundschaften nicht nur von der Verwaltung gepflegt werden könnten. „Es muss das Ziel sein, dass sich ganz viele engagieren“, sagte er. In der Gemeinderatsklausur im Herbst werde man nochmal über ein längerfristiges Konzept für die Städtepartnerschaften diskutieren.
Internationale Freundschaften mit zwölf Städten
Partnerschaften
Esslingen hat elf Städtepartnerschaften und eine Solidaritätspartnerschaft abgeschlossen. Die Partnerstädte sind Coimbatore in Indien, Eger in Ungarn, Molodetschno in Belarus, Neath in Großbritannien, Norrköping in Schweden, Piotrków Tribunalski in Polen, Schiedam in den Niederlanden, Sheboygan in den USA, Udine in Italien, Velenje in Slowenien und Vienne in Frankreich. Mit der ukrainischen Stadt Kamianets-Podilskyi pflegt Esslingen seit 2023 eine Solidaritätspartnerschaft.
Budget
Rund 160 000 Euro stehen laut Stadtverwaltung in diesem Jahr für Projekte im Rahmen der Städtepartnerschaften, für internationale Kooperationen und Europaarbeit zur Verfügung. In dem Budget enthalten seien unter anderem 5000 Euro für Zuschüsse an Vereine, Schulen und Organisationen für die Pflege von Städtepartnerschaften sowie 50 000 Euro für die Solidaritätspartnerschaft mit Kamianets-Podilskyi.