Stamatelopoulos wird neuer EnBW-Chef Schell wirft hin – die Gründe für den überraschenden Rücktritt

Paukenschlag bei der EnBW: Vorstandschef Schell legt nach Streit über die Strategie überraschend sein Amt nieder. Foto: dpa/Bernd Weißbrod

In der Führungsetage der EnBW herrscht ein größerer Streit darüber, wie der Umbau des Konzerns bewältigt werden soll. Die Gründe für den überraschenden Rücktritt von Andreas Schell.

Digital Desk: Jonas Schöll (jo)

Wer bei der Pressestelle der EnBW nachbohrt, woran Andreas Schell genau gescheitert ist, blitzt ab: „Bitte haben Sie Verständnis, dass wir uns zu internen Diskussionen zwischen Aufsichtsrat und Vorstand nicht im Detail äußern“, lässt eine Unternehmenssprecherin wissen. Schell hatte den Chefposten beim drittgrößten Energieversorger Deutschlands erst im November 2022, inmitten der Energiekrise, angetreten – mit einer Vertragslaufzeit von drei Jahren. An die Konzernspitze rückt nun Vorstandsmitglied Georg Stamatelopoulos, der bisher bei EnBW für das Thema Nachhaltigkeit verantwortlich ist.

 

Daran ist Andreas Schell gescheitert

Die Hintergründe dieses Paukenschlags werfen Fragen auf. Woran scheiterte Schell an der Spitze des Energiekonzerns? Was die Pressemitteilung des Konzerns deutlich macht: Es geht ums Große Ganze, den Masterplan für die Energiewende. Als wesentlichen Grund nennt die EnBW „unterschiedliche Auffassungen zwischen Aufsichtsrat und Vorstandsvorsitzendem in entscheidenden Fragen der strategischen Weiterentwicklung.“ In der Führungsetage herrscht anscheinend ein größerer Streit darüber, wie der Umbau des Konzerns bewältigt werden soll. Schon vor einer Woche hatte das Unternehmen ebenso überraschend die Strategiechefin ausgetauscht. Regina Wilde kam vom Chemiekonzern BASF und ersetzte Stefan Webers. Eine Woche später folgte nun der Abgang Schells.

Warum es im Aufsichtsrat grummelte

Nach Informationen unserer Zeitung hat der Aufsichtsrat vor allem kritisiert, dass Schell die von seinem Vorgänger Frank Mastiaux initiierte Unternehmensstrategie nicht voran gebracht hat. Aus Unternehmenskreisen heißt es, er habe strategische Ziele nicht im Konzern verankert und falsch eingeschätzt hat, was auf dem Weg zur Energiewende realistisch ist und was nicht. „Trotz intensiver Diskussionen konnte in den vergangenen Monaten keine Einigkeit (...) erzielt werden“, teilte der EnBW-Aufsichtsratsvorsitzende Lutz Feldmann mit. Doch einen konkreten Plan für die Zukunft der EnBW, der auch den Aufsichtsrat und die Großaktionäre überzeugte, brachte Schell nicht auf den Weg.

Von allen Seiten hörte man, dass der vormalige Chef des Motorenspezialisten Rolls-Royce Power Systems in der Branche und im Unternehmen nie vollends Fuß fasste. Im Vorstand kämpfte er um Akzeptanz, im Aufsichtsrat grummelte es zusehends, wie Recherchen unserer Zeitung zeigen. Unter seinem Vorgänger Frank Mastiaux hatte die EnBW den Atomausstieg eingeläutet, konsequent umgesetzt und stark in erneuerbare Energien investiert. Dass Kohle und Gas aber weiter eine große Rolle spielen, wurde einmal mehr durch die Energiekrise infolge des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine deutlich.

Einer mit Stallgeruch: „Stama“ soll es richten

Als eine seiner ersten Amtshandlungen verkündet Schell, schon 2028 aus der Kohle aussteigen zu wollen. Er führte den Kurs von Mastiaux weiter – betonte aber auch, dass dafür die politischen Rahmenbedingungen stimmen müssten. Das betrifft etwa die Kraftwerkstrategie der Bundesregierung, die lange auf sich warten ließ und erste Pläne des Wirtschaftsministeriums dazu aus Sicht der EnBW zu kurz greifen. Ende März wird die EnBW nach allen Prognosen einen Milliardengewinn ausweisen, eines der besten Ergebnisse ihrer Geschichte. Zahlen lieferte Schell, aber keine Visionen.

Richten soll es jetzt einer mit Stallgeruch: Georg Nikolaus Stamatelopoulos, der EnBW-intern nur „Stama“ genannt wird. Was seine Aufgabe so schwierig macht: Die vielschichtigen Positionen und Forderungen im Aufsichtsrat, in dem unter anderem Landräte, Gewerkschafter und Vertreter der Industrie sitzen. EnBW ist seit 2011 größtenteils im Besitz der öffentlichen Hand. Das Land Baden-Württemberg sowie der Zusammenschluss OEW von neun oberschwäbischen Landkreisen halten je fast 47 Prozent an dem Konzern.

15 Jahre bei der EnBW

Die Voraussetzungen dafür sind gegeben: Der neue Vorstandschef kennt den Markt und die EnBW seit Jahren. Seit Juni 2021 verantwortet er das Ressort „Nachhaltige Erzeugungsinfrastruktur“ im Vorstand und ist noch viel länger im Konzern mit dem Thema befasst. Von Aufsichtsrat Feldmann bekommt er Vorschusslorbeeren: „Georg Stamatelopoulos hat in den vergangenen fast 15 Jahren bei der EnBW den Umbau der Erzeugung in verschiedenen Positionen äußerst erfolgreich vorangetrieben.“

EnBW hat rund 5,5 Millionen Kundinnen und Kunden. Die Geschäfte liefen zuletzt gut: 2022 hatte das bereinigte Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen 3,29 Milliarden Euro betragen - 11 Prozent mehr als im Vorjahr. Jüngsten Prognose zufolge erwartet der Konzern für das abgelaufene Geschäftsjahr einen Anstieg auf bis zu 6,5 Milliarden Euro.

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„Stama“ – von Athen in den Chefsessel der EnBW

Georg Nikolaus Stamatelopoulos, Jahrgang 1970, wird EnBW-intern nur „Stama“ genannt. Aufgewachsen in der griechischen Hauptstadt Athen, wo er die deutsche Schule besuchte, ging er mit 23 Jahren und Maschinenbau-Diplom in der Fachrichtung Energie- und Verfahrenstechnik in der Tasche an die Universität Braunschweig, wo er bis 1996 promoviert hat.

Karriere

Nach Umwegen über Österreich und Alstom Power Systems kam Stamatelopoulos 2010 zur EnBW, wo er 2021 in den Vorstand berufen wurde. Dort ist er als Chief Operating Officer für die nachhaltige Erzeugungsinfrastruktur zuständig und leitet die Task Force Ukraine.

Privat

Der verheiratete Vater dreier Kinder heizt privat umweltfreundlich – mit einer Kombination aus Wärmepumpe und Solarthermie.

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