Städtisches Kleinod in Böblingen Fünf Häuschen zwischen Wohnen und Leben

Kleinod mitten in der Stadt: die kleine Siedlung zwischen Tübinger Straße und Stadtgarten. Das linke Haus steht schon lange leer. Foto: Eibner-Pressefoto/Dimi Drofitsch

Die Siedlungshäuser entlang der Tübinger Straße erinnern an ein Stück Böblingen aus den Zwanzigerjahren. Sie stehen an sensibler Stelle und zeigen, wie schwierig manchmal Stadtentwicklung sein kann.

Der Giebel präsentiert sich mit rustikalen Schindeln, das Erdgeschoss zeigt Bauch, Richtung Dach wird’s steil und spitz, und wer genau hinschaut, weiß, dass dieses Bürgerhäuschen schon bessere Zeiten erlebt hat. Verbarrikadierte Fenster und eine vom Wetter gezeichnet Fassade zeugen davon, dass hier schon lange niemand mehr lebt. Warum bloß?, fragen sich Zeitgenossen.

 

Hier hat Böblingen einmal begonnen

Das Bürgerhäuschen steht an der Tübinger Straße und es steht dort nicht alleine. Vier weitere Gebäude haben sich vor rund einhundert Jahren drumherumgesellt – allesamt Zeugen einer längst vergangenen Zeit. Zusammen mit den Ziegelhäusern gegenüber hat dieses Ensemble einmal den südlichen Stadteingang markiert. Umgeben von Wiesen, der Obere See nur wenige Meter entfernt, ließ es sich hier gut wohnen.

Heute ist es dort nicht mehr ganz so gemütlich. Die Tübinger Straße wurde vom schmalen Verbindungsweg Richtung Schönbuchlichtung zur viel befahrenen Einfallstraße, Böblingen endet nun viele hundert Meter später und die Nachbarschaft besteht aus Hochhäusern, dem Landratsamt und der Kongresshalle. Die stürmische Nachkriegsentwicklung machte aus dem Städtchen längst eine Stadt.

Die Häuschen befinden sich in der Klemme

Diese Entwicklung verdeutlicht auch ein Gebäude, das sich vor vielen Jahren zwischen die alten Häuschen und das Seeufer gedrängt hat: die ehemalige TÜV-Halle. Als in den 1990er Jahren das Gelände zwischen dem Elbenplatz und dem Baumoval zum Stadtgarten umgebaut wurde, erhielt dieser Bau, in dem früher Autos geprüft worden sind, eine neue Aufgabe: Die Halle wurde zum Veranstaltungsgebäude.

In der Klemme zwischen Straßenlärm und Kulturgeräuschen

Seither befinden sich die fünf Siedlungshäuschen in der Klemme: Auf der einen Seite Lärm von der Straße, auf der anderen Seite Krach, wenn Böblingen in der Halle Kultur macht oder es sich im angrenzenden Biergarten gut gehen lässt. Keine optimalen Bedingungen, denn vier der fünf Häuser sind noch bewohnt und werden es wohl noch eine Weile bleiben, denn einige davon befinden sich im Privatbesitz.

Vor dem Abrissbagger gerettet

Nicht so das leer stehende Haus. Das gehört seit vielen Jahren der Stadt und stand in den Nullerjahren bereit zum Abriss, erinnert sich Baubürgermeisterin Christine Kraayvanger. Nur ein Umdenken in der Verwaltung hat das Bürgerhäuschen wohl vor dem Ende bewahrt. Denn den Bagger ranlassen und damit den Beginn des Endes des ehemaligen Stadteingangs einzuläuten, wäre das Einfachste gewesen. Aber alles wegmachen, was alt und im Weg ist, sei nicht mehr die Haltung im Rathaus, betont Christine Kraayvanger.

„Wir wollen die Charakteristik an diese Stelle erhalten“, ergänzt Dietmar Weber vom Stadtplanungsamt. Der lobt den „schönen langen Schwung“, den seine Vor-Vor-Vorgänger damals mit diesen Gebäuden städtebaulich geschaffen haben. „Das hübsche Häuschen würde fehlen“, sagt er. „Wir ringen um jedes Zeitzeugnis“, bekräftigt Christine Kraayvanger. Erhalten, was daraus machen, wenn es sich lohnt, heißt die Devise.

Wohnen und leben nur wenige Meter voneinander entfernt

Diese Haltung schafft jedoch auch Probleme. Nutzungskonflikte lautet das Wort, das die Städteplaner nicht nur in Böblingen umtreibt. Denn längst kollidieren die Ansprüche einer modernen Stadt mit den Nutzungen aus vergangenen Zeiten. Der eine möchte wohnen, die andere leben – oft nur wenige Meter voneinander entfernt.

Dass das mitunter nicht funktioniert, musste auch die Nachbarstadt Sindelfingen schon schmerzvoll erfahren: „Sindelfingen rockt“, die Ferien-Musik-Sause unter freiem Himmel, haben einige wenige ruhebedürftige Anwohner einst vom Marktplatz erfolgreich juristisch wegbefördert. Ein ähnliches Schicksal ist auch dem Böblinger Marktplatz beschieden: Nix los auf dem Areal außer Ärger mit den Anwohnern, wenn’s zu laut wird. Die Liste kann in Böblingen beliebig fortgesetzt werden. Flugfeld, Poststraße, Unterstadt – überall, wo sich Stadtleben und Wohnansprüche nahe kommen, sind die Konflikte nicht weit.

Wie sieht die Zukunft dieses kleinen Quartiers aus?

Einfacher haben es sich die Stadtplaner im vorigen Jahrhundert gemacht, indem sie wohnen, leben und arbeiten getrennt haben. Das Ergebnis waren Schlafsiedlungen am Rande der Stadt wie der Rauhe Kapf – Viertel, die heute unter einem gewissen Gefühl des Abgehängtseins leiden.

Die einfachste Lösung ist nicht immer die beste

Das möchte man mittlerweile vermeiden. Dass dies Probleme schafft, machen die fünf Häuschen an der Tübinger Straße beispielhaft deutlich. Irgendwann einmal abreißen und den Stadtgarten bis an die Straße ranführen, wäre vermutlich die einfachste Variante. „Aber wir wollen auch hier nicht alles platt machen, um das nahe liegende Ziel zu erreichen“, betont Christine Kraayvanger. Bleibt die schwierigere Variante: Wie sieht die Zukunft dieses kleinen Quartiers aus? Könnten vielleicht einmal eine Kita und Senioren, die hier tagsüber betreut werden, die kleinen Häuschen bevölkern und so den Konflikt von täglicher Nutzung und abendlichem Lärm lösen? Achselzucken an der Spitze des Baureferats. „Wir sind hier noch ganz am Anfang. Sowohl der Zeitrahmen als auch die zukünftige Nutzung stehen noch nicht fest“, sagt Christine Kraayvanger.

Das verrammelte Bürgerhäuschen wird sein trauriges Dasein also noch eine ganze Weile weiter fristen, obwohl der Wohnraum in der Stadt knapp ist. Immerhin: Der Verfall dieses Kleinods soll verhindert werden, verspricht die Baubürgermeisterin.

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