Der Imagefilm zeigt Luftaufnahmen von Windrädern, die im Sonnenaufgang hinter grünen Weinbergen hervorragen. Aus der Vogelperspektive fällt der Blick auf einen riesigen Solarpark, eingebettet in eine idyllische Hügellandschaft. Zwischen den Solarpaneelen grasen Schafe, Kräne hieven containergroße Batteriespeicher durch die Luft. Der Energie-Riese EnBW präsentiert sich an diesem Dienstagmorgen vor seinen Aktionären als Wegbereiter der Energiewende. Doch das Idealbild vom grünen Musterenergieversorger wird auf der Hauptversammlung kritisch hinterfragt.
„Wir sind auf allen Stufen der Wertschöpfungskette vertreten und verstehen jeden Schritt – von der Erzeugung über die Netze bis zu den Kunden“, betont Vorstandschef Georg Stamatelopoulos. Unter seiner Führung, das bekennt er, soll die EnBW das „mittlerweile einzige integrierte Energieunternehmen“ Deutschlands bleiben.
Neustart geht Aktionären nicht schnell genug
Vorstand und Aufsichtsrat haben das Live-Studio in der Stuttgarter EnBW-City bezogen und übertragen von dort virtuell die Hauptversammlung. Alle Augen sind auf den neuen Chef gerichtet, der erst vor einem Monat – nach dem überraschenden Abgang Andreas Schells wegen Meinungsverschiedenheiten mit dem Aufsichtsrat über die Unternehmensstrategie – an die Konzernspitze gerückt war.
Exakt 32 Minuten dauert seine erste Rede bei einer EnBW-Hauptversammlung. Die zentrale Botschaft: „Unser Kurs bleibt im Grundsatz bestehen.“ Für einige Aktionäre klingt das nach zu wenig Aufbruch. Ebenfalls für Missfallen sorgt, dass sich der Manager für die dringend erwartete Zukunftsstrategie, an der sein Vorgänger scheiterte, noch mehrere Monate Zeit nehmen will. Der Neustart gehe nicht schnell genug vonstatten, bemängelt zum Beispiel Harald Klein, der sich per Investorenportal zu Wort meldet und für die Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) spricht.
Aktionäre prangern Preiserhöhungen an
Seiner Frage, auf welcher Stufe der Strategieprozess auf einer Skala von null bis zehn derzeit stehe, weicht der EnBW-Boss aus. Man wolle sich der neuen Strategie „in der gebotenen Sorgfalt und Tiefe“widmen. Immerhin stellt der 54-Jährige in Aussicht, dass den Gremien um den Aufsichtsrat im „Laufe des Jahres“ ein Ergebnis vorliegen werde.
Andere Aktionäre prangern die Preiserhöhungen der EnBW an, welche viele Kunden derzeit belasten – während der Versorger Milliardengewinne einfährt. „Sie sind ein Profiteur der Energiekrise“, sagt der für seine kritischen Wortmeldungen bekannte Karlsruher Aktionär Harry Block. „Werden da nicht die treuen Kunden für dumm verkauft?“, fragt der gemeinhin als Hauptversammlungsschreck bekannte Aktionär Matthias Gaebler mit Blick auf die „unangemessene letzte Strompreiserhöhung“.
Mehr als sechs Millionen Euro Abfindung für Ex-EnBW-Chef
Stamatelopoulos rechtfertigt die Preispolitik als „unausweichlich“. Als Grund nennt das Unternehmen hauptsächlich den Wegfall des Zuschusses des Bundes bei den Netzentgelten und die langfristige Beschaffungsstrategie.
Was ebenfalls durch Fragen der Aktionäre ans Tageslicht kommt: Die Höhe der Abfindung für den ausgeschiedenen EnBW-Vorstandsvorsitzenden Andreas Schell. Diese belaufe sich auf rund 6,42 Millionen Euro, wie der Aufsichtsratsvorsitzende Lutz Feldmann berichtet. Schell hatte den Chefposten im November 2022 angetreten – mit einer Vertragslaufzeit von eigentlich drei Jahren. Zum Ablauf 8. März 2024 endete die Amtszeit.
Aktionärslob für glänzende Zahlen
Breites Aktionärslob gibt es dagegen für die glänzenden Geschäftszahlen: Im vergangenen Jahr konnte der Energieversorger das operative Ergebnis um 60 Prozent steigern, auf 6,4 Milliarden Euro, den Konzernüberschuss fast verdoppeln. Stamatelopoulos verteidigt die hohen Überschüsse, „denn unsere Gewinne ermöglichen unsere Investitionen und diese dienen der Energiewende“.
So werde das Unternehmen bis 2030 rund 40 Milliarden Euro in die Energiewende investieren, rund 90 Prozent davon in Deutschland. „Das ist das größte Investitionsprogramm der Unternehmensgeschichte“, sagt Stamatelopoulos. Das Unternehmen wolle künftig noch stärker als bisher auf erneuerbare Energien setzen.
Dank des Ausbaus bei Windkraft und Photovoltaik machen erneuerbare Energien demnach inzwischen einen Anteil von 47 Prozent an der installierten Gesamterzeugungsleistung aus. Bis zum Jahr 2030 soll der Anteil grünen Stroms auf bis zu 80 Prozent steigen. Im Fokus stehen darüber hinaus der Ausbau der Netz- und Ladeinfrastruktur für Elektromobilität oder die Energiewende zu Hause.
So hoch ist die Dividende der EnBW
Von den sprudelnden Kassen der EnBW profitieren auch die Hauptaktionäre, das Land Baden-Württemberg und der Zweckverband Oberschwäbische Elektrizitätswerke, die jeweils 46,75 Prozent halten. Sie sollen an den Gewinnen mit einer Dividende von 1,50 Euro je Aktie beteiligt werden – das sind 36 Prozent mehr als im vergangenen Jahr.
Der Konzernlenker macht klar: Die EnBW will bei der Energiewende vorangehen, braucht dazu aber die Unterstützung der Politik. Atom- und Kohlekraftwerke abzuschalten ist das eine, den Energiebedarf weiter decken zu können, das andere. Die Eckpunkte der Strategie für die Stand-by-Kraftwerke etwa seien noch zu schemenhaft. Diese mit Gas und später mit Wasserstoff betriebenen Kraftwerke sollen einspringen, wenn zu wenig Wind weht und die Sonne kaum scheint.
Kritik an neuen Gaskraftwerken
Die Bundesregierung hatte Anfang Februar kurzfristig vorgesehene Ausschreibungen von zehn Gigawatt wasserstofffähigen Kraftwerken angekündigt. Der Konzernchef betont: „Wenn die Kraftwerke schnell kommen sollen, dann brauchen wir noch schneller Klarheit über das künftige Investitionsumfeld. Vor allem müssen erste Ausschreibungen noch in diesem Jahr kommen.“ Gerade rüstet EnBW drei Kohlekraftwerke auf Gas um und macht diese wasserstofftauglich.
Tilman Massa, der für den Dachverband Kritische Aktionäre spricht, missfallen diese Pläne, die seinen Worten zufolge darauf hinauslaufen „fossile Kohle durch fossiles Gas zu ersetzen – und damit neue fossile Abhängigkeiten zu schaffen“. Dem Klima sei überhaupt nicht geholfen, wenn die Emissionen nun hauptsächlich bei der Gewinnung und dem Transport von fossilem Gas entstehen und weniger bei der Verbrennung im Kraftwerk, kritisiert der Aktionärsvertreter.