Städtisches Weingut 5500 Stunden pro Jahr in den Steillagen

Wollen trotz roter Zahlen am eigenen Wein  der Stadt Stuttgart festhalten: Weingut-Leiter Bernhard Nanz (r.) und Udo Leins, einer der ehrenamtlichen Helfer. Foto: Ines Rudel
Wollen trotz roter Zahlen am eigenen Wein der Stadt Stuttgart festhalten: Weingut-Leiter Bernhard Nanz (r.) und Udo Leins, einer der ehrenamtlichen Helfer. Foto: Ines Rudel

Stuttgart ist eine der letzten Großstädte in Deutschland, die sich noch ein eigenes Weingut leistet. Rentabel ist die Einrichtung nicht, die Stadt muss ihren eigenen Wein teuer bezahlen. Eine Spurensuche.

Leben: Nina Ayerle (nay)
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Stuttgart - Die nahezu exklusive Stuttgarter Lage „Mönchhalde“ – unter Immobilienmaklern gelten die Flächen immerhin als 1B-Lage – der städtischen Weinanlagen reicht von der Kernanlage zwischen Birkenwald- und Mönchhaldenstraße auf dem Kriegsberg über den Hasenberg und die Karlshöhe bis hin zur Neuen Weinsteige. Rund elf Hektar Rebfläche mit Rotwein und sechs Hektar mit Weißwein bewirtschaftet das Weingut der Stadt. Die historischen Innenstadtweinberge gelten längst als Kulturgut mit besonderem Flair.

Der Weinbau gehört zu Stuttgart wie Bosch, Porsche und Daimler. Das warme Klima im Talkessel und die hohe Sonneneinstrahlung auf den Hanglagen schaffen in der Stuttgarter Innenstadt ideale Bedingungen, seit dem 11. Jahrhundert wird dort angebaut. Seit 65 Jahren sind die Flächen im Besitz der Stadt. Anbau, Ausbau und Verkauf der Weine betreibt die Landeshauptstadt in Eigenregie. Neben Frankfurt am Main ist Stuttgart eine der wenigen verbliebenen deutschen Großstädte, die sich noch ein eigenes Weingut leisten.

Städtisches Weingut ist alles andere als rentabel

Ein rentables Objekt ist der städtische Weinbaubetrieb dabei nicht. Seit Langem schreibt er rote Zahlen und musste in der Vergangenheit jährlich mit bis zu 450 000 Euro bezuschusst werden, um am Ende überhaupt auf eine schwarze Null zu kommen. Und das obwohl die Tropfen vom Weingut bei zahlreichen Wettbewerben immer wieder ganz vorne dabei sind.

Auch dieses Jahr waren die städtischen Weine erfolgreich. Gleich drei Auszeichnungen erhielt die 2011 Villa Gemmingen Rotwein-Cuvée. Beim internationalen Wettbewerb Mundus vini errang die Abfüllung mit 87 Punkten Silber. Beim Genussmagazin „Selection“ reichten 85 Punkte für drei Sterne und das Online-Weinmagazin www.bonvinitas.com vergab 88 Punkte.

Ohne Ehrenamtliche würde das Weingut nicht existieren

Trotz all der Preise ist seit Jahrzehnten eine Diskussion im Gange, ob die Flächen nicht verkauft werden sollen. Weingut-Leiter Bernhard Nanz kann dieses Thema nicht mehr hören. Der 63-Jährige führt die städtischen Rebflächen seit Jahrzehnten mit Herzblut – auch wenn die Mitarbeiter um ihn herum immer mehr den Sparmaßnahmen zum Opfer gefallen sind. Gerade einmal fünf Personen umfasst das Team noch. Für Bernhard Nanz ist das Weingut der Stadt Stuttgart ein Kulturgut, das die Stadt unbedingt erhalten muss.

„Die Bürger lieben ihr Weingut“, glaubt er. Rund 30 ehrenamtliche Helfer und Paten unterstützen ihn bei der Pflege der Flächen, mehr als 30 weitere Ehrenamtliche helfen bei der Lese. „Das sind an die 5500 Stunden im Jahr“, sagt Nanz. Ohne die Freiwilligen könnte er das Bewirtschaften der städtischen Reblagen schon längst nicht mehr bewerkstelligen.

Diskussion um Weingut vorerst vom Tisch

Im vergangenen Jahr hat der Stuttgarter Gemeinderat nun ein neues Betriebskonzept abgesegnet, mit dem das städtische Weingut gerettet werden soll. Inwieweit dies funktioniert, ist aber bisher nicht absehbar. „Gerade im Weinbau ist die Umsetzung von Betriebskosten nicht kurzfristig messbar“, sagt Stuttgarts Erster Bürgermeister Michael Föll dazu. Ob sich das Konzept betriebswirtschaftlich auszahle, müsse nun erst abgewartet werden, sagt er. Die Diskussion, ob die Stadt das Weingut behält, sei damit vorerst vom Tisch. Der Gemeinderat habe sich für das Konzept entschieden, eine erneute Grundsatzdebatte hält Föll daher derzeit für unnötig. „Wir werden den Prozess begleiten und schauen, was passiert“, ergänzt er. Die Diskussion sei damit nicht beendet. Sukzessive Fortschritte seien aber durchaus erkennbar. „Auch die Preise sprechen dafür, dass das Weingut Fortschritte macht“, sagt er. Zudem habe das Weingut im Jahr 2012 ein Defizit von rund 200 000 Euro gehabt, im Jahr 2013 nur noch rund 180 000 Euro. Für das Jahr 2014/2015 rechnet Föll mit einem Defizit von rund 150 000 Euro.

Steillagen sind schwer zu bewirtschaften

Auch Michael Föll sieht die Notwendigkeit, die städtischen Weinflächen zu erhalten. „Gerade die Innenstadtlagen sind eine Besonderheit“, sagt der Bürgermeister. Das sei in der Form tatsächlich in keiner anderen Großstadt zu finden. Problematisch seien eben dennoch die Terrassen- und Steillagen, die extrem schwer zu bewirtschaften sind. „Das muss alles manuell gemacht werden, Maschinen können kaum eingesetzt werden“, sagt der Kämmerer.

Auch Sommelier Bernd Kreis von der gleichnamigen Stuttgarter Weinhandlung hält genau dies für problematisch. Die Terrassenlage sei zwar sehr schön, aber sie verursache natürlich einen hohen Arbeitsaufwand, der sich in den Preisen der Weine niederschlagen müsse. „Das Weingut ist damit Fluch und Segen zugleich“, findet er. Auch durch die Verteilung der Flächen über das ganze Stadtgebiet gehe viel Arbeitszeit verloren. „Wirtschaftlicher wäre es natürlich, das Ganze zu zerschlagen“, sagt er. Andererseits sieht auch er die historische und städtebauliche Bedeutsamkeit der städtischen Rebflächen. „Das macht den Charme von Stuttgart aus“, findet er. Allein deshalb seien die Flächen aus seiner Sicht absolut erhaltenswert. Und fügt hinzu: „Ich finde es toll, dass eine Stadt ihre eigene Weinproduktion hat.“

Kreis ist zudem überzeugt, dass ein privates Unternehmen diesen Aufwand überhaupt nicht stemmen könnte. „Ich wüsste jetzt nicht, wer das sein könnte“, gibt er zu. Damit bleibe der Stadt wohl auch nichts anderes übrig, als das Weingut so weiterzuführen wie bisher. Ohne Zuschuss – also weiterhin keine schwarzen Zahlen für rote Weine aus städtischer Produktion.




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